Ist es nun genug der Beweise, der Rechtfertigung für unser Wohlleben? Bedarf es weiterer Gründe? Es gibt noch hundert. Ein einziger, sehr einfacher, sei noch genannt: die Mineralbäder „zehren“ nämlich, das heißt, sie machen hungrig. Und da ich nicht bloß Kurgast und Esser bin, sondern zu andern Zeiten auch den Gegenpol aufsuche und die Freuden des Fastens kenne, beschwert es mein Gewissen nicht, angesichts einer darbenden Welt und zum Schaden für meinen Stoffwechsel drei Wochen lang die Schlemmerei mitzumachen.

Ich bin lange abgeschweift. Kehren wir zum Tageslauf zurück! Ich sitze also an der Mittagstafel, sehe den Fisch, den Braten, das Obst einander ablösen, blicke in den Pausen lange und nachdenklich auf die Beine der servierenden Saaltöchter, alle in schwarzen Strümpfen, blicke nachdenklich, doch weniger lange auf die Beine des Oberkellners. Sie (die Beine des Oberkellners) sind uns Patienten allen ein teurer Anblick, ein großer Trost. Dieser Kellner nämlich, ohnehin ein sehr angenehmer Herr, hat einst an äußerst schweren und schmerzhaften Rheumatismen gelitten, so daß er nicht mehr zu gehen vermochte, und ist durch eine Badener Kur vollständig geheilt worden. Jeder von uns weiß es, manchen hat er es selbst erzählt. Darum sehen wir oft so nachdenklich auf die Beine des Oberkellners. Die Beine der jungen Saaltöchter aber, in schwarzen Strümpfen, sind ganz ohne Kur von selber so schlank und beweglich, und dies dünkt uns noch tieferen Nachdenkens wert.

Da ich für mich allein lebe, sind die Mahlzeiten auch die einzigen Anlässe, bei denen ich meine Mitkurgäste etwas näher kennen lerne. Ihre Namen zwar weiß ich nicht, und ich habe nur mit wenigen ein Wort gewechselt, aber ich sehe sie sitzen, sehe sie essen und erfahre dabei manches. Der Holländer, mein Zimmernachbar, dessen Stimme jeden Abend und Morgen durch die Wand hindurch mich stundenlang des Schlafes beraubt, hier bei Tische spricht er mit seiner Frau so gedämpft, daß ich seine Stimme nicht kennen würde, wäre es nicht von Nummer 64 her. O du sanfter Knabe!

Einige Figuren unsres mittäglichen Theaters erfreuen mich täglich durch die Entschiedenheit ihres Umrisses, durch die Bestimmtheit ihrer Rolle. Es ist eine Riesin aus Holland da, zwei Meter hoch oder mehr und reichlich schwer, eine majestätische Erscheinung, würdig, unsre Kurfürstin darzustellen. Ihre Haltung ist prachtvoll, ihr Gang aber läßt zu wünschen übrig, und seltsam kokett und gefährlich, fast beklemmend sieht es aus, wenn sie den Saal betritt, gestützt auf einen zierlich dünnen, spielerischen Stock, den man in jedem Augenblick erwartet brechen zu sehen. Aber vielleicht ist er von Eisen.

Dann ist ein furchtbar ernsthafter Herr da, ich wette, daß er mindestens Nationalrat ist, durch und durch moralisch, männlich, patriotisch, das untere Augenlid etwas rot und hängend wie bei jenen treuen Hunden am St. Bernhard, der Nacken breit und steif, jedem Schlag standhaltend, die Stirn voll Falten, die Brieftasche voll wohlerworbener und genau gezählter Banknoten, die Brust voll einwandfreier, hoher, doch intoleranter Ideale. Einmal in einer furchtbaren Nacht hat mir geträumt, dieser Mann sei mein Vater und ich stehe vor ihm und müsse mich verantworten: erstens wegen Mangel an Patriotismus, zweitens wegen eines Spielverlustes von fünfzig Franken, drittens weil ich ein Mädchen verführt hätte. Am Tag nach jenem tödlichen Traume sehnte ich mich sehr nach dem leibhaften Wiedersehen jenes Herrn, vor dem ich im Traume so sehr hatte zittern müssen. Sein Anblick würde mich heilen, denn stets ist ja die Wirklichkeit so viel harmloser als das Bild unsres Angsttraumes, der Mann würde vielleicht lächeln oder mir zunicken oder einen Scherz mit der Saaltochter machen oder mindestens durch seine körperliche Erscheinung das Zerrbild meines Traumes korrigieren. Aber als es Mittag war und ich den strengen Herrn beim Essen wiedersah, da nickte er nicht noch lächelte er, finster saß er vor seiner Rotweinflasche, und jede Falte seiner Stirn und seines Nackens drückte unerbittliche Moralität und Entschlossenheit aus, und ich hatte furchtbar Angst vor ihm, und am Abend betete ich, ich möchte nicht wieder von ihm träumen müssen.

