Und häufig kam zu diesen beiden merkwürdigen, geheimnisvollen Menschen noch eine dritte Fabelgestalt. Dies war der alte Penzler, ein gewesener und verarmter Mühlenbauer, der aus Bayern stammte und den schon seine Herkunft und sein seltenes Handwerk zu etwas besonderem machten. Seit Jahren lebte er einsam und vielbesprochen in der finsteren Hengstettergasse ein ärmliches Sonderlingsleben, drehte ewig an seinem ungeheuren Schnauzbart, redete in alttestamentlichen Wendungen und betrank sich alle paar Wochen einmal, was meistens zu Nachtskandal und schlimmen Szenen führte. Der einzige Mensch, dem er Achtung zeigte und mit dem er eine Freundschaft unterhielt, war Garibaldi. Als dessen Söhne totgesagt wurden, kam Penzler zu ihm, schlug ihm auf die Schulter und rief mit gewaltiger Trösterstimme: „So geht’s, alter Prophete! Wir sind allesamt wie Gras und wie des Grases Blüte. Na, die Lausbuben haben jetzt keine Sorgen mehr.“
Winterabends kam der Mühlenbauer sehr oft zum Garibaldi und saß mit ihm und seiner Tochter, der Lene Voßler, in der niedrigen, trüb erhellten Stube, die sich allmählich ganz mit Tabaksrauch füllte. Ich schaute immer hinüber und lief manchesmal noch spät Nachts von meinem Bett ans Fenster, schaute nach ob drüben noch Licht sei und stierte das einsame rote Fenster ahnungsvoll und begierig an, bis mich fror und ich ins Bett zurück mußte.
An einem Abend, es ging schon gegen den April und man brauchte fast nimmer zu heizen, wurde meine Neugierde belohnt und das eigentliche Treiben und Wesen des Alten ward mir klarer. Es fehlte nämlich diesmal der wollene Vorhang hinter seiner Scheibe und ich sah den Garibaldi mit der Lene und dem Penzler am Tische sitzen. Es mochte neun Uhr oder später sein. Eine Blechlampe gab trübes Licht, die beiden grauhaarigen Männer bliesen Rauch aus ihren Pfeifchen und saßen still und vorgebeugt auf ihren Hockern, die Lene Voßler aber hatte über den ganzen Tisch im Viereck ein Kartenspiel ausgebreitet, ein Blatt dicht am andern. Auf diese Karten starrten alle drei. Bald nahm die Lene, bald ihr Vater eine Karte in die Hand und legte sie nachdenklich und zögernd an einen anderen Platz; der Mühlenbauer sah mit scharfem Gesichte zu, deutete mit dem Pfeifenstiel hierhin und dorthin, schnitt ernste Grimassen, schüttelte den Kopf oder zuckte mächtig mit den gewaltigen Augenbrauen, die so stark wie Schnurrbärte waren. Gesprochen wurde nichts. Über den drei gebeugten Köpfen wölkte der dichte Rauch und stieg über der Lampenflamme in einer ununterbrochenen Säule in die Höhe.
Zwei Stunden lang schaute ich zu. Penzler schnitt immer schärfere Grimassen, die Lene ordnete ihre Karten immer leidenschaftlicher und legte sie hastig aus, der alte Garibaldi aber saß mir gerade gegenüber und so oft er den Kopf erhob, floh ich in meine Stube zurück, obwohl er mich am dunklen Fenster nicht hätte sehen können. Seine Augen waren auf die Karten gerichtet und brannten in dem braunverwelkten Gesicht mit leiser Glut.
Sie taten also Karten legen und wahrsagen, und es wunderte mich nicht. Aber wer wahrsagen kann, der muß auch zaubern können. Vom Bayern, dem Penzler, wußte man ja schon immer, daß er mit Geistern umging und viele geheime Heilmittel kannte. Ich paßte auf wie ein Jagdhund und brannte vor banger Begierde. Und als die Tage wärmer und die Abende lang und mild wurden, sah ich öftere Male wie Garibaldi, sobald es zu dunkeln begann, an seinem Staffelplatz vom Penzler abgeholt wurde und mit ihm die Gasse hinab verschwand. Ich wußte genau, daß er nicht ins Wirtshaus ging, dafür hatte ihn meine Mutter oft gerühmt; daß man aber in diesen lauen, stichdunkeln Frühjahrsnächten viel Zauber treiben konnte, war gewiß.
Ich sah in meinen Gedanken die zwei alten Hexenmeister die Stadt verlassen, im finstern Walde Kräuter suchen, ein Feuer anfachen und Beschwörungen ausüben. Ich sah sie unter moosigen Felsen beim Lichte kleiner Diebslaternen Schätze aus der feuchten Erde graben. Ich sah sie Wetter machen und Krankheiten beschwören.
Ob wohl die Lene Voßler auch mitging? Nein, sie ging nicht mit. Eines Abends konnte ich der Neugier nicht widerstehen. Sobald ich den Mühlenbauer im Hof erscheinen sah, verließ ich still das Haus durchs Gartentor und schlich mich zwischen den Gärten hindurch auf die Gasse. Garibaldi und Penzler gingen miteinander straßabwärts. Der eine hatte etwas unter dem Arm, was wie ein aufgerollter langer Strick aussah, der andere trug eine Art Kachel oder Kanne. Ich folgte ihnen mit großem Herzklopfen die Gasse hinunter, über den Balkensteg und bis auf den Brühel, wo das letzte Haus der Stadt, ein alter Gasthof steht und wo der Weg sich teilt. Es führt von dort aus ein Sträßlein eben den Fluß entlang, das andere stark ansteigend bergan in den Wald hinein.
Weiter wagte ich nicht hinterher zu gehen, der Gasthof war schon geschlossen, ringsum brannte keine Laterne, von der Stadt hörte man nichts mehr als vielleicht ein fernes Wagenrollen; vor mir lag kirchenstill der Brühel mit seinen riesigen Linden und Kastanien und durch die alten Kronen stöhnte der feuchte, stürmische Frühlingswind. Und die beiden dunklen Männer, die unter den hohen Bäumen auf einmal klein erschienen, wandelten in die schwarze Stille hinein, gleichmäßig im Schritt und ohne miteinander zu reden, ihre Geräte tragend. Ich sah sie schwer und stille schreiten, der Nacht entgegen, mitten in das sich auftuende Reich der Finsternis und der schrecklichen Wunder, wo sie heimisch waren.
Mir wurde todesangst, als der Penzler einmal hinter sich schaute; ich blieb am Brühel stehen und sah nur noch, daß die beiden den Talweg flußabwärts einschlugen. Dann lief ich im Galopp zurück, kam ungesehen wieder durch die Hintertüre ins Haus und als ich dann geborgen im Bette lag, konnte ich noch lang nicht einschlafen, weil mein Herz vom schnellen Laufen und vor Angst nicht aufhören wollte gewaltig zu schlagen.
Von da an wagte ich dem Garibaldi kaum mehr zu begegnen und wich ihm und dem Penzler auf der Straße ängstlich aus. Und daran tat ich wohl, denn es zeigte sich nicht allzu lange darauf, daß sie gefährliche Wege gegangen seien.