Am Tage, an dem ich mich wieder aus der Betäubung erhob und zur Fortsetzung der Kur und des Lebens entschloß, war ich zwar etwas ausgeruht, jedoch keineswegs guter Laune. Die Beine schmerzten, der Rücken tat weh, der Nacken war steif, das Aufstehen fiel schwer, schwer der Weg zum Lift und ins Bad, schwer der Weg zurück. Als es endlich Mittag geworden war und ich verdrossen und ohne Appetit zum Speisesaal schlich, nahm ich plötzlich mich selber wahr, war ich plötzlich nicht mehr bloß der Kurgast, der mit schwerfälligem Gebein und freudlosem Gesicht die Hoteltreppen hinunterstieg, sondern war zugleich Zuschauer meiner selbst. Auf irgendeiner der vielen Treppenstufen war es plötzlich da, war ich plötzlich in zwei gespalten, sah mir selber zu, sah diesen appetitlosen Kurgast seine Treppen hinabschleichen, sah ihn die Hand hilfsbedürftig auf die Treppenbrüstung legen, sah ihn am grüßenden Oberkellner vorbei den Speisesaal betreten. Oft schon hatte ich diesen Zustand erlebt, und ich begrüßte es alsbald als ein glückliches Zeichen, daß er mitten in dieser unfruchtbaren und verdrießlichen Epoche plötzlich wieder da war.
Ich setzte mich im hohen hellen Speisesaal an mein einsames rundes Tischlein und sah mir zugleich zu, wie ich mich setzte, wie ich den Stuhl unter mir zurechtrückte und dabei ein wenig auf die Lippen biß, weil es weh tat, wie ich dann mechanisch die Blumenvase in die Finger nahm und mir etwas näher stellte, wie ich langsam und unentschlossen die Serviette aus dem Ringe zog. Da und dort kamen andere Gäste, setzten sich an ihre Tischlein, wie die Zwerge im Schneewittchen, zupften die Serviette aus dem Ring. Der Kurgast Hesse aber war hauptsächlich der Gegenstand meines zuschauenden Ich. Der Kurgast Hesse, mit beherrschtem, aber tief gelangweiltem Gesicht, schenkte ein wenig Wasser in sein Glas, brach ein Stückchen Brot ab, alles nur zum Zeitvertreib, denn er beabsichtigte weder das Wasser zu trinken noch das Brot zu essen, er löffelte spielend seine Suppe, blickte mit stumpfsinnigem Blick zu den anderen Tischen im großen Saal hinüber, blickte zu den mit Landschaften bemalten Wänden empor, schaute dem Oberkellner zu, wie er rasch durch den Saal lief, und den hübschen Saaltöchtern in schwarzen Kleidchen, mit weißen Schürzen. Von den übrigen Kurgästen saßen einige in Gesellschaft oder in Paaren an etwas größeren Tischen, die meisten aber saßen gleich dem Obigen allein vor ihrem einsamen Teller, mit beherrschtem, aber tief gelangweiltem Gesicht, schenkten langsam etwas Wasser oder Wein in ihre Gläser, zupften am Brot, blickten mit stumpfsinnigem Blick zu den Tischen der andern hinüber, blickten zu den mit Landschaften bemalten Wänden empor, schauten dem eilenden Oberkellner nach und den hübschen Saaltöchtern in schwarzen Kleidchen, in weißen Schürzen. An den Wänden warteten freundlich, dumm und ein wenig verlegen die hübschen Landschaften, und von der Saaldecke herab, Einfälle eines verschollenen Dekorateurs, blickten freundlich und unverlegen vier bemalte Elefantenköpfe, welche mir an früheren Tagen oft Freude gemacht haben, denn ich bin ein Freund und Anbeter der indischen Götter und sah in jedem dieser Köpfe den feinen, klugen, elefantenköpfigen Gott Ganesha, den ich sehr verehre. Und oft, während ich von meinem Tischchen zu den Elefanten hinaufgesehen, hatte ich mich darüber besonnen, woran nun das liege, daß man mir in meiner Kindheit erzählt hatte, der Vorzug des Christentums bestehe hauptsächlich darin, daß es keine Götter und Götzenbilder kenne, und daß ich doch, je älter und klüger ich werde, gerade darin den großen Nachteil dieser Religion sehe, daß sie, außer der wunderbaren katholischen Maria, so gar keine Götter und Götterbilder hat. Ich gäbe viel dafür, wenn zum Beispiel die Apostel, statt etwas langweilige und zu fürchtende Prediger, Götter mit allerlei herrlichen Kräften und Naturzeichen wären, und sehe nur einen schwachen, immerhin willkommnen Ersatz dafür in den Tieren der Evangelisten.
