So hatte sie auch, schon lang vor meiner Geburt, mit dem alten Winkelreiniger Großjohann, den man täglich mehrmals über unsern Hof gehen sah und mit dem man doch kaum alle Jahr einmal ein Wörtlein sprach, nichts anzufangen gewußt. Dem schmierigen Winkelreiniger half es nichts, daß er eine mächtige, wetterfeste Figur, breite Schultern und ein abenteuerlich kriegerisches Gesicht mit greisem, langem Doppelbart besaß; an ihm war das nur lächerlich. Aber sobald man ihn Garibaldi nannte, war er seines stolzen Äußeren würdig, dann umwitterte ihn statt des Winkelgestankes eine heroische Luft und war es jedesmal ein Erlebnis und eine Freude, ihm zu begegnen. Meine Mutter wünschte stets unter Menschen und Sachen zu leben, deren Anblick ihr jedesmal ein Erlebnis und eine Freude war. So nannte sie den alten Nachbar Garibaldi.

Ich kleiner Bub wußte vom wahren, historischen Garibaldi, dessen Bild und Taten meiner Mutter wohlbekannt waren, damals noch kein Wort. Aber der stattliche welsche Name machte mir großen Eindruck und hüllte den Schorsch Großjohann wie eine sagenhafte Wunderwolke ein.

Soweit war Garibaldi die Schöpfung meiner Mutter. Ohne davon eine Ahnung zu haben, dichtete ich nun an ihm weiter und machte ihn zu einem seltsamen Helden, dessen Leben ich mitlebte und dessen Schicksale mich wie eigene Schicksale bewegten, ohne daß ich je ein Wort mit ihm gesprochen hätte. Fast jeden Tag sah ich ihn ein oder zweimal in seiner Tätigkeit, außerdem abends im Hof oder hinter den niederen Fensterchen seiner Wohnung.

Er war damals schon bald siebzig und, wenn man auf Kleidung und Reinlichkeit nicht allzu streng achten wollte, ein schöner Greis. Das Kriegerische, das er an sich hatte, bestand neben der großen sehnigen Gestalt hauptsächlich in der braunen Gesichtsfarbe und in dem langen, gelblichgrauen, stark verwilderten Haar und Bart. Wenn man das Gesicht genauer aufschaute und mit dem äußeren Wesen und Lebenswandel des alten Mannes zusammenhielt, kam eher ein milder Charakter heraus. Mund und Nase zwar waren fest, scharf und schneidig geformt, aber die große stille Stirn wies weder Narben noch tiefe Falten auf, sondern glich etwa einer abendlichen Straße, auf welcher das Leben vollends eindämmert oder wo Wanderer, Wagen und Rosse, das sind Gedanken, Hoffnungen und Leidenschaften schon so lange vorübergebraust und gefahren sind, daß ihre Spuren sich wieder zu glätten beginnen. Dies bestätigten auch die hellgrauen Augen. Sie waren noch klar und scharf und saßen klein und wachsam über der braunen Hakennase, aber der Blick zeigte eine etwas müde Ruhe, als suche er in diesen späten Tagen auf Erden keine Ziele mehr.

Schön und merkwürdig war in diesem gefestigten und stillgewordenen Angesicht ein manchmal auftauchendes, ganz schwaches Lächeln der Ruhe und leidlosen Resignation, wenn der alte Schorsch etwa einem Festzug, einem Kinderauflauf, einer Prügelei oder dergleichen zuschaute. Wenn hinter diesem Lächeln irgend ein bewußter Gedanke stand, so war es der eines ironisch zuschauenden, überlegen Unbeteiligten, dem die Wichtigkeit dieser kleinen menschlichen Händel schon lange lächerlich und kindlich vorkam.

„Hauet einander nur,“ sagte dieses Lächeln, „hauet nur zu! Und meinetwegen könnt ihr ja Feste feiern, wenn’s euch Spaß macht. Was kümmert’s mich?“

Mein Verstand war noch viel zu klein, um diese Züge zu lesen und sich einen Reim darauf zu machen. Aber meine Phantasie nahm von dem stillen Alten Besitz und ließ ihn nicht los, sie liebte ihn und schuf ihn zu einem Wesen um, das mir viel ferner und fremder war als er selber und das doch zu mir gehörte und zum Helden meiner Gedanken wurde, während der Schorsch selber jahraus jahrein mir vorüberging und unbekannt blieb. Und wenn ich nun vom alten Garibaldi erzähle, ist es mehr Geträumtes als Gesehenes, aber lauter Erlebtes, und vielleicht ist das Erfundene so wahr wie das Gesehene; vielleicht erlebte meine Phantasie nichts anderes als was der Alte hätte erleben können und sollen, wenn er nur dazu gekommen wäre.

