Indessen liege ich im Bett, höre die Zimmernachbarn lachen, schimpfen, gurgeln, höre die Korridorklingel rasseln und das Personal laufen und sehe bald, daß es keinen Zweck hat, das Unvermeidliche länger hinauszuschieben. Wohlan denn, friß, Vogel! Ich stehe auf, ich wasche mich, ich rasiere mich, ich führe alle jene komplizierten Evolutionen aus, welche erforderlich sind, um in die Kleider und Schuhe hineinzukommen, ich würge mich in den Hemdkragen, stopfe die Uhr in die Westentasche, schmücke mich mit der Brille, alles mit dem Gefühl des Sträflings, der die Ordnung dieser vorgeschriebenen Verrichtungen seit Jahrzehnten kennt und weiß, dies dauert lebenslänglich, es nimmt niemals ein Ende.

Um neun Uhr erscheine ich, ein bleicher, lautloser Gast, im Speisesaal, setze mich an meinen kleinen runden Tisch, begrüße stumm das hübsche, fröhliche Mädchen, das mir Kaffee bringt, streiche eine Semmel mit Butter, stecke eine andre in die Tasche, schneide die daliegenden Briefumschläge auf, stopfe das Frühstück in meinen Schlund, die Briefe in meine Rocktasche, sehe im Korridor einen gelangweilten Kurgast herumstehen, der sich mit mir zu unterhalten wünscht und schon von weitem einladend lächelt, auch schon zu reden beginnt, dazu noch französisch, renne ihn kurz entschlossen über den Haufen, murmele „Pardon“ und stürze auf die Straße hinaus.

Hier und im Kurgarten oder im Walde gelingt es mir nun, in der wünschenswerten Isoliertheit den Morgen vollends herumzubringen. Zuweilen glückt es mir, zu arbeiten, das heißt auf einer Bank im Park, den Rücken gegen die Sonne und gegen die Menschen, einiges von den Gedanken aufzuschreiben, die ich noch von den Nachtstunden her in mir vorfinde. Meistens laufe ich spazieren und bin dann froh über die halbe Semmel in meiner Tasche, denn es ist eine meiner besten Morgenfreuden (der Ausdruck ist allerdings zu heftig), dies Brot zu verkrümeln und an die vielen Finken und Meisen zu verfüttern. Ich denke dabei grundsätzlich nicht daran, daß in Deutschland, ein paar Meilen von hier, auch auf der reichen Leute Tisch kein solches Weißbrot liegt und Tausende überhaupt kein Brot haben. Ich verwehre diesem Gedanken, der so nahe steht, den Zutritt zu meinem Bewußtsein und finde dies Verwehren oft recht anstrengend.

In Sonne oder Regen, arbeitend oder spazierend, irgendwie und irgendwo habe ich schließlich den Vormittag abgewickelt, und es kommt die hohe Stunde des Kurtages, das Mittagessen. Ich kann versichern, daß ich kein Fresser bin, aber auch für mich, der die Freuden des Geistes und der Askese kennt, ist diese Stunde feierlich und wichtig. Aber dieser Punkt fordert eine eingehendere Betrachtung.

Es gehört, wie ich schon in der Vorrede angedeutet habe, zur Gemütsart und Denkweise des nicht mehr jungen Rheumatikers und Gichtbrüchigen, daß er die Unmöglichkeit eingesehen hat, die Welt geradlinig zu verstehen, daß er Sinn und Achtung hat für die Antinomien, für die Notwendigkeit der Gegensätze und Widersprüche. Manche von diesen Widersprüchen nun bringt, ohne an ihre tiefe philosophische Grundlegung zu rühren, das Badener Kurleben mit bewundernswerter Drastik zum Ausdruck. Viele solcher Gleichnisse könnte man hier entdecken, ich erinnere nur, um etwas recht Banales zu wählen, zum Beispiel an die vielen Ruhebänke, welche überall in Baden aufgestellt sind: sie laden alle die rasch ermüdenden, ihrer Beine nicht recht sicheren Kurgäste zum Absitzen und Ausruhen ein, und allzu gerne folgt der Gast dem freundlichen Wink. Kaum sitzt er aber eine Minute, so ringt er sich entsetzt wieder in die Höhe, denn der menschenfreundliche Errichter all dieser vielen Sitzbänke, ein tiefer Philosoph und Ironiker, hat ihre Sitzflächen aus Eisen konstruiert, und der darauf niedersitzende Ischiatiker sieht sich an der empfindlichsten Stelle seines kranken Leibes einem vernichtenden Kältestrom ausgesetzt, welchen alsbald wieder zu fliehen der Instinkt ihn treibt. So erinnert ihn die Bank daran, wie ruhebedürftig er ist, und mahnt ihn eine Minute später ebenso deutlich daran, daß des Lebens Kern und Quelle die Bewegung sei und daß einrostende Gelenke nicht so sehr der Ruhe als des Trainings bedürfen.

