„Guten Tag,“ sagte er, „Sie sehen ja heute sehr vergnügt aus!“
„Gewiß, ich bin sehr vergnügt. Ich habe während des Mittagessens einige Wolken am Himmel ziehen sehen, und da ich bisher der Meinung gewesen war, diese Wolken seien bloß aus Papier und gehörten zur Saaldekoration, war ich nun sehr froh über die Entdeckung, daß es richtige und wirkliche Luft und Wolken waren. Sie sind vor meinen Augen davongeflogen, sie waren nicht numeriert und an keiner hing ein Zettel mit dem Verkaufspreis. Sie können sich denken, wie froh ich darüber bin. Die Wirklichkeit existiert noch, mitten in Baden! Es ist wunderbar!“
O wie wenig schön war das Gesicht, das der Herr zu meinen Worten machte!
„So, so,“ sagte er so gedehnt, daß er eine Minute dazu brauchte. „Also Sie haben geglaubt, es gebe keine Wirklichkeit mehr! Ja, wenn ich fragen darf, was verstehen Sie denn unter Wirklichkeit?“
„Oh,“ sagte ich, „das ist philosophisch eine komplizierte Frage. Aber praktisch kann ich sie ganz leicht beantworten. Unter Wirklichkeit, mein Herr, verstehe ich ziemlich genau dasselbe, was man sonst auch ‚Natur‘ nennt. Jedenfalls verstehe ich unter Wirklichkeit nicht das, was uns hier in Baden beständig umgibt; nicht Kur- und Krankengeschichten, nicht diese Rheumatismusromane und Gichtdramen, nicht Promenade und Kurkonzert, Menus und Programme, nicht Bademeister und Kurgäste.“
„Wie, also auch die Kurgäste sind für Sie keine Wirklichkeit? Also zum Beispiel ich, der Mann, der mit Ihnen redet, soll keine Wirklichkeit sein?!“
„Es tut mir leid, ich möchte Sie gewiß nicht verletzen, aber in der Tat sind Sie für mich ohne Wirklichkeit. Sie sind, so wie Sie sich mir darstellen, ohne jene überzeugenden Züge, die uns das Wahrgenommene zum Erlebten, das Geschehen zur Wirklichkeit machen. Sie existieren, mein Herr, dies kann ich nicht bestreiten. Sie existieren aber auf einer Ebene, welche einer zeitlich-räumlichen Wirklichkeit in meinen Augen ermangelt. Sie existieren, möchte ich sagen, auf einer Ebene des Papieres, des Geldes und Kredits, der Moral, der Gesetze, des Geistes, der Achtbarkeit, Sie sind ein Raum- und Zeitgenosse der Tugend, des kategorischen Imperativs und der Vernunft und vielleicht sind Sie sogar mit dem Ding an sich oder mit dem Kapitalismus verwandt. Aber Sie haben nicht die Wirklichkeit, die mich bei jedem Stein oder Baum, bei jeder Kröte, bei jedem Vogel unmittelbar überzeugt. Ich kann Sie, mein Herr, bis ins Unermessene billigen, achten, ich kann Sie anzweifeln oder gelten lassen, aber es ist mir unmöglich, Sie zu erleben, es ist mir völlig unmöglich, Sie zu lieben. Sie teilen dies Schicksal mit Ihren Verwandten und werten Angehörigen, mit der Tugend, der Vernunft, dem kategorischen Imperativ und mit allen Idealen der Menschheit. Ihr seid großartig. Wir sind stolz auf euch. Aber wirklich seid ihr nicht.“
Der Herr riß seine Augen sehr auf.
„Wenn Sie nun aber zufällig meine Handfläche auf Ihrem Gesicht spüren sollten, wären Sie dann von meiner Wirklichkeit überzeugt?“
„Sollten Sie dies Experiment ausführen, so wäre es erstens Ihr Schade, denn ich bin kräftiger als Sie und bin im Augenblick wunderbar frei von allen moralischen Hemmungen; aber außerdem würden Sie auch durch den so freundlich angebotnen Beweis Ihr Ziel nicht erreichen. Ich würde auf Ihr Experiment zwar mit jenem ganzen, so wundervoll spielenden Apparat der Selbsterhaltung reagieren, aber Ihr Angriff würde mich nicht von Ihrer Wirklichkeit, von der Existenz einer Person und Seele bei Ihnen überzeugen. Wenn ich den Zwischenraum zwischen zwei elektrischen Polen mit meinem Arm oder Bein ausfülle, so setze ich mich ebenfalls einer Entladung aus, ohne daß ich deshalb den elektrischen Strom für eine Persönlichkeit, für ein Wesen von meiner Art halten würde.“