Wenn ich es unternehme, den üblichen Verlauf eines Kurtages zu beschreiben, so wähle ich dazu billigerweise einen durchschnittlichen Tag, einen Tag ohne extremen Charakter, so einen halb bewölkten, halb blauen Normaltag ohne besondere Ereignisse von außen und ohne besondere Vorzeichen und Bezauberungen von innen. Denn natürlich gibt es hier, und zwar nicht nur für nervöse Literaten, sondern für die ganze Schar der Ischiatiker, je nach Stand und Verlauf der Kur, Tage voll Beschwerden und Depression und leichte sanfte Tage des Wohlergehens und der aufblühenden Hoffnung, Tage, an denen wir hüpfen, und solche, an denen wir elend dahin schleichen oder hoffnungslos im Bett liegen bleiben.
Mag ich mir nun aber auch alle Mühe mit dem Konstruieren eines wohltemperierten Durchschnittstages, eines normalen bürgerlichen Plusminustages geben, ein für mich peinliches Geständnis bleibt mir dennoch nicht erspart, denn jeder Tag, und gar ein Kurtag, fängt leider mit einem Morgen an. Es hängt bei mir vermutlich mit meinem tiefsten Mangel und Laster, dem schlechten Schlafen, zusammen und entspricht auch sonst in jeder Hinsicht meinem Wesen, meiner Philosophie, meinem Temperament und Charakter, daß ich mit dem von so viel wunderschönen Gedichten gepriesenen Morgen gar nichts anzufangen weiß. Es ist eine Schande, und es fällt mir schwer, es zu gestehen, aber welchen Sinn hätte das Schreiben, wenn nicht der Wille zur Wahrheit dahinter stünde? Der Morgen, die berühmte Zeit der Frische, des Neubeginns, des jungen freudigen Antriebs, ist für mich fatal, ist mir verdrießlich und peinlich, wir lieben einander nicht. Dabei fehlt es mir nicht am Verständnis, am Einfühlungsvermögen für jene strahlende Morgenfreude, wie sie in manchen Gedichten von Eichendorff und von Mörike so erweckend und hell erklingt, ich empfinde in Gedichten, auf Gemälden und in der Erinnerung den Morgen ebenso poetisch, und aus der Kindheit her ist mir etwas wie halbverwischte Erinnerung an echte Morgenlust geblieben, obwohl ich seit sehr vielen Jahren gewiß an keinem einzigen Morgen wahrhaft froh gewesen bin. Und auch in das klingendste Bekenntnis zu frischer Morgenlust, das ich kenne, in den von Wolf komponierten Eichendorff-Vers „Der Morgen, der ist meine Freude“, höre ich einen fernen Mißton klingen, denn so wunderbar es klingt, und so sehr Eichendorffs Morgenstimmung mich überzeugt, ich kann an Hugo Wolfs Morgenfreude doch nicht recht glauben und finde, er habe sich da eine wehmütig poetische, sehnsüchtige, nicht erlebte Morgenverherrlichung gestattet. Alles, was mein Leben schwer und heikel und zu einem gefährlichen, ja häßlichen Problem macht, spricht am Morgen überlaut, steht übergroß vor mir. Alles, was mein Leben süß und schön und außerordentlich macht, alle Gnade, aller Zauber, alle Musik, ist am Morgen fern und kaum sichtbar, klingt kaum noch wie Sage und Legende herüber. Aus dem allzu seichten Grabe meines schlechten, kurzen, oft unterbrochenen Schlafes erhebe ich mich am Morgen, nicht beflügelt mit Auferstehungsgefühlen, sondern schwer, müde und zaghaft, ohne jeden Schutz und Panzer gegen die einstürmende Umwelt, die meinen empfindlichen Morgennerven all ihre Schwingungen wie durch einen heftigen Vergrößerungsapparat mitteilt, mir ihre Töne durch ein Megaphon zuheult. Erst von Mittag an wird das Leben wieder erträglich und gut, und an glücklichen Tagen wird es am Spätnachmittag und Abend wunderbar, strahlend, schwebend, innig durchglüht von zartem Gotteslicht, voll Gesetz und Harmonie, voll Zauber und Musik, und entschädigt mich golden für die tausend und tausend bösen Stunden.
An andrem Orte denke ich gelegentlich zu sagen, warum das Leiden an Schlafmangel und an diesem Morgenweh mir nicht bloß als Krankheit, sondern auch als Laster erscheint, warum ich mich seiner schäme und dennoch empfinde, daß es so sein muß, daß ich diese Dinge weder wegleugnen noch vergessen noch von außen her „heilen“ darf, sondern ihrer als des Antriebes und immer erneuerten Stachels für mein eigentliches Leben und seine Aufgabe bedarf.