Derjenige nun, welcher mir und den Gästen und dem allem zusah, dem gelangweilt essenden Hesse, den gelangweilt essenden Mitgästen, war nicht der Kurgast und Ischiatiker Hesse, sondern der alte, etwas gesellschaftsfeindliche Eremit und Sonderling Hesse, der alte Wanderer und Poet, der Freund der Schmetterlinge und Eidechsen, der alten Bücher und Religionen, jener Hesse, der sich der Welt entschlossen und kräftig gegenüberstellte und dem es ein tiefes Leid bereitete, wenn er sich von seiner Behörde einen Heimatschein ausstellen lassen oder auch nur den Zettel einer Volkszählung ausfüllen mußte. Dieser alte Hesse, dieses mir in der letzten Zeit etwas fremd gewordene und verloren gegangene Ich, war nun wieder da und schaute uns zu. Es sah, wie der appetitlose Gast Hesse mit lustlos spielender Gabel den schönen Fisch zerstückte und ohne Hunger dennoch Bissen um Bissen in seinen verdrießlichen Mund steckte, es sah, wie er ohne jede Notwendigkeit, ohne jeden Sinn das Wasserglas, das Salzfaß hin und her rückte, die Füße unterm Stuhl bald streckte, bald anzog, wie die andern Gäste dasselbe taten, wie diese gelangweilten Leute vom Oberkellner und von den hübschen jungen Mädchen mit äußerster Sorgfalt bedient und gefüttert wurden, obgleich niemand Hunger hatte, und wie draußen hinter den hohen feierlichen Bogenfenstern des Saales, in einer andern Welt, die Wolken am Himmel hinzogen. Dies alles sah der geheime Zuschauer, und plötzlich erschien diese ganze Veranstaltung ihm ungeheuer seltsam, drollig und komisch oder auch unheimlich, dies bange, starre Wachsfigurenkabinett von Menschen, die nicht recht lebten, dieser langweilige, ohne Appetit essende Hesse, diese langweiligen anderen. Es war unerträglich lächerlich, unerträglich idiotisch, dies Schauspiel voll sinnloser Feierlichkeit, all diese aufgehäufte Menge von Essen, von Porzellan und Glas, von Silber, Wein, Brot, Dienerschaft, alles für die paar längst satten Gäste, deren Langeweile und Trübsinn weder das Essen noch das Trinken noch der Blick zu den ziehenden Wolken zu heilen vermochte.
Eben hob der Kurgast Hesse sein Wasserglas, nur aus Langeweile, führte es zum Munde, ohne richtig zu trinken, reihte an alle die ratlosen und automatischen Scheinhandlungen dieser Mahlzeit eine neue, da vollzog sich die Vereinigung der beiden Ich, des essenden und des zuschauenden, und plötzlich mußte ich das Glas schnell wegstellen, denn mich erschütterte von innen her eine plötzlich aufgesprungene, ungeheure Lachlust, eine ganz kindische Fröhlichkeit, eine plötzliche Einsicht in die unendliche Lächerlichkeit dieser ganzen Situation. Für einen Augenblick schien mir im Bilde des Saales voll kranker, unlustiger, verwöhnter und träger Leute (wobei ich annahm, es sehe in den Seelen der andern ähnlich aus wie in meiner) unser ganzes zivilisiertes Leben gespiegelt, ein Leben ohne starken Antrieb, zwangsläufig in festgelegten Gleisen rollend, unlustig, ohne Verbindung mit Gott und mit den Wolken am Himmel. Ich dachte einen Augenblick lang an die tausend Speisesäle, in welchen es ebenso aussah, dachte an die hunderttausend Kaffeehäuser mit befleckten Marmortischen und süßer, überwürzter, geil melkender Musik, an die Hotels und Bureaus, an all die Architektur, die Musik, die Gewohnheiten, innerhalb deren unsre Menschheit lebt, und alles schien mir an Bedeutung und Wert ähnlich wie das gelangweilte Spiel meiner müßigen Hand mit der Fischgabel, wie das unbefriedigte öde Hin und Her meiner lieblosen Blicke durch den Saal. Alles zusammen aber, Speisesaal und Welt, Kurgäste und Menschheit, schien mir, einen Augenblick lang, keineswegs entsetzlich und tragisch, sondern bloß ungeheuer lächerlich. Man brauchte ja nur zu lachen, so war der Bann durchstoßen, die Mechanik durchbrochen, so zogen Gott und die Vögel und Wolken durch unsern öden Saal, und wir waren nicht mehr trübe Gäste an der Kurtafel, sondern vergnügte Gäste Gottes an der bunten Tafel der Welt.
