Das war merkwürdig schnell über ihn gekommen. Zwar war er schon bald nach seinem Sturze, in den dürftigen Zeiten, da die „Sonne“ ihm vertraut zu werden begann, grau geworden und hatte angefangen, die Beweglichkeit zu verlieren. Aber er hätte sich noch jahrelang herumschlagen und manchen Schoppen trinken und manchesmal das große Wort am Wirtstisch oder auf der Gasse führen können. Es war nur der Spittel, der ihm in die Knie geschlagen hatte. Als er damals froh gewesen war, ins Asyl zu kommen, hatte er nicht bedacht, daß er sich damit selber seinen besten Faden abschneide. Denn ohne Projekte und ohne Aussicht auf allerlei Umtrieb und Spektakel zu leben, dazu hatte er keine Gabe, und daß er damals der Müdigkeit und dem Hunger nachgegeben und sich zur Ruhe gesetzt hatte, das war erst sein eigentlicher Bankrott gewesen. Nun blieb ihm nichts mehr als sein Zeitlein vollends abzuleben.

Es kam dazu, daß Hürlin allzulange eine Wirtshausexistenz geführt hatte. Alte Gewohnheiten, auch wenn sie Laster sind, legt ein Grauhaariger nicht ohne Schaden ab. Die Einsamkeit und die Händel mit Heller halfen mit, ihn vollends still zu machen, und wenn ein alter Blagueur und Schreier einmal still wird, so ist das schon der halbe Weg zum Kirchhof.

Es ist unerquicklich anzusehen, wie ein in Nichtigkeiten, Prahlerei und Selbstsucht alt gewordener Lebenskünstler geringer Art, statt in dem ihm zukommenden Stil etwa bei einer Schlägerei oder bei einem nächtlichen Heimwandel von der Kneipe hinzufallen und zu verschwinden, aufs letzte noch trübsinnig wird und als Pfuscher auf dem ihm zeitlebens fremd gewesenen Gebiet des Sentimentalen endigt. Allein da das tägliche Leben doch unbestreitbar ein gewaltiger Dichter ist und also keine sinnlose Willkür üben kann, bleibt einem nichts übrig als zuzuschauen, sich zu verwundern und sich das beste dabei zu denken. Und schließlich hat das ja auch seine Tragik und Schönheit, wenn solch ein lebenslang verwahrlostes und roh gebliebenes und vergewaltigtes Gemüt ganz am Ende noch rebelliert und sein Recht haben will, mit ungelenken Flügelschlägen taumelt und sich, da ihm nichts anderes bleibt, wenigstens noch an Schwermut und Klage ersättigen will.

Es war vielerlei, was jetzt an dieser rüden und übel erzogenen Seele zu rütteln und zu nagen kam, und es zeigte sich, daß sie ungeachtet ihrer früheren Starrheit und Selbstherrlichkeit recht wenig befestigt war. Der Hausvater war der erste, der seinen Zustand erkannte. Zum Stadtpfarrer, als dieser einmal seinen Besuch machte, sagte er achselzuckend: „Der Hürlin kann einem schier leid tun. Seit er so drunten ist, zwing ich ihn ja zu keiner Arbeit mehr, aber was hilft’s, das sitzt bei ihm anderwärts. Er sinniert und studiert zu viel, und wenn ich diese Sorte nicht kennen täte, würd ich sagen, ’s ist das schlechte Gewissen und geschieht ihm recht. Aber weit gefehlt! Es frißt ihn von innen, das ist’s, und das hält einer in dem Alter nicht lang aus, wir werden’s sehen.“ Auf das hin saß der Stadtpfarrer ein paarmal beim Fabrikanten auf seiner Stube neben dem grünen Spatzenkäfig des Holdria und sprach mit ihm vom Leben und Sterben und versuchte irgend ein Licht in seine Finsternis zu bringen, aber vergebens. Hürlin hörte zu oder hörte nicht zu, nickte oder brummte, sprach aber nichts und wurde immer fahriger und wunderlicher. Von den Witzen des Finkenbein tat ihm zuzeiten einer gut, dann lachte er leis und trocken, schlug auf den Tisch und nickte billigend, um gleich darauf wieder in sich hinein auf die verworrenen Stimmen zu horchen, die ihn beschäftigten und quälten, und die er nicht verstand.

