»Sieh mich an! Du beneidest mich und denkst: der hat es leicht, keine Familie und keine Sorgen! Aber es ist nichts damit. Ich habe ein Kind, denk dir, einen kleinen Buben von zwei Jahren, und der ist von fremden Leuten angenommen worden, weil man doch den Vater nicht kennt und weil die Mutter im Kindbett gestorben ist. Du brauchst die Stadt nicht zu wissen, wo er ist; aber ich weiß sie, und wenn ich dorthin komme, dann schleiche ich mich um das Haus herum und steh am Zaun und warte, und wenn ich Glück habe und sehe den kleinen Kerl, dann darf ich ihm keine Hand und keinen Kuß geben und ihm höchstens im Vorbeigehen was vorpfeifen. – Ja, so ist das, und jetzt adieu, und sei froh, daß du Kinder hast!«
Knulp setzte seinen Gang durch die Stadt fort, er stand eine Weile plaudernd am Werkstattfenster eines Drechslers und sah dem geschwinden Spiel der lockigen Holzspäne zu, er begrüßte unterwegs auch den Polizeidiener, der ihm gewogen war und ihn aus seiner Birkendose schnupfen ließ. Überall erfuhr er Großes und Kleines aus dem Leben der Familien und Gewerbe, er hörte vom frühen Tod der Stadtrechnersfrau und vom ungeratenen Sohn des Bürgermeisters, er erzählte dafür neues von anderen Orten und freute sich des schwachen, launigen Bandes, das ihn als Bekannten und Freund und Mitwisser da und dort mit dem Leben der Seßhaften und Ehrbaren verband. Es war Samstag, und er fragte in der Toreinfahrt einer Brauerei die Küfergesellen, wo es heut abend und morgen eine Tanzgelegenheit gebe.
Es gab mehrere, aber die schönste war die im Leuen von Gertelfingen, nur eine halbe Stunde weit. Dahin beschloß er das junge Bärbele aus dem Nachbarhause mitzunehmen.
Es war bald Mittagszeit, und als Knulp die Treppe im Rothfußschen Hause erstieg, schlug ihm von der Küche her ein angenehm kräftiger Geruch entgegen. Er blieb stehen und sog in knabenhafter Lust und Neugierde mit spürenden Nüstern das Labsal ein. Aber so still er gekommen war, man hatte ihn schon gehört. Die Meistersfrau tat die Küchentüre auf und stand freundlich in der lichten Öffnung, vom Dampf der Speisen umwölkt.
»Grüß Gott, Herr Knulp,« sagte sie liebevoll, »das ist recht, daß Sie so zeitig kommen. Nämlich wir kriegen heut Leberspatzen, wissen Sie, und da hab ich mir gedacht, vielleicht könnte ich ein Stück Leber für Sie extra braten, wenn Sie es so lieber haben. Was meinen Sie?«
Knulp strich sich den Bart und machte eine Kavaliersbewegung.
»Ja, warum soll denn ich was Besonderes haben, ich bin froh, wenn’s eine Suppe gibt.«
»Ach was, wenn einer krank gewesen ist, gehört er ordentlich gepflegt, wo soll sonst die Kraft herkommen? Aber vielleicht mögen Sie gar keine Leber? Es gibt solche.«
Er lachte bescheiden.
»O, von denen bin ich nicht, ein Teller voll Leberspatzen, das ist ein Sonntagsessen, und wenn ich’s mein Lebtag jeden Sonntag essen könnte, wär ich schon zufrieden.«