Viele solcher Beispiele ließen sich finden. Monumentaler aber als in allen andern kommt der Badener Geist, der sich stets in Antithesen bewegt, zur Mittags- und Abendstunde im Speisesaal zum Ausdruck. Da sitzen also Dutzende von kranken Menschen, von denen jeder seine Gicht oder Ischias mitgebracht hat, von denen jeder einzig darum nach Baden gekommen ist, um seine Beschwerden womöglich durch die Kur loszuwerden. Jede einfache, geradlinige, jede jugendlich-puritanische Lebensweisheit nun würde, auf klare und einfache Lehren der Chemie und Physiologie gestützt, diesen Kranken neben den heißen Bädern vor allem eine spartanisch einfache, fleischlose und alkoholfreie, reizlose Ernährung dringendst anraten, womöglich sogar Fastenkuren. So jugendlich, so einfach und einseitig aber denkt man in Baden nicht, sondern seit Jahrhunderten ist Baden ebensosehr wie durch seine Bäder durch seine üppige und köstliche Küche berühmt, und in der Tat gibt es wohl im Lande wenige Orte und Gasthäuser, wo die Leute so gut und reichlich schmausen, wie die Stoffwechselkranken in Baden es tun. Da werden die delikatesten Schinken mit Dezaley, die saftigsten Schnitzel mit Bordeaux begossen, zierlich schwimmt zwischen Suppe und Braten die blaue Forelle, und den reichlichen Fleischgängen folgen wunderbare Kuchen, Puddings und Cremen.

Frühere Autoren haben diese uralte Badener Eigentümlichkeit verschieden zu erklären versucht. Die hiesige hohe Küchenkultur zu verstehen und zu billigen ist leicht; jeder der tausend Kurgäste tut es täglich zweimal; sie zu erklären ist schwieriger, da die Ursachen sehr komplexer Natur sind. Einige der wichtigsten nenne ich im folgenden, zuvor aber möchte ich mit aller Entschiedenheit jene platt rationalistischen Begründungen ablehnen, denen man so häufig begegnet. Oft zum Beispiel hört man vulgäre Denker sagen, das gute Badener Essen, das im Widerspruch mit den eigentlichen Interessen der Kurgäste steht, habe sich eben im Laufe der Zeiten so ausgebildet und rühre von der Konkurrenz der verschiedenen Badehotels her, denn Baden sei nun einmal seit alters für gutes Essen bekannt und jeder Wirt habe das Interesse, hierin hinter den Konkurrenten mindestens nicht zurückzustehen. Diese so wohlfeile und oberflächliche Argumentation hält keiner Prüfung stand, schon weil sie das Problem selbst umgeht und die Frage nach dem eigentlichen Entstehen der guten Badener Küche durch den Hinweis auf Tradition und Vergangenheit abtun will. Und am allerwenigsten kann uns der absurde Gedanke genügen, die Gewinnsucht der Gastwirte sei schuld an dem guten Essen! Als ob irgendein Wirt ein Interesse daran haben könnte, seine Spesen für Metzger, Bäcker und Konditor möglichst zu vergrößern, und gar hier in Baden, wo jeder Besitzer eines Badehotels seinen Gästemagneten, seine große, nie erlahmende Attraktion seit Jahrhunderten unten im Keller liegen hat in Gestalt der heißen Mineralquellen!

