Im April trat Karl Eugen in das Geschäft seines Vaters ein. Im nächsten Jahre ging er als Volontär in ein auswärtiges Kaufhaus, von wo er mit guten Zeugnissen zurückkam, und als nach einigen weitern Jahren der alte Herr anfing kränklich zu werden, übernahm er den Laden allein und überließ dem Vater nur noch die Korrespondenzen.

Während dieser Jahre fiel das Geniewesen in aller Stille vollends von ihm ab wie eine Schlangenhaut, und es zeigte sich, daß unter der Hülle recht viele väterliche und mütterliche Erbstücke unverloren geschlummert hatten. Die erstarkten nun und traten bald auch äußerlich zutage. Wie mit dem Lesen und Dichten der Weltschmerz, so war mit dem Schlips und den Geniemanieren auch die falsche Bedeutsamkeit und Wichtigkeit des Auftretens verschwunden und der absonderliche Apfel also doch nahe beim Stamm gefallen. Und der vom milden Stachel täglicher Arbeit aus dem Traum geweckte Jüngling sah allmählich ein, daß seine vermeintliche Frühreife weit eher ein ungewöhnlich langes Kapriolenmachen der Jugendlichkeit gewesen war. Aber desto gründlicher faßte er die Arbeit und Umkehr an.

Die Zeit ging hin, er heiratete und wurde Vater, das Geschäft ging nicht übel und seine Schulden waren alle längst bezahlt. Zuweilen nahm er etwa einmal abends eines der Bücher von damals in die Hand, blätterte darin hin und her, schüttelte nachdenklich den Kopf und stellte es an seinen Ort zurück. Das Dichterbildnis aber hing noch immer an der Wand: der Jüngling im modischen Kragen blickte stolz und verachtend aus dem Rahmen und hinter ihm saß unerschüttert der kühne Kondottiere auf seinem ehernen Roß.

Garibaldi

Dieser Tage fuhr ich in der Eisenbahn von Steckborn nach Konstanz. Durch Obstbäume glänzte mattrot der abendliche Untersee, Bauerngärten mit Geranien, Fuchsien und Georginen leuchteten durch braun und grüne Lattenzäune, jenseits des Wassers lag die Reichenau und über Ried und Rebbergen das hohe Horner Kirchlein goldig umleuchtet in der milden Abendklarheit. Es war noch heiß und ich hatte streng rudern müssen, um den Zug noch zu erreichen. Nun saß ich müde und gedankenlos allein in der Wagenecke und sah durchs offene Fenster die wohlbekannten Berge, Matten und Wasser im roten Abenddunst verglühen.

Der Wagen war fast leer. Ein paar Bänke weiter saßen zwei grauhaarige Herren in lebhaftem Gespräch beisammen. Ich war zu müd und teilnahmlos, um etwas davon zu verstehen; ich hörte nur die einzelnen Worte und nahm wahr, daß der eine von den Redenden ein Thurgauer vom See, der andere aber ein Zürcher sein müsse, der Sprache nach zu urteilen. Dann interessierte mich auch das nicht mehr, ich lehnte mich träg in die Ecke und begann zu gähnen.

Da hörte ich in dem benachbarten Gespräch plötzlich mehrmals den Namen Garibaldi nennen und war verwundert, daß dieses Wort mich so merkwürdig erregte. Was ging mich Garibaldi an?

„Ja wohl, der Garibaldi!“ rief da wieder der Thurgauer laut, und die Betonung, mit der er den Namen aussprach, weckte mich aus meiner Stumpfheit und zwang mich, dem lang nicht mehr gehörten Klange folgend lange Erinnerungswege zu wandern, zurück und weiter zurück bis in die Zeiten, in denen jener Name mir vertraut und wichtig gewesen war. Aus kühlen Brunnentiefen ferner Kinderjahre wehte mich ein fremder, starker Heimwehzauber an. Und als ich spät am Abend von Konstanz zurück war und dann langsam durch die bleiche Seenacht meinem Dorfe entgegen fuhr, als der leise laue Wind im Segel sang und seltene Rufe aus entfernten Fischerbooten übers Wasser wehten, stand ein Stück Kinderzeit und halbvergessenes, glückliches Ehemals neu und lebendig vor mir auf.

Garibaldi war ein Märchen, ein Phantasiebild, eine Dichtung.

Eigentlich hieß er Schorsch Großjohann, wohnte jenseits unseres gepflasterten Hofes und trieb das dunkle Gewerbe eines Winkelreinigers, das ihn kümmerlich ernährte. Ich wurde aber zehn Jahre alt, ehe ich seinen eigentlichen Namen erfuhr; bis dahin hörte ich ihn nie anders als den Garibaldi nennen und wußte nicht, daß schon dieser Name, der mir so wohl gefiel, eine Dichtung war. Ihn hatte meine Mutter erfunden, und da ich ohne meine Mutter nie zum Träumespinner und Fabulierer geworden wäre, war es billig, daß sie auch bei jenem Kindermärchen Pate stand. Sie hatte das Bedürfnis und auch die Gabe, ihre ganze Umgebung beständig nach ihrem eigenen, lebhaften Geist zu gestalten und zu benennen, und ich darf von dieser ihrer Zauberkunst nicht zu reden anfangen, da ich sonst kein Ende fände.