Wenn ich mich heut in meinem Zimmer Nummer 65 umsehe, dann geht es mir komisch, nämlich ich empfinde im Gedanken an den baldigen Abschied für dies Zimmer ein Heimatgefühl, der Abschied tut mir schon im voraus ein wenig weh. Wie oft habe ich hier am kleinen Tisch meine Blätter vollgeschrieben, manchmal voll Freude und im Gefühl, ich tue da etwas Wertvolles, manchmal voll Mißmut und Unglauben und doch der Arbeit hingegeben, dem Versuch des Verstehens und Erklärens oder wenigstens des aufrichtigen Bekennens! Wie oft habe ich in diesem Lehnstuhl meinen Jean Paul gelesen! Wieviel halbe und ganze Nächte lag ich schlaflos in diesem Alkovenbett, in mich selbst versenkt, mit mir hadernd, mich rechtfertigend, mich selbst und meine Leiden als ein Gleichnis, als ein Rätselbild empfindend, dessen Deutung und Lösung einmal glücken müsse! Wieviel Briefe habe ich hier empfangen und geschrieben, Briefe von Unbekannten und an Unbekannte, denen mein in Büchern gespiegeltes Wesen verwandt erscheint, die in Frage und Bekenntnis, in Anklage und Beichte bei dem ihnen verwandt Scheinenden dasselbe suchen, was auch ich in meinen Geständnissen und Dichtungen suche: Klarheit, Trost, Rechtfertigung und neue Freude, neue Unschuld, neue Liebe zum Leben! Wieviel Gedanken, wieviel Launen, wieviel Träume haben mich hier in diesem kleinen Raum besucht! Hier habe ich am trüben müden Morgen mich zum Bade aufgerafft und in den schmerzenden und steifen Gliedern den Tod vorausgefühlt, die bange Schrift der Vergänglichkeit gelesen; hier habe ich an manchem guten Abend meine Phantasien gesponnen oder mit dem Holländer gekämpft. Hier habe ich, an jenem glücklichen Tage, damals meiner Geliebten die Vorrede der Psychologie vorgelesen und sah ihre Freude über die kleine Ehrung für Jean Paul, den auch sie so sehr liebt. Und schließlich ist doch diese ganze Badener Zeit, diese Kur, diese Krisis, dieses Verlieren und Wiederfinden des Gleichgewichts für mich eine wichtige Epoche gewesen.

Und wie schade ist es, daß ich das Liebes- und Heimatgefühl für dies kleine Hotelzimmer nicht schon vor drei oder vier Wochen gelernt habe! Aber lassen wir es nun sein, wie es eben ist. Genug, daß ich dies Zimmer und Hotel, den Holländer, die Kur wenigstens heute annehmen, lieben und mir zu eigen machen kann. Ich sehe jetzt, wo meine Badener Tage zu Ende gehen, daß es hier in Baden sehr hübsch ist. Ich glaube, ich könnte monatelang hier leben. Ich müßte es eigentlich tun, schon um vieles wieder gutzumachen, was ich hier gesündigt habe, an mir selbst, an der Vernunft, am Kurbetrieb, an meinen Zimmer- und Tischnachbarn. Habe ich nicht, an einigen ganz pessimistischen Tagen, sogar am Doktor gezweifelt, an der Aufrichtigkeit seiner Versicherungen, am Wert der Hoffnungen, die er mir machte? Nein, vieles wäre da gutzumachen. Und was zum Beispiel berechtigte mich, Anstoß an der geheimen Bildergalerie des Herrn Kesselring zu nehmen? War ich denn ein Sittenrichter? Hatte ich denn nicht selber meine Liebhabereien, die auch nicht jeder billigen würde? Und warum sah ich in jenem moralischen Herrn mit den Falten bloß den Bürger, den Egoisten und anmaßenden Richter über andere? Ich hätte ebensogut einen Römer, einen monumental stilisierten tragischen Helden aus ihm machen können, untergehend an der eigenen Härte, leidend an der eigenen Gerechtigkeit. Und so weiter; tausend Versäumnisse wären wieder gutzumachen, tausend Sünden und Lieblosigkeiten zu büßen – wenn ich nicht eben erst den Bußweg verlassen und mich der Gnade anheimgegeben hätte. Lassen wir also die Sünden Sünden sein und seien wir froh, wenn es uns glückt, eine Weile keine neuen anzuhäufen!

