»Jawohl. Ich will dir sagen, warum. Ich habe schon mit vielen Leuten gesprochen und auch viele Reden halten hören. Ich habe Pfarrer und Lehrer und Bürgermeister und Sozialdemokraten und Liberale reden hören; aber es war keiner dabei, dem es ganz bis ins Herz hinein Ernst war und dem ich zugetraut hätte, daß er im Notfall für seine Weisheit sich selber geopfert hätte. Bei der Heilsarmee aber, mit allem Musikmachen und Radau, hab ich schon drei-, viermal Leute gesehen und gehört, denen ist es Ernst gewesen.«
»Woher weißt du das denn?«
»Das sieht man schon. Der eine zum Beispiel, der hat in einem Dorf eine Rede gehalten, am Sonntag, im Freien bei einem Staub und einer Hitze, daß er bald ganz heiser war. Kräftig hat er ohnedas nicht ausgesehen. Wenn er kein Wort mehr herausbrachte, ließ er seine drei Kameraden einen Vers singen und nahm derweil einen Schluck Wasser. Das halbe Dorf ist um ihn herumgestanden, Kinder und Große, und haben ihn für Narren gehabt und kritisiert. Hinten stand ein junger Knecht, der hatte eine Peitsche und ließ von Zeit zu Zeit einen Mordsknaller los, um den Redner recht zu ärgern, und dann lachten jedesmal alle. Aber der arme Kerl ist nicht bös geworden, obwohl er gar nicht dumm war, sondern hat sich mit seinem Stimmlein in dem Spektakel durchgefochten und hat gelächelt, wo ein andrer geheult oder geflucht hätte. Weißt du, das tut einer nicht um einen Hungerlohn und um des Vergnügens willen, sondern er muß eine große Helligkeit und Gewißheit in sich haben.«
»Meinetwegen. Aber eins paßt nicht für alle. Und wer ein feiner und empfindsamer Mensch ist wie du, der tut bei dem Spektakel nicht mit.«
»Vielleicht doch. Wenn er etwas weiß und hat, was noch viel besser ist als die ganze Feinheit und Empfindsamkeit. Es paßt freilich nicht eins für alle, aber die Wahrheit, die muß für alle passen.«
»Ach Wahrheit! Woher weiß man, ob gerade die mit ihrem Halleluja die Wahrheit haben.«
»Das weiß man nicht, ganz richtig. Aber ich sage ja nur: Wenn ich einmal finde, daß das die Wahrheit ist, dann will ich ihr auch folgen.«
»Ja wenn! Aber du findest ja jeden Tag eine Weisheit, und morgen läßt du sie nimmer gelten.«
Er sah mich betroffen an.
»Da hast du etwas Schlimmes gesagt.«