Der Schneider ging durch die Tür hinaus und kam bald mit dem heißen Eisen wieder.

»So ist’s recht,« lobte Knulp, »danke schön!«

Er begann vorsichtig den Rand seines Filzhutes zu glätten, und da er hierin nicht so geschickt war wie im Nähen, nahm ihm der Freund das Eisen aus der Hand und tat die Arbeit selber.

»Das laß ich mir gefallen,« sagte Knulp dankbar. »Jetzt ist es wieder ein Sonntagshut. Aber schau, Schneider, von der Bibel verlangst du zu viel. Das, was wahr ist, und wie das Leben eigentlich eingerichtet ist, das muß ein jeder sich selber ausdenken und kann es aus keinem Buch lernen, das ist meine Meinung. Die Bibel ist alt, und früher hat man mancherlei noch nicht gewußt, was man heute kennt und weiß; aber darum steht doch viel Schönes und Braves drin, und auch ganz viel Wahres. Stellenweise ist sie mir gerade wie ein schönes Bilderbuch vorgekommen, weißt du. Wie das Mädchen da, die Ruth, übers Feld geht und die übrigen Ähren sammelt, das ist fein, und man spürt den schönsten warmen Sommer drin, oder wie der Heiland sich zu den kleinen Kindern setzt und denkt: ihr seid mir doch viel lieber als die Alten mit ihrem Hochmut alle zusammen! Ich finde, da hat er recht, und da könnte man schon von ihm lernen.«

»Ja, das wohl,« gab Schlotterbeck zu und wollte ihn doch nicht Recht haben lassen. »Aber einfacher ist es schon, wenn man das mit andrer Leute Kindern tut, als wenn man selber fünfe hat und weiß nicht, wie sie durchfüttern.«

Er war wieder ganz verdrossen und bitter, und Knulp konnte das nicht ansehen. Er wünschte ihm, ehe er gehe, noch etwas Gutes zu sagen. Er besann sich ein wenig. Dann beugte er sich zu dem Schneider, sah ihm mit seinen hellen Augen nah und ernsthaft ins Gesicht und sagte leise: »Ja, hast du sie denn nicht lieb, deine Kinder?«

Ganz erschrocken riß der Schneider die Augen auf. »Aber freilich, was denkst du auch! Natürlich hab ich sie lieb, den Größten am meisten.«

Knulp nickte mit großem Ernst.

»Ich will jetzt gehen, Schlotterbeck, und ich sage dir schönen Dank. Die Weste ist jetzt gerade das Doppelte wert. – Und dann, mit deinen Kindern mußt du lieb und lustig sein, das ist schon halb gegessen und getrunken. Paß auf, ich sage dir etwas, was niemand weiß und was du nicht weiter zu erzählen brauchst.«

Der Meister sah ihm aufmerksam und überwunden in die klaren Augen, die sehr ernst geworden waren. Knulp sprach jetzt so leise, daß der Schneider Mühe hatte, ihn zu verstehen.