„Sie sind eine Künstlernatur, nun ja, der mag manches erlaubt sein. Es scheint, daß Sie den Geist, das begriffliche Denken, hassen und befehden. Meinetwegen, mögen Sie das tun. Aber wie stimmt das, Sie Dichter, mit so vielen Ihrer eigenen Äußerungen? Ich kenne Sätze, Artikel, Bücher von Ihnen, in denen Sie durchaus das Gegenteil predigen und sich zu Vernunft und Geist bekennen, statt zur vernunftlosen und zufälligen Natur, wo Sie für Ideen eintreten und das Geistige als oberstes Prinzip anerkennen. Wie steht es nun damit, he?“

„So, tu ich das? Ja, das mag schon sein. Ich habe das Unglück, sehen Sie, daß ich mir selber stets widerspreche. Die Wirklichkeit tut das immer, bloß der Geist tut es nicht und die Tugend nicht und Sie nicht, sehr wenig geehrter Herr. Zum Beispiel nach einem scharfen Marsch im Sommer kann ich vom Verlangen nach einem Becher voll Wasser völlig besessen sein und Wasser für das wunderbarste Ding in der Welt erklären. Eine Viertelstunde später, wenn ich getrunken habe, ist nichts auf Erden mir so uninteressant wie Wasser und Trinken. Ebenso halte ich es mit dem Essen, mit dem Schlafen, mit dem Denken. Mein Verhältnis zum sogenannten ‚Geist‘ zum Beispiel ist genau dasselbe wie das zum Essen oder Trinken. Manchmal gibt es nichts in der Welt, was mich so heftig anzieht und mir so unentbehrlich scheint wie der Geist, wie die Möglichkeit der Abstraktion, der Logik, der Idee. Dann wieder, wenn ich davon satt bin und das Gegenteil brauche und begehre, ekelt aller Geist mich an wie verdorbenes Essen. Ich weiß aus Erfahrung, daß dies Verhalten für willkürlich und charakterlos, ja, für unerlaubt gilt, doch habe ich nie verstehen können, warum? Denn ebenso wie ich zwischen Essen und Fasten, Schlafen und Wachen beständig abwechseln muß, muß ich auch zwischen Natürlichkeit und Geistigkeit, zwischen Erfahrung und Platonismus, zwischen Ordnung und Revolution, zwischen Katholizismus und Reformationsgeist beständig hin und her pendeln. Daß ein Mensch sein Leben lang immer und immer den Geist verehren und die Natur verachten kann, immer Revolutionär und niemals Konservativer sein kann oder umgekehrt, das scheint mir zwar sehr tugendhaft, charaktervoll und standhaft, aber es scheint mir auch ebenso fatal, widerlich und verrückt, als wenn einer immerdar essen oder immerdar nur schlafen wollte. Und doch beruhen alle Parteien, politische und geistige, religiöse und wissenschaftliche, auf der Voraussetzung, ein so verrücktes Verhalten sei möglich, sei natürlich! Auch Sie, Herr, finden es nicht richtig, daß ich zu einer Stunde heftig in den Geist verliebt bin und ihm das Unmögliche zutraue, zu einer andern Stunde aber den Geist hasse und ausspeie und statt seiner Unschuld und Fülle der Natur aufsuche! Warum denn? Warum finden Sie das Natürliche charakterlos, das Gesunde und Selbstverständliche unerlaubt? Wenn Sie mir das erklären können, dann will ich mich gerne mündlich und schriftlich in allen Punkten als geschlagen bekennen. Ich werde Ihnen dann so viel Realität zugestehen, als mir nur irgend möglich ist, einen ganzen Heiligenschein von Wirklichkeit werde ich Ihnen verleihen. – Aber sehen Sie, Sie können es eben nicht erklären! Sie stehen da, und unter Ihrer Weste ist wohl ein gegessenes Menu, aber kein Herz, und in Ihrer täuschend nachgeahmten Hirnschale ist wohl Geist, aber keine Natur. Ich habe nie etwas so lächerlich Unwirkliches gesehen wie Sie, Sie Rheumatiker, Sie Kurgast! Das Papier schimmert Ihnen ja durch die Knopflöcher, der Geist rinnt Ihnen ja aus den Nähten, Mensch, innen ist ja nichts als Zeitung und Steuerzettel, Kant und Marx, Plato und Zinstabelle. Wenn ich blase, sind Sie weg! Wenn ich an meine Geliebte denke oder auch nur an eine kleine gelbe Schlüsselblume, so genügt das, um Sie völlig aus der Realität hinwegzudrücken! Sie sind kein Gegenstand, Sie sind kein Mensch, Sie sind eine Idee, eine öde Abstraktion.“

