An einem Morgen im Sommer — ich hatte Ferien — sprach es sich in der Stadt herum, es sei zu Nacht ein Unglück passiert. Nach einer Stunde erfuhr man, der Mühlenbauer Penzler sei in aller Gottesfrühe tot aus dem Wasser gezogen worden und liege drunten im Gutleuthaus. Alles strömte in großer Aufregung und Neugierde dorthin. Auf den steinernen Korridor des Gutleuthauses waren ein paar Bündel leinene Säcke und darüber eine rote Wolldecke gelegt, darauf lag halb entkleidet eine Gestalt, das war der Mühlenbauer. Aus der Nähe betrachten durfte man ihn nicht, ein Landjäger stand dabei, und mir war es recht, denn das Grausen hätte mich umgebracht.

Der Garibaldi war auch da, ging aber bald wieder weg und hatte sein gleichmütiges Gesicht aufgesetzt, so als gehe die Geschichte ihn nichts an. Als er wegging und die vielen Leute immer noch neugierig herumstanden und die Mäuler offen hatten, lächelte er auf seine stille, verächtliche Art. Und der Penzler war sein einziger Freund gewesen.

Wahrscheinlich war er nachts dabei gewesen, als der andere ins Wasser fiel. Warum hatte er dann nicht sogleich Leute geholt?

— Oder war der Bayer vielleicht mit seinem Wissen und durch seine Schuld ertrunken? Hatten sie Streit gehabt, vielleicht bei der Teilung eines Schatzes?

Man hörte auf von dem Unglück zu reden. Garibaldi tat wie immer seine Arbeit in der Stadt herum und rastete bei gutem Wetter jeden Abend auf der Treppenstaffel über unserem Hof, wo die Kinder lärmten. Der dem Zauberwesen zum Opfer gefallene Mühlenbauer fand keinen Nachfolger. Garibaldis Gesicht wurde je älter desto undurchschaulicher und ich, der einen Teil seiner Geheimnisse kannte, sah hinter seiner gleichmütigen Stirn und hinter seinem ruhig überlegenen Blick eine Welt von dunklen Schicksalen träumen.

Im folgenden Herbst geschah es, daß ihm bei der Arbeit die hohe Leiter eines Gipsers auf die Schulter fiel und ihn beinah erschlagen hätte. Er lag vier Wochen krank im Spittel. Als er von dort wiederkam, war in seinem Wesen eine gewisse Veränderung wahrzunehmen. Er lebte wie sonst, tat seine Arbeit und sprach womöglich noch weniger als früher, aber er hatte jetzt die Gewohnheit, leise mit sich selber zu reden und zuweilen zu lachen, wie wenn ihm alte lustige Geschichten einfielen. An stillen Abenden, wenn die Kinder gerade anderswo tobten oder einem Kunstreiterwagen oder Kamelführer oder Orgelmann nachliefen, hörte man ihn im Höfchen ohne Unterlaß murmeln. Auch saß er nie mehr lange Zeit auf seinem Steine still, sondern ging öfters unruhig auf und ab, was zusammen mit dem Murmeln und Kichern etwas Unheimliches hatte.

Ich fühlte damals zum ersten Mal Mitleid mit dem alten Hexenmeister, ohne ihn aber deswegen weniger zu fürchten. Sein neuerliches Gebaren schien mir bald auf Gewissensbisse, bald auf neue schlimme Unternehmungen zu deuten.

„Der Garibaldi will auch anfangen altwerden,“ sagte einmal meine Mutter beim Nachtessen. Ich verstand das im Augenblick nicht, denn ich hatte ihn nie anders als grau und alt gesehen. Aber ich vergaß das Wörtlein nicht und merkte nach und nach selber, daß Garibaldi wirklich jetzt erst zu altern begann.

Noch einmal machte er von sich reden. Eines Abends war, nach langem Ausbleiben, seine Tochter Lene wieder einmal zu ihm gekommen. Sie waren in der Stube beieinander und ich glaube, die Lene wollte auswandern. Darüber kamen sie in Streit, bis das Weib mit der Faust auf den Tisch schlug und ihm Schimpfworte sagte. Da hub der alte Mann seine Tochter, so groß und stark sie war, jämmerlich zu hauen an und warf sie die Stiege hinunter, daß das Geländer krachte und das Weib nur mit Mühe und Schmerzen davonhinken konnte.

Von da an blieb Garibaldi ganz einsam und nun brach das Alter plötzlich vollends über ihn herein. Die Pfeife begann ihm im Munde zu wackeln und häufig auszugehen, die Selbstgespräche nahmen kein Ende, die Arbeit wurde ihm sauer. Schließlich gab er sie auf und war fast über Nacht zu einem gebückten und zittrigen Kerlchen geworden.