Da fügte es sich, daß die Holderlies nach Gerbersau heimkehrte. Die war längere Jahre auswärts in Diensten gewesen, brachte ein ansehnliches Erspartes mit und war hauptsächlich gekommen, um sich nach einem stattlichen Vorarbeiter aus der Deckenfabrik umzusehen, mit dem sie vorzeiten ein ehrenhaftes Verhältnis gehabt und der seit langem nicht mehr geschrieben hatte. Leider kam sie zu spät und fand den Ungetreuen frisch verheiratet, was ihr so nahe ging, daß sie sogleich wieder abreisen wollte. Da fiel sie durch Zufall der Frau Kömpff in die Hände, ließ sich trösten und zum Dableiben überreden und ist von da an volle dreißig Jahre im Hause geblieben.
Ihr Verhältnis zu Frau Kornelie war etwas Merkwürdiges. Einige Monate war sie als fleißige und stille Magd in Stube und Küche tätig. Ihr Gehorsam ließ nichts zu wünschen übrig, doch scheute sie sich auch gelegentlich nicht, einen Rat unbefolgt zu lassen oder einen erhaltenen Auftrag sanft zu tadeln. Da sie es in verständiger und gebührlicher Weise und immer mit voller Offenheit tat, ließ die Frau sich darauf ein, rechtfertigte sich und ließ sich belehren, und so kam es allmählich, daß unter Wahrung der herrschaftlichen Autorität die Magd zu einer Mitsorgerin und Mitarbeiterin herangedieh. Dabei blieb es jedoch nicht. Sondern eines Abends, nach einer besonders lebhaften und versöhnlich abgeschlossenen Aussprache über Küchenangelegenheiten, kam es wie von selber, daß die Lies ihrer Herrin am Tisch bei der Lampe und feierabendlichen Handarbeit ihre ganze sehr ehrbare, aber nicht sehr fröhliche Vergangenheit erzählte, worauf Frau Kömpff eine solche Achtung und Teilnahme für das ältliche Mädchen faßte, daß sie ihre Offenherzigkeit erwiderte und ihr selber manche von ihren streng behüteten Erinnerungen mitteilte. Und bald war es beiden zur Gewohnheit geworden, miteinander über ihre Gedanken und Ansichten zu reden, und die einsame Frau sprach schließlich mit der Holderlies ohne Scheu sogar über manche Dinge, auf die einst zwischen ihr und ihrem Manne nie die Rede gekommen war.
Dabei geschah es, daß unvermerkt vieles von der Denkart der Frau auf die Magd überging. Namentlich in religiösen Dingen nahm sie viele Ansichten von ihr an, nicht durch Bekehrung, sondern unbewußt, aus Gewohnheit und Freundschaft. Frau Kömpff war zwar eine Pfarrerstochter, aber keine ganz orthodoxe, wenigstens galt ihr die Bibel und ihr angeborenes Gefühl weit mehr als die Norm der Kirche. Sie wäre möglicherweise längst eine eifrige Pietistin geworden, wäre sie nicht so ungesellig und scheu gewesen. Auch waren ihr Bibelauslegung und Gebet kein sehr starkes Bedürfnis. Desto peinlicher achtete sie darauf, ihr tägliches Tun und Leben stets im Einklang mit ihrer Ehrfurcht vor Gott und den ihr gefühlsmäßig innewohnenden Gesetzen zu halten. Dabei sparte sie aber das Grübeln und auch das Reden und entzog sich den natürlichen Ergebnissen und Forderungen des Tages nicht, nur bewahrte sie sich ein stilles Gebiet im Innern, wohin Begebnisse und Worte nicht reichen durften und wo sie in sich selbst ausruhen oder in unsicheren Lagen Festigung und Gleichgewicht suchen konnte.
Es konnte nicht ausbleiben, daß von den beiden Frauen und der Art ihres Zusammenhausens auch der kleine Walter hier und dort beeinflußt wurde. Doch nahm ihn fürs erste die Schule zu sehr in Anspruch, als daß er viel für sonstige Gespräche und Belehrungen übrig gehabt hätte. Auch ließ ihn die Mutter gern in Ruhe, und je sicherer sie seines innersten Wesens war, desto unbefangener und froher beobachtete sie, wie viele Eigenschaften und Eigentümlichkeiten des Vaters nach und nach in dem Kinde zum Vorschein kamen. Namentlich in der äußeren Gestalt wurde er ihm immer ähnlicher.
Aber wenn auch keine Mißstände zutage traten und niemand etwas Besonderes an ihm fand, war der Knabe doch von ungewöhnlicher und vielleicht allzu zwiespältiger Natur. So wenig die braunen Augen in sein Kömpffsches Familiengesicht paßten, so unverschmelzbar schienen in seinem Gemüt väterliches und mütterliches Erbteil nebeneinander zu liegen, so daß es schien, er werde Mühe haben, es zu einem gefestigten eignen Wesen zu bringen.
