„Ja, weißt du denn das nicht schon von deinem Vater her?“ fragte der Kaufmann.

„Was denn? Nein, ich weiß nichts,“ sagte Walter verwundert.

Nun zeigte ihm der Prinzipal, wie man beim Zuwägen von Salz, Kaffee, Zucker und dergleichen durch ein nachdrückliches letztes Zuschütten die Wage scheinbar zugunsten des Käufers niederdrücken müsse, indessen tatsächlich noch etwas am Gewicht fehle. Das sei schon deshalb notwendig, da man zum Beispiel am Zucker ohnehin fast nichts verdiene. Auch merke es ja niemand.

Walter war ganz bestürzt.

„Aber das ist ja unrecht,“ sagte er schüchtern.

Der Kaufmann belehrte ihn eindringlich, aber er hörte kaum zu, so überwältigend war ihm die Sache gekommen. Und plötzlich fiel ihm die vorige Frage des Prinzipals wieder ein. Mit rotem Kopf unterbrach er zornig dessen Rede und rief: „Und mein Vater hat das nie getan, ganz gewiß nicht.“

Der Herr war unangenehm erstaunt, unterdrückte aber klüglich eine heftige Zurechtweisung und sagte mit Achselzucken: „Das weiß ich besser, du Naseweis. Es gibt keinen vernünftigen Laden, wo man das nicht tut.“

Der Junge war aber schon an der Tür und hörte nicht mehr auf den Mann, der ihn scheltend und drohend zurückrief, sondern ging im hellen Zorn und Schmerz nach Hause, wo er durch sein Erlebnis und seine Klagen die Mutter in nicht geringe Bestürzung und Verlegenheit brachte. Sie wußte, mit welcher gewissenhaften Ehrerbietung er seinen Lehrherrn betrachtet hatte und wie sehr es seiner Art widerstrebte, Auffallendes zu tun und Szenen zu machen. Aber sie verstand Walter diesmal sehr gut und freute sich trotz aller augenblicklichen Sorge, daß sein empfindliches Gewissen stärker als Gewohnheit und Rücksicht gewesen war. Sie suchte nun zunächst selbst den Kaufmann auf und sprach beruhigend mit ihm, obwohl es ihr sauer wurde; dann mußte der Vormund zu Rate gezogen werden, dem nun wieder Walters Auflehnung und Entrüstung unbegreiflich war und der durchaus nicht verstand, daß ihm die Mutter auch noch recht gebe. Auch er ging zum Prinzipal und sprach mit ihm. Dann schlug er der Mutter vor, den Jungen ein paar Tage in Ruhe zu lassen, was auch geschah. Doch war dieser auch nach drei und nach vier und nach acht Tagen nicht zu bewegen, wieder in jenen Laden zu gehen. Und wenn wirklich jeder Kaufmann es nötig habe, zu betrügen, sagte er, so wolle er auch keiner werden.

Nun hatte der Vormund in einem etwas weiter talaufwärts gelegenen Städtchen einen Bekannten, der ein kleines Ladengeschäft betrieb und für einen Frömmler und Stundenbruder galt, als welchen auch er ihn gering geschätzt hatte. Diesem schrieb er in seiner Ratlosigkeit, und der Mann antwortete in Bälde, er halte zwar sonst keinen Lehrling, sei aber bereit, Walter einmal versuchsweise bei sich aufzunehmen. So ungern die Mutter den Jungen jetzt schon von Hause weggab, konnte sie doch nichts Ernstliches einwenden, und so wurde Walter nach Deltingen gebracht und jenem Kaufmann übergeben.

Der hieß Leckle und wurde in der Stadt „der Schlotzer“ geheißen, weil er in nachdenklichen Augenblicken seine Gedanken und Entschlüsse aus dem linken Daumen zu saugen pflegte. Davon abgesehen, war er zwar wirklich sehr fromm und Mitglied einer kleinen Sekte, aber darum kein schlechterer Kaufmann. Er machte sogar in seinem Lädchen vorzügliche Geschäfte und stand trotz seinem stets schäbigen Äußeren im Geruch eines sehr wohlhabenden Mannes. Er nahm Walter ganz zu sich ins Haus, und dieser fuhr dabei nicht übel; denn war der Schlotzer etwas knapp und krittlig, so war Frau Leckle eine sanfte Seele voll unnötigen Mitleids und suchte, soweit es in der Stille geschehen konnte, den Lehrling durch Trostworte und Tätscheln und gute Bissen nach Kräften zu verwöhnen. Vielleicht hätte er das lieber abgewiesen, aber dazu war er zu jung, auch machte ihn in der ersten Zeit das Heimweh schmiegsam und dankbar für ihre Zärtlichkeiten.