Vom Hofe aus führte eine kaum fußbreite, schadhafte und überhängende steinerne Treppe, ein richtiger Halsbrecher, an der alten, weit ausgebauchten Bergmauer hin in ein winziges Gärtchen hinauf, das dem Nachbar Staudenmeyer gehörte. Gärtchen ist eigentlich schon viel gesagt, denn das zwischen zwei in den Berg hinein gebauten Hinterhäusern und einer jähen Terrassenmauer eingeklemmte Stück abschüssigen Bodens war nicht größer als eine tüchtige Stube. Vom Berge her schwemmte jeder Regen eine Menge Sand herab und nahm dafür die gute schwarze Erde mit, und auf der einen Seite stand das Dach des daraufstoßenden Hauses so weit über, daß man dort in Wirklichkeit kaum das Gefühl haben konnte, im Freien zu sein. Die Nachbarin hatte, noch außer der Witterung und dem Unkraut, um den Besitz ihres Fleckchens Erde ohne Unterlaß mit einer großen Schar von verwilderten Katzen und mit einer nicht kleineren Horde strohblonder Kinder zu kämpfen. Beide, Kinder und Katzen, entstammten der benachbarten, steilen und finsteren Armutgasse, wilderten üppig in dem Winkel dort herum, waren nicht auseinander zu kennen und so wenig mit Erfolg zu bekriegen wie ein Mückenschwarm. Allmählich wurde also Frau Staudenmeyer des Kämpfens müde und das Gärtlein fiel ganz den ungebetenen Gästen anheim. Es wucherten nun auf dem verwahrlosten Platze alte Stachelbeerstauden mit einem geilen, niemals Früchte reifenden Erdbeergeschlinge samt vielerlei Unkräutern zu einem grünen Wirrwarr zusammen, aus welchem hier und dort ein Rest der ehemaligen Gartenherrlichkeit, etwa ein himmelhoch aufgeschossener Salatstock oder eine faustgroße Zwiebelblüte hervorragte.

Im Sommer und Herbst, wenn an schönen Tagen abends noch Sonne dort hinunter kam und die feuchten Mauern erwärmte, dann erschien gegen sieben Uhr der greise Garibaldi im Hof, stieg langsam die schmalen Steinstaffeln zum Gärtchen hinauf und setzte sich auf den ausgetretenen obersten Treppenstein. Dort ruhte er schweigend in der schwachen Spätsonne, tat seltene Züge aus einer schwarzgebrannten, kurzen Holzpfeife und gab nur, wenn etwa ein Nachbar ihn vom Fenster aus anrief, ein kurzes Wort zurück. Sonst redete er keinen Ton, sondern saß regungslos auf dem schmalen Stein und ruhte und rauchte, bis es dunkelte und kühl wurde. Über und unter ihm rumorten die Kinder, rauften und zankten miteinander, fraßen unreife Beeren und erfüllten die goldige Abendluft mit Gelächter, Geschrei und Gewimmer. Sie hieben einander die Köpfe blutig, stahlen einander das Vesperbrot, fielen über die Mauer herab und schrien Mordio. Den Alten berührte es nicht, obwohl er ungezählte Enkel und Großneffen unter der Horde hatte. Wenn einmal etwas Besonderes los war und das Geschrei zum Gebrüll anwuchs, drehte er den verwitterten Kopf vielleicht ein wenig danach hinüber und auf seine schmalen Lippen trat für einen flüchtigen Augenblick das kühle, gleichgültige Lächeln, mit welchem er den Lauf der Ereignisse zu betrachten gewohnt war.

Er hatte an anderes zu denken als an das kleine Zeug um ihn herum. Während sein brauner Daumen die Glut in die Holzpfeife zurück stopfte, verweilte seine Erinnerung weit von hier, in alten Zeiten und fremden Ländern, in wilden Feldzügen und auf weiten, abenteuerlichen Raub- und Wanderfahrten.