Einstweilen spürte selbst die Mutter nur selten etwas davon. Doch war Walter nun schon in die späteren Knabenjahre getreten, in welchen allerlei Gärungen und seltsame Rösselsprünge vorkommen und wo die jungen Leute sich beständig zwischen empfindlicher Schamhaftigkeit und derberem Wildtun possierlich hin und wieder bewegen. Da war es immerhin gelegentlich auffallend, wie schnell oft seine Erregungen wechselten und wie leicht seine Gemütsart umschlagen konnte. Ganz wie sein Vater fühlte er nämlich das Bedürfnis, sich dem Durchschnitt und herrschenden Ton anzupassen, war also ein guter Klassenkamerad und Mitschüler, dabei auch von den Lehrern gern gesehen. Herzensfreunde hatte er nicht, stand aber fast mit allen vertraulich. Und doch schienen daneben andre Bedürfnisse in ihm mächtig zu sein. Wenigstens war es manchmal, als besänne er sich auf sich selbst und lege eine Maske ab, wenn er sich von einem tobenden Spiel beiseite schlich und sich entweder einsam in seine Dachbodenkammer setzte oder mit ungewohnter, stummer Zärtlichkeit zur Mutter kam. Gab sie ihm dann gütig nach und erwiderte sein Liebkosen, so war er unknabenhaft gerührt und weinte sogar zuweilen. Auch hatte er einst an einer kleinen Rachehandlung der Klasse gegen den Lehrer teilgenommen und fühlte sich, nachdem er sich zuvor laut des Streiches gerühmt hatte, nachher plötzlich so zerknirscht, daß er aus eignem Antrieb hinging und um Verzeihung bat.
Das alles war erklärlich und sah recht harmlos aus. Es zeigte sich dabei zwar eine gewisse Schwäche, aber auch das gute Herz Walters, und niemand hatte Schaden davon. So verlief die Zeit bis zu seinem fünfzehnten Jahr in Stille und Zufriedenheit für Mutter, Magd und Sohn. Auch Herr Leipolt gab sich um Walter Mühe, suchte wenigstens seine Freundschaft durch öfteres Überreichen von kleinen, für Knaben erfreulichen Ladenartikeln zu erwerben. Dennoch und obwohl Walter die Sachen annahm, liebte er den allzu höflichen Ladenmann gar nicht und wich ihm nach Kräften aus.
Am Ende des letzten Schuljahrs hatte die Mutter eine Unterredung mit dem Söhnlein, wobei sie zu erkunden suchte, ob er auch wirklich entschlossen und ohne Widerstreben damit einverstanden sei, nun Kaufmann zu werden. Sie traute ihm eher Neigung zu weiteren Schul- und Studienjahren zu. Aber der Jüngling hatte gar nichts einzuwenden und nahm es für recht und selbstverständlich hin, daß er jetzt ein Ladenlehrling werde. So sehr sie im Grunde darüber erfreut sein mußte und auch war, kam es ihr doch fast wie eine Art von Enttäuschung vor. Doch überwog das Gefühl der Beruhigung in ihr und sie sah Walters weiterer Zukunft ohne große Sorgen entgegen. Zwar gab es noch einen ganz unerwarteten Widerstand und ziemlich herben Streit, indem der Junge sich hartnäckig weigerte, seine Lehrzeit im eignen Hause unter Herrn Leipolt abzudienen, was das einfachste und für ihn auch weitaus das leichteste gewesen wäre und bei Mutter und Vormund längst für selbstverständlich gegolten hatte. Doch war das nur eine leichte Trübung. Die Mutter fühlte nicht ungern in diesem festen Widerstand etwas von ihrer eignen Art, sie gab am Ende nach und es wurde in einem andern Kaufhaus eine Lehrstelle für den Knaben gefunden.
Walter begann seine neue Tätigkeit mit dem üblichen Stolz und Eifer, wußte täglich viel davon zu erzählen und gewöhnte sich schon in der ersten Zeit einige bei den Gerbersauer Geschäftsleuten übliche Redensarten und Gesten an, die ihm vom Vater her im Blut lagen und zu denen die Mutter freundlich lächelte. Allein dieser fröhliche Anfang dauerte nicht sehr lange.
Schon nach kurzer Zeit wurde der Lehrling, der anfangs nur geringe Handlangerdienste tun oder zusehen durfte, zum Bedienen und Verkaufen am Ladentisch herangezogen, was ihn zunächst sehr froh und stolz machte, bald aber in einen schweren Konflikt führte. Kaum hatte er nämlich ein paarmal selbständig einige Kunden bedient, so deutete sein Lehrherr ihm an, er möge vorsichtiger mit der Wage umgehen. Walter war sich keines Versäumnisses bewußt und bat um eine genauere Anweisung.