Dagegen wie hold, wie lieblich und voll Anmut ist Herr Kesselring, ein Mann in den besten Jahren, sein Beruf ist mir nicht bekannt, aber er muß Hidalgo oder etwas Ähnliches sein. Hellblond wallt das Seidenhaar um seine reine Stirn, zart lockt in seiner Wange das heitere Grübchen, schwärmerisch und entzückt blickt das hellblaue Kinderauge, zärtlich streicht die lyrische Hand über die elegante farbige Weste. Kein Falsch kann in dieser Brust wohnen, keine unedle Regung den Adel dieser poetischen Züge trüben. Rosig vom Scheitel bis zur Zehe wie ein Mädchen von Renoir, mag Kesselring in jüngeren Jahren wohl den schelmischen Gespielen Cupidos sich gesellt haben, der Holde. Wie aber dieser süße Bursche mich erschreckte und enttäuschte, als er mir einst zur Dämmerstunde im Rauchzimmer eine kleine Taschenkollektion von unanständigen Bildchen zeigte, dafür fehlen mir die Worte.

Der interessanteste und hübscheste Gast, den ich in diesem Saale je gesehen, ist aber heute nicht da, nur ein einziges Mal habe ich ihn hier sitzen sehen, und da saß er mir gegenüber an meinem kleinen runden Tisch, eine Abendstunde lang, mit den braunen frohen Augen, mit den schlanken klugen Händen, zwischen all den Patienten eine einsame Blume voll Jugend und Glanz. Geliebte, komm wieder, um mit mir von den guten Speisen zu essen und den guten Wein zu kosten und den Saal mit unsern Märchen und unsrem Gelächter zu erhellen!

Wir Gäste kontrollieren einander, wie das in Sommerfrischen üblich ist, nur spielt dabei die Mode und Eleganz eine geringe Rolle. Desto genauer verfolgen wir das Befinden unsrer Mitbrüder, denn in ihnen sehen wir uns selbst gespiegelt, und wenn der greise Herr von Nummer 6 heute einen guten Tag hat und von der Türe bis zum Tisch alleine gehen kann, so freut das uns alle, und alle schütteln wir betrübte Köpfe, wenn wir hören, daß Frau Flury heute das Bett nicht verlassen könne.

Nachdem wir dann eine Stunde lang gut gegessen und einander betrachtet haben, brechen wir ungern dies Vergnügen ab und verlassen den Saal unsres Wohlgefallens. Für mich fängt jetzt der leichtere Teil des Tages an. Bei gutem Wetter suche ich den Hotelgarten auf, wo ich an verstecktem Ort einen Liegestuhl stehen habe, mein Notizbuch und Bleistift und einen Band Jean Paul dabei. Um drei oder vier Uhr habe ich meistens „Behandlung“, das heißt, ich muß beim Arzt antreten und werde von seinen Assistentinnen nach den neuesten Methoden behandelt. Ich sitze unter der Quarzlampe, wobei ich das Verlangen habe, die Sonnenkräfte dieser Zauberlaterne möglichst auszunützen und die bedürftigsten Körperteile so nahe wie möglich ans Zündloch zu halten. Einige Male habe ich mich dabei verbrannt. Ferner erwartet mich die unermüdliche Mitarbeiterin des Doktors zur Diathermie. Sie bindet kleine Kissen, elektrische Pole, um mein Handgelenk und läßt den Strom hindurch, während sie zugleich mit zwei ebensolchen Kissen meinen Nacken und Rücken bearbeitet, wobei ich nichts zu tun habe als zu schreien, wenn es zu sehr brennt. Auch besteht – ein Reiz mehr – während dieser Behandlungszeit stets die Möglichkeit, daß der Arzt eintritt und sich ein Gespräch mit ihm ergibt, und wenn auch diese Hoffnung sich an neunzehn von zwanzig Tagen nicht erfüllt, mitgerechnet muß sie doch werden.

