Ja, wenn ich das nur sage, da lachen sie alle und winken mir mit dem ganzen Arm ab: „Wo denkst hin! Der bleibt, wo er ist! Der und wegziehen!“

Also gut, aber vielleicht zieht er doch weg, und niemand begreift’s, und man schüttelt den Kopf, und sein Firmenschild wird heruntergenommen und die Kinder sehen zu. Am Morgen vermißt ihn der Friseur und am Abend der Ankerwirt und untertags vermißt ihn da einer und dort einer in der Stadt, und seine Nachbarn mögen gar nimmer ans Fenster, weil er doch nimmer vorbeikommt und hereingrüßt und einen kleinen Spaß macht, oder wenn er’s eilig hatte, konnte man ihm nachsehen und sich besinnen, wohin’s ihm denn so eilig pressierte. Und ich würde dann sagen: Ihr Leute, sei’s um eine kleine Weile, so redet kein Mensch mehr vom jüngeren Giebenrath, außer er hätte Schulden. — Ja, da würde man wieder abwinken und lachen und den Kopf schütteln und mich heimschicken!

Und doch ist es mit dem Kömpff um kein Haar anders gewesen. Kaum daß man jetzt seinen Namen noch etwa einmal hört. Nun, ich erzähle, wie es mir damit gegangen ist.

Wie es die jungen Leute im Brauch haben, war ich auf der Wanderschaft, und wohin ich kam, schien mir’s kein schlechtes Leben in der Fremde; ich kam mir extra gescheit vor und wollte gar nicht begreifen, wieso man eigentlich gerade immer in Gerbersau leben müsse. Da war zum Beispiel Cannstatt, ein wohlhabender Ort, und dann Tübingen, auch nicht übel, und dann Basel und Zürich, und wiederum München, alles angenehme Plätze, wo auch Leute wohnen und wo man so gut seine Batzen verdienen und wieder verjucken kann wie irgendwo in der Welt. Also kam mir, aus der Ferne gesehen, die Stadt Gerbersau immer kleiner und unnötiger und sogar ziemlich lächerlich vor, und ich bin länger draußen geblieben, als es der Brauch ist. Zwischenein höre ich, der Kömpff am Marktplatz fange an, sonderbare Geschichten zu machen, das und jenes. Dann hör’ ich, er sei übergeschnappt, und nicht lang darauf von einem andern, er sei vortrefflich bei Verstand und überhaupt viel zu gut und edel für seinen Ort, und er werde auch wahrscheinlich fortgehen. Und so durcheinander, wenig Gutes und viel Böses, bis ich gar nichts mehr glaubte. Ich dachte: wenn ich zufällig einmal wieder besuchsweise heimkomme, will ich den und jenen darum fragen und etwas Sicheres zu erfahren suchen.

Die Zeit verging und ich war nachgerade nimmer ganz jung. Daheim dachten sie kaum mehr daran, daß ich am Ende auch wieder einmal heimkommen könnte, und ich selber dachte es am wenigsten.

Wie es gegangen ist, daß ich jetzt doch wieder in Gerbersau sitze, anfangs nicht ohne Unbehagen und Beschämung, und daß ich jetzt wieder hier so zu Hause bin wie nur je in den Bubenzeiten, das wäre eine lange Geschichte. Aber davon ist diesmal nicht die Rede. — Also ich komme wieder heim, lasse mich begrüßen und begutachten, anschielen und auslachen, finde die alten Gassen und Winkel und einige neue dazu, und kaum habe ich nach ein paar Tagen mir die alte Mundart wieder recht angewöhnt, so frage ich rechts und links nach dem Herrn Walter Kömpff. Ich meine, jeder müsse gleich vor lauter Geschichten und Erklärungen überlaufen und herzensfroh sein, daß er einen Neuen findet, der’s ihm abhört.

Aber wie ich den ersten frage: „Du, wie war’s denn eigentlich damit?“, da besinnt er sich ein bißchen, klopft die Zigarre ab, zieht, bläst eine Verlegenheitswolke hinaus, und schließlich meint er: „Ja, das sind Sachen, da schwätzt jetzt kein Mensch mehr davon. Frag einmal den Köberle.“ Also abends, wie ich ihn bei der Metzelsuppe im Rößle treffe, frage ich den Köberle. Er behält den Wein ein Weilchen im Mund, macht Telleraugen, schluckt dann und runzelt, so gut er kann, die glatte Stirn und sagt: „Ja, weißt du, das ist eigentlich schon recht lang her. Liebe Zeit, der Kömpff! Ja ja, ich kann mir’s noch gut denken. Na, wir sehen uns ja bald einmal wieder, da reden wir dann. Am Donnerstag schenkt der Kronenwirt den ersten Neuen aus, du kommst doch auch?“

So allmählich ist das Nötigste ja auch zusammengetröpfelt. Ich wollte nun einmal alles wissen, da redete und fragte und horchte ich’s so zusammen, das eine bei einem Voressen im Waldhorn, das andere bei einer Kindsleiche unterwegs zum Kirchhof, da etwas in einer Schusterwerkstatt und dort etwas im Kaufladen. Was eigentlich damals Merkwürdiges passiert sei, bekam ich denn auch allmählich heraus, aber keinerlei Schlüssel dazu, denn darum hatte sich niemand gekümmert.

Bis mir die Holderlies einfiel. Die war ja in alten Zeiten im Kömpffschen Haus Magd gewesen. Richtig lebte sie auch noch und wohnte droben in der allerobersten Vorstadt, wohin es ein schweißtreibendes Klettern ist und wo trotzdem fast lauter alte, gebrechliche Leute hausen. Wenn ich an meine Bubenzeit dachte, konnte ich mir die Lies wieder vorstellen, die schon damals nimmer auffallend jung war. Ich stieg denn in die Vorstadt hinauf, und so oft ich meinte, jetzt sei es erreicht, ging es noch ein Gäßlein und einen schmalen Gartensteig und eine böse Mauerstiege hinauf, bis ich ganz bei den letzten Häuschen war; da lag die Stadt senkrecht mit ineinander verwirrten Dächern so verschoben und seltsam unter mir, als sei sie betrunken oder ich. Dann ging es noch eine steinerne Gartentreppe, für die ich fast zu breit war, und zwei hölzerne stichdunkle Stiegen hinauf. Und dann klopfte ich und es tat eine Türe sich auf, und ich stand in einem lichten, stillen Altenstübchen und hätte nie geglaubt, daß es in unserm engen Bergtal so viel Luftraum gebe, wie ich hier über die Geranien weg vor den kleinen klaren Fenstern liegen sah.

Die Holderlies kannte mich natürlich nimmer, denn ich war in den zwanzig Jahren groß und breit geworden, und ich kannte auch sie nicht mehr, die unglaublich eingegangen und klein geworden war. Aber es gab sich schon, und wie ich nach dem langen Steigen erst wieder Atem hatte, fingen wir mit dem besten Humor von den alten Zeiten an, die für sie freilich noch lange nicht die wirklich alten waren.