Ich wollte mich entschuldigen, doch wehrte er ab und blieb still. Bald sagte er leise gut Nacht und legte sich ruhig hin, aber ich glaube nicht, daß er schon schlief. Auch ich war noch zu lebhaft und lag noch weit über eine Stunde lang mit aufgestützten Ellbogen da und schaute in das nächtliche Land hinein.

Am Morgen sah ich gleich, daß Knulp heute seinen guten Tag habe. Ich sagte ihm das, und er strahlte mich mit seinen kinderhaften Augen an und sagte: »Richtig geraten. Und weißt du auch, wo es herkommt, wenn einer so einen guten Tag hat?«

»Nein, woher?«

»Es kommt davon, daß man nachts gut geschlafen und recht viel Schönes geträumt hat. Aber man darf es nimmer wissen. So geht mir’s heute. Ich habe lauter Pracht und Lustbarkeit zusammengeträumt, aber alles vergessen; ich weiß nur noch, daß es herrlich schön gewesen ist.«

Und noch eh wir das nächste Dorf erreicht und eine Morgenmilch im Leibe hatten, sang er schon mit seiner warmen, leichten, mühelosen Stimme drei, vier nagelneue Lieder in die nüchterne Frühe hinein. Aufgeschrieben und abgedruckt würden diese Lieder vielleicht recht wenig vorstellen. Aber wenn Knulp kein großer Dichter war, so war er doch ein kleiner, und während er sie selber sang, sahen seine Liedchen den schönsten anderen oft ähnlich wie hübsche Geschwister. Und einzelne Stellen und Verse, die ich behalten habe, sind wahrhaft schön und mir noch immer wert. Es ist nichts davon aufgeschrieben worden, und seine Verse kamen, lebten und starben harmlos und verantwortungslos, wie die Lüfte wehen, aber sie haben nicht nur mir und ihm, sondern vielen anderen, Kindern und Alten, manche Viertelstunde schön und lieb gemacht.

Hell und sonntagsangetan
Wie ein Fräulein aus dem Tor,
Kommt sie rot und aber stolz
Überm Tannenwald hervor –

so sang er an jenem Tage von der Sonne, die in seinen Liedern fast immer vorkam und gepriesen wurde. Und sonderbar, so wenig er im Gespräch das Spekulieren lassen konnte, so unbefangen waren seine Verslein, die wie saubere Kinder in hellen Sommerkleidern dahinsprangen. Oft waren sie auch sinnlos drollig und dienten nur dazu, den vorhandenen Übermut entströmen zu lassen.

Den damaligen Tag wurde ich ganz von seiner Laune angesteckt. Wir begrüßten und neckten alle Leute, die uns begegneten, so daß hinter uns her bald gelacht, bald geschimpft wurde, und der ganze Tag verging uns wie eine Festlichkeit. Wir erzählten einander Streiche und Witze aus der Schulzeit, hingen den vorübergehenden Bauern und oft auch ihren Rossen und Ochsen Spitznamen an, aßen uns an einem verborgenen Gartenzaun an gestohlenen Stachelbeeren satt und schonten unsere Kräfte und Stiefelsohlen, indem wir beinahe jede Stunde eine Rast hielten.

Mir schien, seit meiner noch jungen Bekanntschaft mit Knulp hätte ich ihn noch nie so fein und lieb und unterhaltsam gefunden, und ich freute mich darauf, daß von heute an das eigentliche Zusammenleben und Wandern und Lustigsein erst anheben sollte.

Der Mittag wurde schwül, und wir lagen mehr im Grase als wir marschierten, und gegen den Abend hin zog sich Gewitterdunst und drange Luft zusammen, so daß wir beschlossen, für die Nacht ein Dach zu suchen.