Da weise Regierungen sich um alles bekümmern, was die Volkserziehung zu heben vermag, und alle dazu dienenden Institute fördern und stützen, wage ich hier, obwohl auf diesem Gebiet ein vollkommener Laie, Fachleute auf die Tatsache hinzuweisen, daß von allen Spielen, Unterhaltungen und Belustigungen keine einzige die Teilnehmer so sehr zu Selbstbeherrschung, Ruhe und Anstand erzieht wie das Hasardspiel im öffentlichen Spielsaal.
So sympathisch, ja wohltätig mir also das Spiel erscheint, ich fand immerhin Gelegenheit, auch über seine Schattenseiten nachzudenken, vielmehr sie experimentell zu erleben. Die oft so leidenschaftlich mit moralistischem Pathos vorgetragenen Einwände der Nationalökonomen gegen das Spiel scheinen mir, von meinem Standpunkt aus, alle belanglos. Daß der Spieler in Gefahr gerät, zu leicht Geld zu gewinnen und darum die Heiligkeit der Arbeit verachten zu lernen, daß er andererseits in der Gefahr schwebt, all sein Geld zu verlieren, daß er drittens nach längerem Zuschauen beim Rollen der Spielbälle und Talerstücke sogar den Grundbegriff ökonomisch-bürgerlicher Moral, die unbedingte Hochachtung vor dem Gelde, verlieren kann, ist allerdings alles richtig, doch kann ich alle diese Gefahren nicht sehr ernst nehmen. Mir, dem Psychologen, schiene für sehr viele schwer seelenkranke Menschen der rasche Verlust ihres Vermögens und die Erschütterung ihres Glaubens an die Heiligkeit des Geldes durchaus kein Unglück, sondern die sicherste, ja einzig mögliche Rettung zu bedeuten, und ebenso scheint mir inmitten unsres heutigen Lebens, im Gegensatz zum alleinigen Kultus der Arbeit und des Geldes, der Sinn für das Spiel des Augenblicks, das Offenstehen für den Zufall, das Vertrauen in die Launen des Schicksals etwas durchaus Wünschenswertes, woran wir alle sehr Mangel leiden.
Nein, was nach meiner Meinung der Fehler des Geldspiels ist und es trotz seiner prächtigen Seiten schließlich doch zu einem Laster macht, das ist etwas rein Seelisches. Nach meiner persönlichen, höchst angenehmen Erfahrung gewährt es eine beglückende Anregung, sich täglich zwanzig Minuten der Spannung des Roulettespiels und der so unwirklichen Atmosphäre des Spielsaals auszusetzen. Für eine gelangweilte, leere, müde Seele ist dies ein wahres Labsal, eins der besten, die ich je probierte. Der Fehler ist nur (und diesen Fehler hat das Spiel mit dem ebenfalls so angenehmen Alkohol gemeinsam) – der Fehler ist, daß beim Spiel diese ganze hübsche Anregung von außen kommt und rein mechanisch und materiell ist, so daß die große Gefahr besteht, im Vertrauen auf diese immer wieder wirksame Anregungsmechanik die eigene Übung, die seelische Aktivität zu vernachlässigen und zuletzt einzubüßen. Wenn man, statt durch Denken, durch Träumen, durch Phantasieren oder Meditieren, die Seele bloß mechanisch durch die Roulette in Schwung setzt, so ist das ungefähr dasselbe, wie wenn man für seinen Körper zwar Bad und Masseur in Anspruch nimmt, auf eigene Leistung, auf Sport und Training aber verzichtet. Auch die Anregungsmechanik des Kinematographen, der die eigene künstlerische Leistung des Auges, das Entdecken, Auswählen und Festhalten des Schönen und Interessanten, durch eine rein materielle Augenfütterung ersetzt, beruht auf dem gleichen Schwindel.