Schleunigst setzte ich, wie gesagt, in dieser Sekunde mein Wasserglas weg, von innen her geschüttelt und überflutet von einem großen Gelächter. Es bereitete mir eine große Mühe, dies Gelächter zu bändigen, es nicht explodieren zu lassen. Ach, als Kinder haben wir das so oft erlebt, daß man an irgendeiner Tafel, in irgendeiner Schule oder Kirche sitzt und bis in die Nase und Augen hinauf geladen ist mit mächtiger, wohlbegründeter Lachlust und doch nicht lachen darf und irgendwie damit fertigwerden muß, des Lehrers wegen, der Eltern wegen, der Ordnung und des Gesetzes wegen. Ungern glaubten und gehorchten wir diesen Lehrern, diesen Eltern und waren sehr erstaunt und sind es noch heute, wenn hinter ihren Ordnungen, Religionslehren und Sittenlehren als Autorität jener Jesus stehen sollte, der doch gerade die Kinder seliggesprochen hat. Sollte er wirklich bloß die Musterkinder gemeint haben?
Aber auch diesmal glückt es mir, mich zu beherrschen. Ich bleibe still und fühle nur das Drängen im Hals und den Kitzel in der Nase und suche sehnlich nach irgendeinem kleinen Ventil und Ausweg, einem erlaubten und möglichen Ausweg für das, was mich sonst erstickt. Ob es wohl anginge, den Oberkellner, wenn er wieder vorbeikam, ein wenig ins Bein zu zwicken oder die Saaltöchter mit etwas Wasser aus meinem Glase zu spritzen? Nein, es ging nicht, alles war verboten, es war die alte Geschichte wie vor dreißig Jahren.
Während ich dieses dachte und das Lachen mir zu oberst in der Kehle saß, starrte ich gerade zum Nachbartisch hinüber und ins Gesicht einer mir unbekannten Frau, einer krank aussehenden Dame mit grauem Haar, die einen Krankenstock neben sich an der Wand lehnen hatte und damit beschäftigt war, mit ihrem Serviettenring zu spielen, denn es war gerade eine der Eßpausen und wir alle wandten die gewohnten Mittel an, diese Zeit auszufüllen. Einer las heftig in einer alten Zeitung; man sah deutlich, daß er sie längst auswendig wußte, dennoch schluckte er, aus Langeweile, wieder und wieder die Nachricht vom Unwohlsein des Herrn Präsidenten und den Bericht über die Tätigkeit einer Studienkommission in Kanada hinunter. Eine alte Jungfer mischte zwei Pülverchen in ihrem Glas, Medizinen, um sie dann nach dem Essen einzunehmen. Sie sah ein wenig aus wie eine von den gefürchteten älteren Damen in den Märchen, welche Zaubermittel zum Schaden andrer und hübscherer Leute mischen. Ein elegant und müde aussehender Herr, wie aus einem Roman von Turgenjew oder Thomas Mann, blickte distinguiert und wehmutvoll auf eine der an die Wand gemalten Landschaften. Am besten gefiel mir noch unsre Riesin, sie saß in untadeliger Haltung und in guter Laune, wie fast immer, vor ihrem leeren Teller und sah weder böse noch langweilig aus. Dagegen jener strenge moralische Herr mit den Falten und dem starken Nacken lastete wie ein ganzes Schwurgericht auf seinem Stuhle und machte ein Gesicht, als habe er soeben seinen eigenen Sohn zum Tode verurteilt, während er doch bloß einen Teller voll Spargeln gegessen hatte. Herr Kesselring, der rosige Page, sah auch heute