Für mich hörte er darum nicht auf wichtig und rätselhaft zu sein. Ich fürchtete ihn mehr als je und konnte es doch nicht lassen, ihm halbe Stunden lang vom sicheren Fenster aus zuzuschauen. Beim Rauchen stützte er jetzt den Ellenbogen aufs Knie und hielt die Pfeife mit der Hand fest, aber auch die war zittrig und hatte keine Kräfte mehr.
Die Tage waren noch kühl und im Walde lag noch ein wenig Schnee, da war eines Tages der Garibaldi gestorben.
Mein Vater bürstete seinen Schwarzen und ging zur Leiche. Ich durfte nicht im Zug gehen (wenn man das Dutzend Nachbarn einen Zug heißen will), aber ich stieg auf die Kirchhofmauer und hörte zu und erfuhr dabei zum ersten Mal, daß der Tote nicht Garibaldi, sondern Schorsch Großjohann geheißen hatte, was mich in lange Zweifel stürzte, denn fragen mochte ich niemand.
Nachher sagte mein Vater zur Mutter: „Unser Garibaldi war doch ein sonderbarer Mensch, fast unheimlich; weiß Gott, wie er so geworden ist.“
Darüber hätte ich nun mancherlei mitteilen können. Aber ich behielt alles für mich — das Wahrsagen, das Zaubern, die Nachtgänge flußabwärts und das, was ich über den Tod des bayerischen Mühlenbauers vermutete.
Walter Kömpff
Die Leute von Gerbersau, die da auf den Straßen laufen, unter ihren Ladentüren stehen, ihr Handwerk und Geschäft besorgen und fast alle so zufrieden sind, obwohl sie beständig über die schlechten Zeiten zu klagen haben, alle diese Leute haben den Walter Kömpff noch gut gekannt. Sie sind mit ihm in die Schule gegangen, sie sind mit ihm Soldat gewesen, sie haben Geschäfte mit ihm gehabt und früher oft abends ein Bier mit ihm getrunken. Und dann machte er plötzlich so viel von sich reden, eine Zeitlang!
Aber alle diese Leute sprechen nimmer von ihm und haben ihn vergessen. Es gab eine Zeit, da hätte man meinen sollen, sie würden von Walter Kömpff noch als weißhaarige Großväter zu reden haben und mit keinem auswärtigen Geschäftsfreund über den Marktplatz gehen können, ohne ihm das vormals Kömpffsche Haus zu zeigen und ihm nachher im Adler oder Hirschen die Geschichte dazu zu erzählen, der Länge und Breite nach.
Und wenn auch gar nichts zu verwundern und zu erzählen gewesen wäre, wie war es möglich, diesen Mann so ganz zu vergessen? Hätte noch vor zehn Jahren irgend ein Gerbersauer sich den Marktplatz vorstellen können ohne den Kömpffschen Laden und das Schild darüber und den mit seinem Namen bemalten grauen Pritschenwagen und ohne ihn selber, wie er unter der Tür stand oder über den Platz schritt oder auf dem grünen Feierabendbänklein saß? Oder hätte jemand sich einen Jahrmarkt denken können, ohne daß er in seiner Ladentüre stand und die vielen Dutzende von auswärtigen Bekannten begrüßte?
Beispielsweise gesprochen, stelle man sich jetzt einmal den jüngeren Giebenrath vor, den Tuchhändler! Nicht wahr, da läuft er gaßauf, gaßab, ruft hier „Guten Morgen!“ und dort „Grüß Gott!“, langt da an den Hut und macht dort ein Kompliment, und dann geht er in sein Haus, und man weiß, da ist er jetzt drin und verkauft Tuch, und überm Laden steht mit Gold auf Schwarz sein Name. Es ist niemand in der Stadt, der ihn nicht kennt und der nicht weiß, wie er spricht und wie er lacht und was er im Winter für einen Mantel hat und mit wem er verwandt ist und was er für Geschäfte macht und daß er zu den Demokraten gehört. Also, wieder beispielsweise, der jüngere Giebenrath stirbt jetzt — oder, um niemand weh zu tun, sagen wir, er geht weg, vielleicht nach Stuttgart oder nach Pforzheim.