„So so?“ machte der Garibaldi und schüttelte den Kopf. Und:

„Alle beide?“ fragte er nach einer Weile.

„Ja wohl, alle beide,“ sagte mein Vater.

„So so. — So so.“

Und als jetzt mein Vater sich anschickte einen Anfang mit dem Trösten zu machen, winkte er ab und lächelte verachtungsvoll. Da ging denn mein Vater mit dem Polizeidiener wieder fort und Garibaldi machte sich wie sonst an seine Arbeit.

Am Abend dieses Tages, da jedermann die Nachricht schon wußte, saß er wieder auf seiner Staffel und alle Nachbarn schauten ihn an und alle paar Minuten rief ihn einer vom Fenster oder von der Gasse herüber an: „Mein Beileid auch, du!“

Und er sagte jedesmal „merci“. Da kam der Stadtpfarrer auch noch gegangen und gab ihm die Hand und sagte freundlich: „Wir wollen in Ihre Stube hinein gehen, kommen Sie!“

Aber Garibaldi schüttelte den Kopf. „’s ist gut,“ sagte er, „und ich sag meinen merci“, und blieb sitzen, und die vielen Herumsteher drückten sich hintereinander und kicherten. Der Stadtpfarrer schien betrübt und es sah aus, wie wenn er noch einiges zu sagen hätte, aber er zog nur den Hut und grüßte wieder freundlich und ging langsam aus dem Hof und fort, und der Garibaldi blies eine große Rauchwolke hinter ihm her.

Von da an, wenn ich ihn des Abends wieder rasten sah, schien mir sein Gesicht ein wenig tiefer gefurcht und noch abwehrender und einsamer als sonst, und ich betrachtete ihn, der zwei starke Söhne im fremden Land verloren hatte, mit vermehrter Scheu.

Außer jenen untergegangenen Söhnen hatte Garibaldi noch drei verheiratete Töchter, deren älteste verwitwet war. Dies war die Lene Voßler, ein wildes und berüchtigtes Weib, groß von Wuchs und von einer seltsam ungelenken, aber längst verwilderten Schönheit. Diese war von allen seinen Kindern das einzige, das zu ihm paßte, und auch das einzige, das in Verkehr und Freundschaft mit ihm stand. Sie kam den Winter über fast jeden Abend zu ihm in seine Hinterhausstube, dort saß sie neben dem Alten, oft bis es spät wurde, und redete kaum ein Wort mit ihm, der seine kleine Pfeife im Munde hielt und ebenfalls schwieg. Ich besann mich oft genug, was die zwei wohl mit einander anstellen möchten, aber sie saßen hinter den alten großblumigen Gardinen aus Wolle und man konnte im Schimmer der schlechten Ölfunzel nur zuweilen ihre ernsten Köpfe sehen.