Dies Eine nun hat der Badener Kurtag für mich vor den Tagen des gewohnten Lebens voraus: während der Kur beginnt jeder Tag mit einer wichtigen, zentralen Morgenpflicht und Aufgabe, und diese Aufgabe ist leicht, ja angenehm zu erfüllen. Ich meine das Bad. Wenn ich morgens erwache, einerlei um welche Stunde es sei, so steht als erste und wichtigste Aufgabe vor mir nicht etwas Lästiges, nicht Ankleiden oder Turnen oder Rasieren oder Postlesen, sondern das Bad, eine sanfte, warme, reibungslose Angelegenheit. Mit einem leichten Schwindelgefühl richte ich mich im Bett auf, setze durch einige vorsichtige Übungen die eingerosteten Beine wieder in Betrieb, stehe auf, werfe den Schlafrock über und schreite langsam durch den halbdunkeln, schweigenden Korridor zum Lift, der mich durch alle Stockwerke bis in den Keller zu den Badezellen führt. Hier unten ist es sehr schön. In den steinernen, sehr alten, sanft hallenden Gewölben herrscht beständig eine wunderbare weiche Wärme, denn überall rinnt das heiße Wasser der Quellen, ein heimliches, wärmendes Höhlengefühl überkommt mich hier jedesmal, wie ich es als kleiner Knabe hatte, wenn ich mir aus einem Tisch, zwei Stühlen und einigen Bettvorlagen oder Teppichen eine Höhle errichtet hatte. In meiner reservierten Badezelle erwartet mich das tiefe, in den Boden versenkte, gemauerte Bassin voll heißen, eben aus den Quellen geronnenen Wassers, ich steige langsam hinein, auf zwei kleinen Steinstufen, drehe die Sanduhr um und tauche bis zum Kinn in das heiße strenge Wasser, das ein wenig nach Schwefel riecht. Hoch über mir, am Tonnengewölbe meiner massiv gemauerten Zelle, die mich sehr an eine Klosterzelle erinnert, fließt Tageslicht dünn durch ein Fenster mit matten Scheiben; dort oben, ein Stockwerk höher als ich, hinter dem Milchglas, liegt die Welt, fern, milchig, kein Ton von ihr erreicht mich. Und um mich her spielt die wunderbare Wärme des geheimnisvollen Wassers, das da seit tausend Jahren aus unbekannten Küchen der Erde rinnt und beständig in schwachem Strahl in mein Bad nachströmt. Nach der Vorschrift soll ich im Wasser meine Glieder möglichst viel bewegen, Turn- und Schwimmbewegungen ausführen. Pflichtgemäß tue ich dies auch, einige Minuten lang, dann aber bleibe ich regungslos liegen, schließe die Augen, schlummere halb, sehe dem stillen steten Rieseln der Sanduhr zu.
Ein welkes Blatt, durchs Fenster hereingeweht, ein kleines Blatt von einem Baum, dessen Name mir nicht einfällt, liegt am Rande meines Bassins, das sehe ich an, lese die Schrift seiner Rippen und Adern, atme die so merkwürdige Mahnung der Vergänglichkeit, vor der wir schauern und ohne welche doch nichts Schönes wäre. Wunderbar, wie Schönheit und Tod, Lust und Vergänglichkeit einander fordern und bedingen! Deutlich fühle ich, wie etwas Sinnliches, um mich her und in mir innen die Grenze zwischen Natur und Geist. So wie Blumen vergänglich und schön sind, Gold aber beständig und langweilig, so sind alle Bewegungen des natürlichen Lebens vergänglich und schön, unvergänglich aber und langweilig ist der Geist. Zu dieser Stunde lehne ich ihn ab, sehe den Geist keineswegs als ewiges Leben, sondern als ewigen Tod, als das Erstarrte, Unfruchtbare, Gestaltlose, das nur Gestalt und Leben werden kann unter Preisgabe seiner Unsterblichkeit. Das Gold muß Blume, der Geist muß Leib und muß Seele werden, um leben zu können. Nein, in dieser lauen Morgenstunde, zwischen Sanduhr und welkem Blatt, will ich nichts vom Geiste wissen, den ich zu andern Zeiten sehr verehren kann, ich will vergänglich, will Kind und Blume sein.
Und daß ich vergänglich bin, daran erinnert mich, nach einer halben Stunde Liegens in der warmen Flut, der Augenblick des Aufstehens. Ich klingle dem Wärter, er erscheint und legt mir ein durchwärmtes Badetuch bereit. Und jetzt erhebe ich mich im Wasser, und da fließt das Gefühl der Vergänglichkeit mir schwächend durch alle Glieder, denn diese Bäder ermüden sehr, und wenn ich mich nach einem Bad von dreißig oder vierzig Minuten erheben will, so gehorchen Knie und Arme nur langsam und mühsam. Aus dem Behältnis gekrochen, schlage ich das Tuch mir um die Schultern, will mich tüchtig abreiben, will ein paar energische Bewegungen machen, um mich zu ermuntern, kann es aber nicht, sondern sinke auf dem Stuhl zusammen, fühle mich zweihundert Jahre alt und brauche lange, bis ich mich dazu bringen kann, aufzustehen, Hemd und Schlafrock wieder anzuziehen und zu gehen.