Nein, wir müssen wesentlich tiefer graben, um dem Phänomen eine Theorie zu geben. Das Geheimnis liegt weder in Gewohnheiten und Traditionen der Vergangenheit noch im Kalkül der Wirte, es liegt tief im Grunde des Weltgefüges, als einer der ewigen, als gegeben hinzunehmenden Dualismen und Antinomien. Wäre das Essen in Baden traditionell mager und spärlich, so könnten die Wirte zwei Drittel ihrer Ausgaben sparen und hätten dennoch die Häuser voll, denn ihre Gäste werden nicht vom Essen hierher gezogen, sondern von den Zuckungen ihres nervus ischiaticus hergejagt. Aber nehmen wir nun einmal, probeweise, an, man lebe in Baden rationell, man bekämpfe Harnsäure und Sklerose nicht bloß mit Bädern, sondern auch mit Abstinenz und Fasten – was wäre die mutmaßliche Folge? Die Kurgäste würden gesund werden, und in Bälde würde es im ganzen Lande keine Ischias mehr geben, welche doch, gleich allen Formen der Natur, ihr Recht auf Dasein und Dauer hat. Die Bäder würden entbehrlich, die Hotels müßten verfallen. Und wenn man diesen letztern Schaden auch gering achten wollte oder ersetzen könnte, so würde doch das Fehlen der Gicht und Ischias im Weltplan, das Leerlaufen der köstlichen Quellen keine Verbesserung der Welt ergeben, sondern das Gegenteil.

Nächst dieser mehr theologischen Begründung folge die psychologische. Wer von uns Kurgästen wollte, neben den Bädern und Massagen, neben der Sorge und Langeweile auch noch Fasten und Kasteien ertragen? Nein, wir ziehen es vor, nur halb gesund zu werden und es dafür etwas vergnüglicher und hübscher zu haben, wir sind nicht Jünglinge mit unbedingten Forderungen an uns und andre, sondern ältere Leute, tief in die Bedingtheiten des Lebens verstrickt, daran gewohnt, fünfe gerade sein zu lassen. Und bedenken wir die Frage ernstlich: Wäre es richtig und wünschenswert, daß jeder von uns durch eine ideale Kur vollkommen und ganz geheilt würde und nie zu sterben brauchte? Wenn wir diese etwas heikle Frage ganz gewissenhaft beantworten, so lautet unsere Antwort: Nein. Nein, wir wollen nicht ganz geheilt sein, wir wollen nicht ewig leben.

Allerdings möchte jeder von uns, für sich allein befragt, vielleicht eher ja sagen. Wenn ich, der Kurgast und Schriftsteller Hesse, gefragt würde, ob ich damit einverstanden sei, daß dem Schriftsteller Hesse Krankheit und Tod erspart bleibe, ob ich sein ewiges Fortleben für gut, wünschenswert und notwendig halte, so würde ich, eitel wie Literaten es sind, die Frage vielleicht zunächst bejahen. Aber sobald man mir dieselbe Frage in bezug auf andere stellte, auf den Kurgast Müller, den Ischiatiker Legrand, auf den Holländer von Nr. 64, so würde ich mich sehr rasch zum Nein entschließen. Nein, es ist in der Tat nicht notwendig, daß wir älteren, nicht mehr allzu hübschen Leute, sei es auch ohne Gicht, endlos weiter leben. Es wäre sogar sehr fatal, es wäre sehr langweilig, sehr häßlich. Nein, wir wollen gerne sterben, später. Aber für heute ziehen wir vor, nach den ermüdenden Bädern, nach dem mühsam totgeschlagenen Vormittag, es ein wenig gut zu haben, einen Hühnerflügel abzunagen, einen guten Fisch abzuhäuten, ein Glas Rotwein zu schlürfen. So sind wir, feig und schwach und genußsüchtig, alte, egoistische Leute. So ist unsre Psychologie, und da unsre Seele, die der Rheumatiker und alternden Leute, auch die Seele Badens ist, sehen wir die Badener Eßtradition auch von dieser Seite gerechtfertigt.