Indem ich mich nochmals über den Abgrund der vergangenen bösen Tage beuge, sehe ich in der Tiefe, fern und klein, ein gespenstisches Bild gespiegelt: den Kurgast Hesse, bleich und öde mit degoutiertem Gesicht vor seinen Mahlzeiten sitzend, ein armer Kerl ohne Witz und Phantasie, grau vor Unausgeschlafenheit, ein liebloser kranker Mensch, der seine Ischias nicht besitzt, sondern von ihr besessen wird. Schaudernd wende ich mich hinweg, froh, daß dieser arme Kerl nun gestorben ist und mir nicht mehr begegnen kann. Er ruhe in Frieden!

Wenn man die Sprüche des Neuen Testaments nicht als Gebote nimmt, sondern als Äußerungen eines ungewöhnlich tiefen Wissens um die Geheimnisse unsrer Seele, dann ist das weiseste Wort, das je gesprochen wurde, der kurze Inbegriff aller Lebenskunst und Glückslehre, jenes Wort „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, das übrigens erstaunlicherweise auch schon im Alten Testamente steht. Man kann den Nächsten weniger lieben als sich selbst – dann ist man der Egoist, der Raffer, der Kapitalist, der Bourgeois, und man kann zwar Geld und Macht sammeln, aber kein recht frohes Herz haben, und die feinsten und schmackhaftesten Freuden der Seele sind einem verschlossen. Oder man kann den Nächsten mehr lieben als sich selbst – dann ist man ein armer Teufel, voll von Minderwertigkeitsgefühlen, voll Verlangen, alles zu lieben, und doch voll Ranküne und Plagerei gegen sich selber, und lebt in einer Hölle, die man sich täglich selber heizt. Dagegen das Gleichgewicht der Liebe, das Liebenkönnen, ohne hier oder dort schuldig zu bleiben, diese Liebe zu sich selbst, die doch niemandem gestohlen ist, diese Liebe zum andern, die das eigne Ich doch nicht verkürzt und vergewaltigt! Das Geheimnis alles Glücks, aller Seligkeit ist in diesem Wort enthalten. Und wenn man will, so kann man es auch nach der indischen Seite hin drehen und ihm die Bedeutung geben: Liebe den Nächsten, denn er ist du selbst!, eine christliche Übersetzung des „tat twam asi“. Ach, alle Weisheit ist so einfach, ist schon so lange, schon so genau und unzweifelhaft ausgesprochen und formuliert worden! Warum gehört sie uns nur zuzeiten, nur an den guten Tagen, warum nicht immer?

Rückblick

Dieses letzte Blatt schreibe ich nicht mehr in Baden. Ich bin nicht mehr dort, ich bin – den Kopf schon voll neuer Versuche und Pläne – wieder in meiner Steppe draußen, wieder in meiner Einsamkeit und Klause. Der Kurgast Hesse ist Gott sei Dank gestorben und geht uns nichts mehr an. Statt seiner ist nun wieder ein ganz anderer Hesse da, zwar ebenfalls ein Mann mit Ischias, aber er hat sie, nicht sie ihn.

Als ich Baden verließ, fiel mir in der Tat der Abschied etwas schwer. Ich hatte zu allerlei Dingen und Menschen eine Liebe gefaßt, die ich jetzt losreißen mußte, zu meinem Zimmer, zu meinem Wirt, zu den Bäumen am Flußufer, zum Arzt, der sich in der Abschiedsaudienz nochmals auf das schönste bewährte, zu den Mardern, zu den freundlichen hübschen Saaltöchtern Rösli, Trudi und den andern, zum Spielsaal, zu den Gesichtern und Figuren mancher Leidensbrüder. Leb’ wohl, freundliche, stets gutgelaunte, stets bereitwillige Helferin am Diathermie-Apparat! Lebe wohl, Riesin aus Holland, und auch du, blondlockiger Held Kesselring!

Sehr hübsch war der Abschied vom Wirt des Heiligenhofes. Lächelnd hörte er meinen Dank, meine Lobsprüche auf sein Haus an, dann fragte er, wie der Doktor mit mir und meiner Kur zufrieden sei, und als ich ihm erzählte, der Arzt habe mich sehr gelobt und ich habe Aussicht auf vollkommene Heilung, so daß ich also Baden jetzt ruhig verlassen könne, da steigerte sich das Lächeln meines Gastfreundes zu behaglicher Schelmerei, freundlich legte er mir eine Hand auf die Schulter und sagte: „Ja, reisen Sie recht vergnügt! Ich gratuliere. Aber schauen Sie, ich weiß etwas, was Sie vielleicht nicht wissen: Sie werden wiederkommen!“

„Ich werde wiederkommen? Nach Baden?“ fragte ich.

Er lachte hell.