»Bei uns soll Ihnen nichts fehlen. Zu was hat man kochen gelernt! Aber sagen Sie’s jetzt nur, es ist ein Stück Leber übrig, ich hab’s Ihnen aufgespart. Es täte Ihnen gut.«
Sie kam näher und lächelte ihm aufmunternd ins Gesicht. Er verstand gut, wie sie es meinte, und ziemlich hübsch war das Weiblein auch, aber er tat, als sehe er nichts. Er spielte mit seinem hübschen Filzhut, den ihm der arme Schneider aufgebügelt hatte, und sah nebenaus.
»Danke, Frau Meisterin, danke schön für den guten Willen. Aber Spatzen sind mir wirklich lieber. Ich werde schon genug verwöhnt bei Ihnen.«
Sie lächelte und drohte ihm mit dem Zeigefinger.
»Sie brauchen nicht so schüchtern zu tun, ich glaub’s Ihnen doch nicht. Also Spatzen! und ordentlich Zwiebel dran, gelt?«
»Da kann ich nicht nein sagen.«
Sie lief besorgt zu ihrem Herde zurück, und er setzte sich in die Stube, wo schon gedeckt war. Er las im gestrigen Wochenblatt, bis der Meister sich einfand und die Suppe aufgetragen wurde. Man aß, und nach Tische wurde zu dreien eine Viertelstunde mit Karten gespielt, wobei Knulp seine Wirtin durch einige neue, verwegene und zierliche Kartenkunststücke in Erstaunen setzte. Er verstand auch mit spielerischer Nachlässigkeit die Karten zu mischen und blitzschnell zu ordnen, er warf sein Blatt mit Eleganz auf den Tisch und ließ zuweilen den Daumen über die Kartenränder laufen. Der Meister sah mit Bewunderung und Nachsicht zu, wie ein Arbeiter und Bürger brotlose Künste sich gefallen läßt. Die Meisterin aber beobachtete mit kennerhafter Teilnahme diese Anzeichen einer weltmännischen Lebenskunst. Ihr Blick ruhte aufmerksam auf seinen langen, zarten, von keiner schweren Arbeit entstellten Händen.
Durch die kleinen Fensterscheiben floß ein dünner, unsicherer Sonnenschein in die Stube, über den Tisch und die Karten, spielte launisch und kraftlos am Fußboden mit den schwachen Schlagschatten und zitterte kreiselnd an der blau getünchten Stubendecke. Knulp nahm dies alles mit blinzelnden Augen wahr: das Spiel der Februarsonne, den stillen Frieden des Hauses, das ernsthaft arbeitsame Handwerkergesicht seines Freundes und die verschleierten Blicke der hübschen Frau. Es gefiel ihm nicht, das war kein Ziel und Glück für ihn. Wäre ich gesund, dachte er, und wäre es Sommerszeit, ich bliebe keine Stunde länger hier.
»Ich will ein wenig der Sonne nachgehen,« sagte er, als Rothfuß die Karten zusammenstrich und auf die Uhr sah. Er ging mit dem Meister die Treppe hinunter, ließ ihn im Trockenschuppen bei seinen Fellen und verlor sich in den öden schmalen Grasgarten, der, von Lohgruben unterbrochen, bis an das Flüßchen hinabreichte. Dort hatte der Gerber einen kleinen Brettersteg gebaut, an dem er seine Häute schwemmen konnte. Auf den Steg setzte sich Knulp, ließ die Sohlen knapp über dem still und rasch fließenden Wasser hängen, blickte belustigt den schnellen, dunklen Fischen nach, die unter ihm weg ihren Lauf hatten, und fing dann an, die Gegend neugierig zu studieren, denn er suchte eine Gelegenheit, mit der kleinen Dienstmagd von drüben zu sprechen.
Die Gärten stießen aneinander, durch einen schlecht erhaltenen Lattenzaun getrennt, und unten am Wasser, wo die Zaunpfähle längst vermodert und verschwunden waren, konnte man ungehindert vom einen Grundstück auf das andere hinübergehen. Der Nachbarsgarten schien mit mehr Sorgfalt gepflegt zu werden als der wüste Grasplatz des Weißgerbers. Man sah dort vier Reihen von Beeten liegen, vergrast und eingesunken, wie sie nach dem Winter sind, Ackerlattich und überwinterter Spinat wuchs spärlich in zwei Rabatten, Rosenbäumchen standen zur Erde gebogen mit eingegrabenen Kronen. Weiterhin standen, das Haus verbergend, ein paar hübsche Fichtenbäume.