Nein, ebenso wie man neben dem Masseur das Turnen braucht, so braucht die Seele, statt oder neben dem Spiel und allen diesen hübschen Anregungen, notwendig die eigene Leistung. Darum ist hundertmal besser als das Glücksspiel jede aktive Übung der Seele: straffe, scharfe Denk- und Gedächtnisübung, Übung im Reproduzieren gesehener Dinge bei geschlossenen Augen, abendliches Rekonstruieren des Tageslaufes, freies Assoziieren und Phantasieren. Ich füge dies bei, ebenfalls für die Freunde des Volkswohls und vielleicht zur Korrektur meines obigen laienhaften Winkes – denn auf diesem Gebiet, dem der rein seelischen Erfahrung und Erziehung, bin ich kein Laie, vielmehr ein alter, fast schon allzu gewiegter Fachmann.
Nun habe ich mich wieder weit vom Thema verirrt, wie es denn überhaupt das Schicksal dieser Aufzeichnungen zu sein scheint, daß sie, unfähig, irgendein Einzelproblem bis zur Lösung auszuarbeiten, mehr assoziativ und zufällig die andringenden Einfälle aneinanderreihen. Aber vielleicht, so nehme ich an, gehört dies eben mit zur Psychologie des Kurgastes.
Ich verließ mein Thema, mein so unerquickliches Thema, zugunsten einer kleinen Lobrede auf das Hasardspiel, welche Lobrede ich geneigt wäre, noch des weiteren auszuspinnen, denn die Rückkehr zum Thema fällt mir schwer. Allein es muß sein. Kehren wir zum Kurgast Hesse zurück, betrachten wir nochmals diesen bequem gewordenen älteren Herrn mit der unlustigen und müden Haltung und dem hinkenden Gange! Er gefällt uns nicht, der Mann, wir können ihn nicht lieben, wir können ihm nicht aus aufrichtigem Herzen eine lange oder gar eine endlose Fortsetzung seines weder vorbildlichen noch interessanten Lebens wünschen. Wir werden nichts dagegen haben, wenn dieser Herr einst von der Bühne abtritt, auf welcher er schon längst keine erfreuliche Figur mehr macht. Sollte er zum Beispiel eines Morgens im Bade der Müdigkeit erliegen, unter Wasser geraten und unten bleiben, so sähen wir darin keinen Anlaß zum Bedauern.
Wenn wir jedoch über besagten Kurgast uns so wenig interessiert aussprechen, so bezieht sich das einzig auf seine derzeitige Funktion, seinen momentanen Aggregatzustand. Nicht aus dem Auge verlieren dürfen wir die niemals erlöschende Möglichkeit, daß sein Zustand sich ändere, daß sein Wesen auf einen neuen Nenner hin umgerechnet werde. Dies Wunder, oft schon erlebt, bleibt stündlich möglich. Wenn wir den Kurgast Hesse mit Kopfschütteln betrachten und reif zum Untergang finden, so bleibe unvergessen, daß wir an Untergang nicht im Sinne der Vernichtung, nur im Sinne der Verwandlung glauben können, denn Fundament und Nährboden all unsrer Meinungen, also auch unsrer Psychologie, ist der Glaube an Gott, an die Einheit – und die Einheit kann, auf dem Weg der Gnade sowohl wie der Erkenntnis, auch im verzweifeltsten Fall stets wieder hergestellt werden. Es gibt keinen Kranken, der nicht mit einem einzigen Schritt, sei es auch der Schritt durch den Tod, wieder gesund werden und zum Leben eingehen könnte. Es gibt keinen Sünder, der nicht mit einem einzigen Schritt, sei es auch vielleicht durch die Hinrichtung hindurch, wieder unschuldig und göttlich werden könnte. Und es gibt keinen vergrämten, entgleisten und scheinbar entwerteten Menschen, den nicht ein Wink der Gnade im Augenblick erneuern und zum frohen Kinde machen könnte. Dieser mein Glaube, dies mein Wissen möge beim Schreiben sowie beim Lesen dieser Blätter niemals vergessen werden. Und der Verfasser dieser Blätter wüßte in der Tat auch nicht, woher er den Mut, die Berechtigung, die Verwegenheit zu seinen Kritiken und Launen, seinen Pessimismen und Psychologien nehmen sollte, wenn ihnen nicht in seiner Seele beständig das Wissen um die Einheit als ein unzerstörbares Gleichgewicht gegenüberstände. Im Gegenteil: Je weiter ich mich auf der einen Seite exponiere und hinauswage, je schonungsloser ich kritisiere, je elastischer ich auf Launen eingehe, desto heller strahlt jenseits, auf der Gegenseite, das Licht der Versöhnung. Wäre dieser unendliche, ständig wogende Ausgleich nicht, woher nähme ich da den Mut, ein einziges Wort zu sagen, ein Urteil zu fällen, Liebe oder Haß zu fühlen und zu äußern und eine einzige Stunde zu leben?
