»Angst hab ich gar keine, einmal vor Euch nicht. Aber es geht halt nicht. Wenn man sieht, daß ich mit einem Mannsbild spazieren geh –«
»Aber Bärbele, es kennt Euch ja hier kein Mensch. Und es ist doch wahrhaftig keine Sünde und geht niemand was an. Ihr seid doch kein Schulmädchen mehr, gelt? Also vergesset es nicht, ich bin um acht Uhr bei der Turnhalle drunten, da wo die Schranken für den Viehmarkt sind. Oder soll ich früher kommen? Ich kann es schon richten.«
»Nein, nein, nicht früher. Überhaupt – Ihr müsset gar nicht kommen, es geht nicht, und ich darf nicht – –«
Wieder zeigte er das knabenhaft betrübte Gesicht.
»Ja, wenn Ihr halt gar nicht möget!« sagte er traurig. »Ich habe gedacht, Ihr seid hier fremd und allein und habet manchmal das Heimweh, und ich auch, und da hätten wir einander ein bißchen erzählen können, von Achthausen hätt ich gern noch mehr gehört, weil ich doch einmal dort war. Ja nun, zwingen kann ich Euch nicht, und Ihr müsset mir’s auch nicht übelnehmen.«
»Ach was übelnehmen! Aber wenn ich doch nicht kann.«
»Ihr habt ja frei heut abend, Bärbele. Ihr möget bloß nicht. Aber vielleicht überlegt Ihr’s Euch noch. Ich muß jetzt gehen, und heut abend bin ich an der Turnhalle und warte, und wenn niemand kommt, dann geh ich allein spazieren und denk an Euch und daß Ihr jetzt nach Achthausen schreibet. Also adieu, und nichts für ungut!«
Er nickte kurz und war weg, ehe sie noch etwas sagen konnte. Sie sah ihn hinter den Bäumen verschwinden und machte ein ratloses Gesicht. Dann kehrte sie zur Arbeit zurück, und plötzlich begann sie – die Frau war ausgegangen – laut und schön dazu zu singen.
Knulp hörte es wohl. Er saß wieder auf dem Gerbersteg und machte kleine Kugeln aus einem Stückchen Brot, das er bei Tische zu sich gesteckt hatte. Die Brotkugeln ließ er sachte ins Wasser fallen, eine nach der andern, und schaute nachdenklich zu, wie sie untersanken, ein wenig von der Strömung abgetrieben, und wie sie unten auf dem dunklen Grunde von den stillen gespenstischen Fischen aufgeschnappt wurden.
»So,« sagte der Gerbermeister beim Nachtessen, »jetzt ist’s Samstag abend, und du weißt gar nicht, wie schön das ist, wenn man es die ganze Woche streng gehabt hat.«