Ich entschließe mich zu einem kleinen Spaziergang, und wie ich am Tor des Kurgartens vorbeikomme, merke ich am lebhaften Besuch, daß oben im Kursaal wieder eines der vielen Konzerte sein muß, welche dort immerzu stattfinden und von denen ich noch keines gehört habe. Ich trete also ein und finde im Kursaal ein sehr zahlreiches Publikum versammelt, es ist das erstemal, daß ich das hiesige Kur- und Krankenvolk so in corpore antreffe. Viele hundert Kollegen und Kolleginnen sitzen da auf Stühlen, einige vor einem Tee oder Kaffee, andre mit Büchern oder Strickstrümpfen versehen, und hören einer kleinen Gesellschaft von Musikern zu, welche fern im Hintergrund des Saales heftig spielen. Lange steh’ ich bei der Tür und schaue und höre zu, denn kein Stuhl ist frei. Ich sehe die Musiker arbeiten, sie spielen komplizierte Stücke meist unbekannter Meister, und es liegt nicht an der Qualität ihres Spiels, wenn ich diesem ganzen Unternehmen keine Sympathie entgegenbringen kann. Die Musiker machen ihre Sache sogar sehr gut – und eben darum wünsche ich, sie möchten richtige Musik spielen statt all dieser Kunststücke, Bearbeitungen und Arrangements. Und doch wünsche ich auch dieses eigentlich nicht. Es wäre mir um nichts wohler, wenn statt diesem unterhaltenden Auszug aus Carmen oder aus der Fledermaus etwa ein Schubertquartett oder ein Duo von Händel gespielt würde. Um Gottes willen, das wäre noch schlimmer. Ich habe das bei einem ähnlichen Anlasse einmal erleben müssen. Bei schwach besuchtem Saal spielte damals der erste Geiger einer Cafémusik die Chaconne von Bach, und während er sie spielte, notierte mein Ohr folgende gleichzeitige Eindrücke: zwei junge Herren bezahlten einer Kellnerin ihre Zeche und ließen sich kleine Münze auf den Tisch zählen – eine energische Dame reklamierte in der Garderobe heftig ihren Regenschirm – ein etwa vierjähriger, entzückender kleiner Junge unterhielt eine Tischrunde durch sein hellstimmiges Gezwitscher –, außerdem waren Flaschen und Gläser, Tassen und Löffel in Tätigkeit, und eine alte Frau mit schwachem Augenlicht stieß, zu ihrem eigenen heftigen Schrecken, einen Teller mit Gebäck über den Tischrand hinab. Jeder dieser Vorgänge, für sich betrachtet, war ein vollgültiges, meiner Sympathie und Aufmerksamkeit würdiges Geschehnis, dem gleichzeitigen Andringen und Werben so vieler Eindrücke aber fühlte ich mich seelisch nicht gewachsen. Und daran war einzig die Musik schuld, die Bachsche Chaconne, sie war es allein, welche störte. – Nein, alle Achtung vor den Musikern im Kursaal! Aber diesem Konzert fehlte für mich die eine Hauptsache: der Sinn. Daß zweihundert Personen Langeweile haben und nicht wissen, wie sie den Nachmittag herumbringen sollen, das ist in meinen Augen keine zureichende Begründung dafür, daß einige gute Musiker Bearbeitungen aus bekannten Opern spielen. Was diesem Konzert hier fehlte, war bloß das Herz, das Innerste: die Notwendigkeit, das lebendige Bedürfnis, die Spannung von Seelen, wartend auf Erlösung durch die Kunst. Indessen kann ich mich hierin täuschen. Wenigstens sehe ich bald, daß auch dieses eher schwunglose Publikum nicht eine homogene Masse ist, sondern aus vielen einzelnen Seelen besteht, und eine dieser Seelen reagiert auf die Musik mit größter Sensibilität. Zuvorderst im Saal, ganz nahe dem Podium, sitzt ein leidenschaftlicher Musikfreund, ein Herr mit schwarzem Bart und goldenem Kneifer, der wiegt, weit zurückgelehnt, mit geschlossenen Augen trunken seinen hübschen Kopf im Takte der Musik, und wenn ein Stück zu Ende ist, so erschrickt er, reißt die Augen auf und eröffnet als erster die Salve des Beifalls. Allein mit dem Klatschen nicht zufrieden, erhebt er sich auch noch, tritt ans Podium, weiß sich dem Kapellmeister von hinten bemerklich zu machen und überschüttet ihn, unter andauerndem Beifall der Menge, mit Worten begeisterten Lobes.