Und in der Tat, als ich, etwas heftig geworden, aber bei bester Laune, den Arm mit der geballten Faust ausstreckte, um der Figur ihre Irrealität zu beweisen, da fuhr die Faust durch ihn hindurch, und weg war er. Erst jetzt bemerkte ich, stehenbleibend, daß ich ohne Hut das Haus verlassen und das einsame Flußufer aufgesucht hatte; allein stand ich unter den schönen Bäumen, und das Wasser zog und rauschte. Und wieder einmal war ich leidenschaftlich dem Gegenpol des Geistes zugetan, war innig und trunken verliebt in die dumme gesetzlose Welt des Zufalls, in das Spiel der Sonnen- und Schattenflecke am hellrosigen Boden, in die vielen Melodien des strömenden Wassers. Ach, diese Melodien kannte ich! Ich erinnerte mich eines Flusses, an dessen Ufer ich einst in Indien gesessen war, als Kamerad eines alten Fährmanns, sein Name fiel mir nicht mehr ein, vor tausend Jahren, berauscht vom Gedanken der Einheit, nicht minder berauscht vom Spiel der Mannigfaltigkeit und des Zufalls. Ich dachte an meine Geliebte, an das Stück ihrer Ohrmuschel, das zwischen ihren Haaren hervorschaut, und war von Herzen bereit, alle Altäre, welche ich jemals der Vernunft und der Idee errichtete, zu verleugnen und einzureißen und einen neuen Altar zu bauen, jener halb sichtbaren, geheimnisvollen Ohrmuschel zu Ehren. Daß die Welt eine Einheit und dennoch voller Vielfalt ist, daß Schönheit nur im Vergänglichen möglich, daß Gnade nur dem Sünder erlebbar ist, für diese und hundert andere tiefe und ewige Wahrheiten konnte ebensogut jene holde Ohrmuschel Symbol und heiliges Zeichen sein wie irgendeine Isis, ein Vishnu oder eine Lotosblume.

Wie rauschte unter mir im steinigen Bette der Fluß, wie sang das Mittagslicht an den gefleckten Platanenstämmen auf und nieder! Wie schön war es zu leben! Vergessen und verweht war jene tolle Lachlust vom Speisesaal, Tränen standen mir in den Augen, tiefe Mahnung rief mir aus dem Rauschen des heiligen Flusses, mein Herz war voll Friede und Dankbarkeit. Jetzt erst wurde, indem ich unter den Bäumen lange hin und wider ging, der Abgrund von Verdrossenheit, Verirrung, Leid und Torheit mir sichtbar, in dem ich diese letzte Zeit gelebt hatte! Mein Gott, wie kläglich sah es mit mir aus, wie wenig brauchte es, um mich zu einem ekelhaften feigen Kerl zu machen! Ein wenig Krankheit und Schmerzen, ein paar Wochen Kurleben, eine Periode von Schlaflosigkeit, und schon versank ich bis zum Hals in schlechte Laune und Verzweiflung. Ich, der die Stimme indischer Götter gehört hatte! Wie gut, daß diese böse Bezauberung endlich durchbrochen war, daß wieder Luft, Sonnenlicht und Wirklichkeit mich umgab, daß ich wieder göttliche Stimmen vernahm, wieder Andacht und Liebe im Herzen fühlte!

Aufmerksam durchlief ich im Gedächtnis diese schmählichen Tage, betrübt und verwundert, traurig und auch lachend über alle die Torheiten, die mich eingesponnen hatten. Nein, nun brauchte ich den Kursaal nicht mehr zu besuchen, auch den so würdevollen Spielsaal nicht, jetzt war ich nicht mehr in Verlegenheit, wie ich meine Zeit herumbringen solle. Der Zauber war gelöst.