Besserung
Bald wird meine Kur zu Ende sein. Und, Gott sei Dank, es geht besser, es geht gut. Eine Woche lang war ich ganz verloren und untergesunken, bloß noch krank, bloß noch müde, bloß noch gelangweilt und meiner selbst überdrüssig. Wenig fehlte, so hätte ich mir einen Gummifuß an meinen Stock machen lassen. Wenig fehlte, so hätte ich angefangen, die Kurliste zu lesen. Wenig fehlte, so hätte ich der Unterhaltungsmusik nicht mehr bloß eine Viertel- oder halbe Stunde zugehört, sondern die ganzen, ein- oder zweistündigen Konzerte zu mir genommen, hätte abends statt einer Flasche Bier zwei getrunken. Wenig fehlte, so hätte ich im Kursaal meine ganze Barschaft verspielt. Auch hatte ich mich ein wenig von meinen Tischnachbarn im Hotel einspinnen lassen, lieben, angenehmen Menschen, vor denen ich Respekt habe und von denen ich viel hätte lernen können, hätte ich nicht den alten Fehler gemacht, dies auf dem Wege des Gesprächs zu versuchen. Und Gespräche mit Menschen, denen man nicht im Innersten verbunden ist, sind nun einmal fast immer so öde und enttäuschend. Dazu kommt, daß Fremde, wenn sie mich ansprechen, leider immer den Fachmann in mir sehen und in ihren Gesprächen irgendwie meinen, auf Literatur und Kunst zu sprechen kommen zu müssen, und natürlich wird dann Blech geschwatzt, und die reizendsten Menschen lernt man von einer Seite kennen, wo sie von den andern elf vom Dutzend nicht zu unterscheiden sind.
Dazu die Schmerzen und schlechtes Wetter, bei dem ich mich täglich neu erkältete (ich begriff jetzt die ewigen Erkältungen meines Holländers), und die furchtbare Kurmüdigkeit – es war eine Reihe von Tagen, deren ich mich nicht rühmen kann. Aber wie das so geht, eines Tages war diese Reihe eben zu Ende. Es kam ein Tag, da war mir alles so entleidet, daß ich vollkommen liegen blieb und nicht einmal mehr zum täglichen Bad zu haben war. Ich streikte, ich blieb einfach liegen, nur einen Tag lang, und vom nächsten Tag an ging es besser. Dieser Tag, an dem die Wende eintrat, ist mir denkwürdig, weil die Wende und Umstellung ganz plötzlich und überraschend kam. Der Mensch wird mit jeder, auch mit der widerwärtigsten Situation fertig, wenn er nur erst will, und so habe auch ich, selbst an den ödesten und deprimiertesten Tagen dieser Kur, mitten in allem Mißmut nie daran gezweifelt, daß ich auch aus diesem Sumpf wieder emporkriechen würde. Das Emporkriechen, das langsame, mühsame Besiegen der Außenwelt, das langsame Suchen und Finden der vernünftigsten Einstellung, das war, wie ich wußte, ein stets gangbarer Weg, es war der sehr gangbare, sehr empfehlenswerte Weg der Vernunft. Von früheren Erlebnissen her kannte ich aber auch den andern Weg, den nicht zu suchenden, nur zu findenden, den des Glücks, der Gnade, des Wunders. Daß das Wunder gerade jetzt mir nahe sei, daß ich aus dem beschämenden Zustand dieser elenden Tage nicht mühsam und staubig auf der Landstraße der Vernunft, des bewußten Trainings, sondern beflügelt auf dem blumigen Weg der Gnade erlöst werden möchte, das hatte ich nicht zu hoffen gewagt.