Im späteren Nachmittag klopfte es an der Kammertür, und da Knulp im Halbschlummer lag und keine Antwort gab, trat die Meistersfrau vorsichtig herein und stellte statt des leeren Suppentellers eine Schale Milchkaffee auf die Stabelle am Bett.
Knulp, der sie wohl hatte hereinkommen hören, blieb aus Müdigkeit oder Laune mit geschlossenen Augen liegen und ließ nichts davon merken, daß er wach sei. Die Meisterin, mit dem leeren Teller in der Hand, warf einen Blick auf den Schläfer, dessen Kopf auf dem halb vom blaugewürfelten Hemdärmel bedeckten Arme lag. Und da ihr die Feinheit des dunklen Haares und die fast kindliche Schönheit des sorglosen Gesichts auffiel, blieb sie eine Weile stehen und sah sich den hübschen Burschen an, von dem ihr der Meister viel Wunderliches erzählt hatte. Sie sah über den geschlossenen Augen die dichten Brauen auf der zarten, hellen Stirn und die schmalen, doch braunen Wangen, den feinen, hellroten Mund und den schlanken, lichten Hals, und alles gefiel ihr wohl, und sie dachte an die Zeit, da sie als Kellnerin im Ochsen je und je in Frühlingslaunen sich von einem solchen fremden, hübschen Buben hatte liebhaben lassen.
Indem sie sich, träumerisch und leicht erregt, ein wenig vorbeugte, um das ganze Gesicht zu sehen, glitt ihr der zinnerne Löffel vom Teller und fiel auf den Boden, worüber sie in der Stille und befangenen Heimlichkeit des Ortes heftig erschrak.
Nun schlug Knulp die Augen auf, langsam und unwissend, als habe er tief geschlafen. Er drehte den Kopf herüber, hielt einen Augenblick die Hand über die Augen und sagte mit Lächeln: »Eia, da ist ja die Frau Meisterin! Und hat mir einen Kaffee gebracht! Ein guter, warmer Kaffee, das ist gerade das, wovon ich in diesem Augenblick geträumt habe. Also schönen Dank, Frau Rothfuß! Was ist es denn auch für Zeit?«
»Viere,« sagte sie schnell. »Jetzt trinken Sie nur, solang er warm ist, nachher hol ich das Geschirr dann wieder.«
Damit lief sie hinaus, als habe sie keine Minute übrig. Knulp sah ihr nach und hörte zu, wie sie in Eile die Treppe hinab verschwand. Er machte nachdenkliche Augen und schüttelte mehrmals den Kopf, dann stieß er einen leisen, vogelartigen Pfiff aus und wendete sich zu seinem Kaffee.
Eine Stunde nach dem Dunkelwerden aber wurde es ihm langweilig, er fühlte sich wohl und prächtig ausgeruht und hatte Lust, wieder ein wenig unter Leute zu kommen. Behaglich stand er auf und zog sich an, schlich in der tiefen Dämmerung leise wie ein Marder die Treppe hinab und schlüpfte unbemerkt aus dem Hause. Der Wind blies noch immer schwer und feucht aus Südwesten, aber es regnete nicht mehr, und am Himmel standen große Flecken licht und klar.
Schnuppernd flanierte Knulp durch die abendlichen Gassen und über den verödeten Marktplatz, stellte sich dann im offenen Tor einer Hufschmiede auf, sah den Lehrlingen beim Aufräumen zu, fing ein Gespräch mit den Gesellen an und hielt die kühlen Hände über die dunkelrot verglosende Esse. Dabei fragte er obenhin nach manchen Bekannten in der Stadt, erkundigte sich über Todesfälle und Heiraten und ließ sich von dem Hufschmied für einen Kollegen ansehen, denn es waren ihm die Sprachen und Erkennungszeichen aller Handwerke geläufig.
Während dieser Zeit setzte die Frau Rothfuß ihre Abendsuppe an, klimperte mit den Eisenringen am kleinen Herd und schälte Kartoffeln, und als das getan war und die Suppe sicher auf schwachem Feuer stand, ging sie mit der Küchenlampe ins Wohnzimmer hinüber und stellte sich vor dem Spiegel auf. Sie fand darin, was sie suchte: ein volles, frischwangiges Gesicht mit bläulich-grauen Augen, und was ihr am Haar zu bessern schien, brachte sie schnell mit geschickten Fingern in Ordnung. Darauf strich sie die frischgewaschenen Hände noch einmal an der Schürze ab, nahm das Lämpchen zur Hand und stieg rasch ins Dach hinauf.
Sachte klopfte sie an die Türe der Gesellenkammer, und nochmals etwas lauter, und da keine Antwort kam, stellte sie die Leuchte an den Boden und machte mit beiden Händen vorsichtig die Tür auf, daß sie nicht knarre. Auf den Zehen ging sie hinein, tat einen Schritt und ertastete den Stuhl bei der Bettstatt.