Und wenn ich heute, wenige Tage vor dem Ende meiner Kur, darüber nachdenke, wie das so kommen konnte, wenn ich die Ursache meines Niedergangs und all dieser beschämenden Erlebnisse suche, dann brauche ich nur irgendeine Seite dieser Notizen zu lesen, um die Ursache deutlich zu sehen. Nicht meine Phantastik und Träumerei, nicht mein Mangel an Moralität und Bürgerlichkeit war daran schuld, sondern genau das Gegenteil. Ich war gerade allzu moralisch, allzu vernünftig, allzu bürgerlich gewesen! Ein alter, ewiger Fehler, den ich hundertmal begangen und bitter bereut habe, ist mir auch diesmal wieder passiert. Ich wollte mich einer Norm anpassen, ich wollte Forderungen erfüllen, die gar niemand an mich stellte, ich wollte etwas sein oder spielen, was ich gar nicht war. Und so war es mir wieder einmal geschehen, daß ich mich selbst und das ganze Leben vergewaltigt hatte.

Ich hatte etwas sein wollen, was ich nicht war. Wie denn? Ich hatte aus meiner Ischias eine Spezialität gemacht, hatte die Rolle des Ischiatikers, des Kurgastes, des der bürgerlichen Umgebung sich anpassenden Hotelgastes gespielt, statt einfach zu bleiben der ich war. Ich hatte Baden, hatte die Kur, hatte meine Umgebung, hatte meine Gliederschmerzen viel zu wichtig genommen, ich hatte mir in den Kopf gesetzt, durch Abbüßung dieser Kur gesundwerden zu müssen. Auf dem Wege der Buße, der Strafe, der Werkheiligkeit, durch Bad und Waschung, Arzt und Brahmanenzauber hatte ich erreichen wollen, was nur auf dem Weg der Gnade erreicht werden kann.

Immer ist es mir so ergangen. Auch diese famose Badepsychologie, die ich mir da im warmen Wasser ausgebrütet habe, ist so ein Streich, ist ein Versuch, das Leben gedanklich zu vergewaltigen, und mußte mißlingen und sich rächen. Weder bin ich, wie ich mir eine Weile einbildete, der Vertreter einer besonderen Ischiatiker-Philosophie, noch gibt es überhaupt eine solche Philosophie. Es gibt auch die Weisheit der Fünfzigjährigen nicht, von der ich in der Vorrede phantasiert habe. Es mag ja sein, daß mein heutiges Denken ein wenig anders ist als vor zwanzig Jahren, aber mein Fühlen und Sein, mein Wünschen und Hoffen ist nicht anders, ist weder klüger noch dümmer geworden. Heut wie damals kann ich bald ein Kind, bald ein alter Mann sein, bald zwei Jahre alt, bald tausend. Und meine Versuche, mich der normierten Welt anzupassen, den Fünfzigjährigen und Ischiatiker zu spielen, bleiben ebenso ergebnislos wie mein Versuch, mich mit Ischias und Baden durch das Mittel meiner Psychologie zu versöhnen.

Es gibt zwei Wege zur Erlösung: den Weg der Gerechtigkeit, für die Gerechten, und den Weg der Gnade, für die Sünder. Ich, der ich ein Sünder bin, habe wieder den Fehler begangen, es mit der Gerechtigkeit zu versuchen. Nie wird sie mir gelingen. Und sie, süße Milch für den Gerechten, ist für uns Sünder Gift, sie macht uns böse. Es ist mein Schicksal, daß ich diese Versuche, diese Fehlgänge wieder und wieder machen muß, wie es auch im Geistigen mein Schicksal ist, daß ich, der ich ein Dichter bin, stets von neuem den Versuch unternehmen muß, die Welt, statt mit der Kunst, mit dem Denken zu bewältigen. Immer wieder tue ich diese weiten und mühsamen, einsamen Gänge, versuche es inständig mit der Vernunft, und immer endet es mit einem Zustand von Leid und Verirrtsein. Aber immer wieder folgt diesem Tod auch die Neugeburt, immer wieder rührt Gnade mich an, und das Leid und Verirrtsein ist nicht mehr schlimm, die Fehlgänge sind gut gewesen, die Niederlagen sind köstlich gewesen, denn sie haben mich zurück ans Herz der Mutter geworfen, haben mir von neuem das Erlebnis der Gnade ermöglicht.

Und so will ich aufhören, auf mich selbst los zu moralisieren, ich will die Vernunft- und Psychologieversuche, will die Kurversuche, will die Niederlagen und Verzweiflungen nicht schelten, nicht bereuen, will mich nicht mehr anklagen. Es ist ja alles gut geworden. Ich höre ja die Stimme Gottes wieder, es ist ja alles gut.