Ich gehe langsam, mit weichen Knien, durch die stillen Gewölbe, hinter deren Zellentüren da und dort das Wasser rauscht, zur Schwefelquelle hinüber, welche unter Glas zwischen gelblich beschlagenem Gestein sprudelt und kocht. Eine rätselhafte Geschichte ist von dieser Quelle zu berichten. Auf dem Rande ihrer steinernen Fassung stehen, zur Benutzung für die Gäste, stets zwei Wassergläser, vielmehr, das ist eben die Geschichte, sie stehen nicht da, sondern jeder Gast, wenn er dürstend zur Quelle kommt, muß die Erfahrung machen, daß die beiden Gläser schon wieder verschwunden sind. Man schüttelt alsdann den Kopf, soweit eben ein Kurgast nach dem Bade eine solche Bewegung auszuführen vermag, man ruft nach Bedienung, und es erscheint bald der Hausdiener, bald der Kellner, bald ein Zimmermädchen oder eine Badewärterin, bald der Liftboy, und sie alle schütteln ebenfalls den Kopf und begreifen nicht, wohin nun schon wieder diese unheimlichen Gläser gekommen sind. Eiligst wird jedesmal ein neues Glas gebracht, der Gast füllt es, trinkt es aus, stellt es auf den Stein und geht – und wenn er in zwei Stunden wieder kommt, um nochmals einen Schluck zu nehmen, ist wieder kein Glas da. Von den Angestellten, welchen diese rätselhafte Glasgeschichte verdrießlich ist und Mehrarbeit macht, stellt jeder seine eigene Erklärung für das Schwinden der Gläser auf, welche jedoch alle nicht überzeugend wirken. Der Boy zum Beispiel meinte naiv, die Gläser würden eben häufig von den Gästen mit in ihre Zimmer genommen. Als ob sie da nicht täglich von den Zimmermädchen wiedergefunden werden würden! Kurz, die Sache ist unaufgeklärt, und nur mir allein ist es schon acht- oder zehnmal passiert, daß man mir ein neues Glas holen mußte. Da unser Hotel etwa achtzig Gäste hat und da diese Kurgäste, seriöse ältere Leute mit Gicht und Rheumatismen, vermutlich keine Gläser stehlen, so nehme ich an, daß es entweder ein pathologischer Sammler oder aber ein nicht menschliches Wesen, ein Quelldämon oder Drache ist, welcher die Gläser wegnimmt, vielleicht um die Menschen für die Ausbeutung der Quelle zu strafen, und vielleicht findet einst ein im Kellergewölbe irrgelaufenes Sonntagskind den Eingang zu einem verborgenen Schachte, wo ganze Gebirge von Trinkgläsern angehäuft stehen, denn nach meinen vorsichtigen Berechnungen müssen in einem einzigen Jahre mindestens zweitausend Gläser sich dort ansammeln.
An dieser Quelle nun fülle ich mir ein Glas und trinke das warme dickliche Wasser mit Vergnügen. Meist sitze ich dabei schon wieder und kann dann nur schwer den Entschluß zum Wiederaufstehen finden. Ich schleppe mich zum Lift, angenehme Vorstellungen von erfüllter Pflicht und verdienter Rast im Hirn, denn mit dem Baden und Trinken habe ich tatsächlich die wichtigsten Vorschriften des Tages erfüllt. Dagegen ist es noch früh am Tage, höchstens sieben oder halb acht Uhr, manche Stunden sind noch bis Mittag, und ich gäbe alles dafür, wenn ich einen Zauber wüßte, Morgenstunden in Abendstunden zu verwandeln.
Für den Augenblick allerdings kommt mir wieder die Kurvorschrift zu Hilfe, die mich nach dem Bade nochmals ins Bett befiehlt. Meiner dösigen Bademüdigkeit entspricht dies sehr, aber um diese Tageszeit hat das Leben im Hotel längst begonnen, die Dielen krachen unter den hastigen Tritten der Zimmermädchen und Frühstückträgerinnen, und die Türen fliegen. Da ist an Schlaf, außer für Minuten, nicht mehr zu denken, denn jene Antiphone sind noch nicht erfunden, die das überwache, raffinierte Ohr des Schlaflosen wirklich schützen.
Nichtsdestoweniger ist es angenehm, sich nochmals hinzulegen, die Augen nochmals zuzutun, noch nicht an all die dummen Verrichtungen zu denken, die der Morgen von uns verlangt: das dumme Anziehen, das dumme Rasieren, das dumme Krawattenflechten, das Gutentagsagen, das Lesen der Post, das Sichentschließen zu irgendeiner Tätigkeit, das Wiederaufnehmen der ganzen Lebensmechanik.