noch hold und rosig, doch ein wenig gealtert und bestaubt aus, er schien keinen guten Tag zu haben, und das Grübchen auf seiner Kinderwange schien heute ebenso unwahrscheinlich und überflüssig wie das Päckchen pikanter Bilderchen in seiner Brusttasche. Wie seltsam und drollig war das alles! Warum saßen wir alle so da und warteten und grinsten? Warum aßen wir und warteten auf weitere Speisen, da wir doch alle längst nicht mehr hungrig waren? Warum strich Kesselring sein poetisches Haar mit einem winzigen Taschenbürstchen, warum trug er jene dummen Bilder in seiner Tasche, warum war diese Tasche mit Seide gefüttert? Alles war so unbegründet und unwahrscheinlich. Alles reizte so heftig zum Lachen.
Und ich starrte also in das Gesicht der alten Dame. Da ließ sie auf einmal ihren Serviettenring los und blickte mich an, und während wir einander einen Augenblick anstarrten, stieg mir das Lachen ins Gesicht, und ich konnte nicht anders, ich grinste die Frau mit all dem in mir aufgestauten Gelächter auf das freundlichste an, es zog mir den Mund auseinander und lief zu den Augen heraus. Was sie nun über mich dachte, weiß ich nicht, aber sie reagierte prachtvoll. Zuerst senkte sie schnell ihren Blick und nahm eilig ihr Spielzeug wieder in die Hand, aber ihr Gesicht war unruhig geworden, und während ich mit der größten Neugierde zuschaute, verzog es sich mehr und mehr und ließ sich auf die sonderbarsten Grimassen ein. Sie lachte! Sie kämpfte grimassierend und schluckend gegen den Lachtrieb, mit dem ich sie angesteckt hatte! Und so saßen denn wir beide, den Hotelgenossen als gesetzte ältere Leute bekannt, wie die Schulkinder an unseren Plätzen, blickten vor uns hin, schielten eins zum andern, und unsre Gesichter arbeiteten zuckend, um des Lachens Meister zu bleiben. Zwei, drei andere im Saal bemerkten es und fingen an, vergnügt und etwas spöttisch zu lächeln, und, als wäre eine Fensterscheibe zerbrochen und der blauweiße Himmel hereingeflossen, lief für Minuten eine frohe und kitzelnde Stimmung, ein Schmunzeln durch den ganzen Saal, als habe jedermann es nun ebenfalls bemerkt, wie unsäglich blöde und lächerlich wir in unsrer Kurwürde und langweiligen Traurigkeit dagesessen hatten.
Seit jenem Augenblick geht es mir wieder gut, ich bin nicht mehr bloß Kurgast, auf das Kranksein und Kurieren spezialisiert, sondern die Krankheit und Kur ist wieder zur Nebensache geworden. Weh tut es ja immer noch, das ist nicht zu leugnen. Aber so soll es denn in Gottes Namen wehtun; ich überlasse die Krankheit sich selber, ich bin nicht dazu da, ihr den ganzen Tag den Hof zu machen.
Nach Tische sprach mich ein Hotelgast an, ein mir recht unsympathischer Herr mit vielen Meinungen, der mir schon häufig Zeitungen angeboten und Unterhaltungen aufgenötigt hatte; erst kürzlich hatte ich in einem längeren äußerst langweiligen Gespräch über Schulwesen und Erziehung allen seinen bewährten Grundsätzen und Meinungen rückhaltlos und ergebenst zugestimmt. Nun kam er wieder daher, der Typ, aus seinem gewöhnlichen Hinterhalt im Korridor, und stellte sich vor mir auf.