Nach außen zeigte er nur ein stilleres und weinerlich gewordenes Wesen und jedermann ging mit ihm um wie sonst. Nur dem Schwachsinnigen, wenn er eben nicht ohne Verstand gewesen wäre, hätte ein Licht über Hürlins Zustand und Verfall aufgehen können und zugleich ein Grauen. Denn dieser ewig freundliche und friedfertige Holdria war des Fabrikanten Gesellschafter und Freund geworden. Sie hockten zusammen vor dem Holzkäfig, streckten dem fetten Spatzen die Finger hinein und ließen sich picken, lehnten morgens bei dem jetzt langsam herankommenden Winterwetter am leicht geheizten Ofen und sahen einander so verständnisvoll in die Augen, als wären sie zwei Weise und nicht zwei arme hoffnungslose Narren gewesen. Man sieht manchmal, daß zwei gemeinsam eingesperrte Waldestiere einander so anblicken — je nachdem man will und gestimmt ist, kann man ihren Blick stumpfsinnig, drollig oder erschreckend seelenvoll finden.

Was am heftigsten an Hürlin zehrte, das war die auf Hellers Anstiften im Sternen erfahrene Demütigung und Schande. An dem Wirtstisch, wo er lange Zeiten fast täglich gesessen war, wo er seine letzten Heller hatte liegen lassen, wo er ein guter Gast, Hausfreund und Wortführer gewesen war, da hatten Wirt und Gäste ruhig und mit Gelächter zugesehen, wie er hinausgeworfen wurde. Er hatte es an den eigenen Knochen erfahren und spüren müssen, daß er nimmer dorthin gehöre, nimmer mitzähle, daß er vergessen und ausgestrichen war und keinen Schatten von Recht mehr besaß.

Für jeden anderen bösen Streich hätte er gewiß an Heller bei der ersten Gelegenheit Rache genommen. Aber diesmal brachte er nicht einmal die gewohnten Schimpfworte, die ihm so locker in der Gurgel saßen, heraus. Was sollte er ihm sagen? Der Seiler war ja ganz im Recht. Wenn er noch der alte Kerl und noch irgend etwas wert wäre, hätte man nicht gewagt ihn im Sternen an die Luft zu setzen. Er war fertig und konnte einpacken.

Und nun schaute er vorwärts, die ihm bestimmte schmale und gerade Straße, an ungezählten Reihen von leeren, dunklen, toten Tagen vorbei dem Sterben entgegen, an das er bald fast mit Sehnsucht, bald mit zornigem Grausen dachte. Da war alles festgesetzt, angenagelt und vorgeschrieben, selbstverständlich und unerbittlich. Da war nicht die Möglichkeit, eine Bilanz und ein Papierchen zu fälschen, sich in eine Aktiengesellschaft zu verwandeln oder in Gottes Namen sich durch Bankrott und Zuchthaus auf Umwegen wieder ins Leben hineinzuschleichen. Denn er war jetzt keine Firma und kein Name mehr, sondern lediglich ein mürber alter Mensch, vor dem der Abgrund des Unendlichen sich grauenhaft geöffnet hatte und dem der dürre Rippenmann still und grinsend den Rückzug versperrte. Und wenn der Fabrikant auf vielerlei Umstände und Lebenslagen eingerichtet war und sich in sie zu finden wußte, so war er doch auf diese nicht eingerichtet und wußte sich nicht in sie zu finden, sondern bald schlug er ungebärdig abwehrend mit schwachen Greisenarmen um sich, bald steckte er den Kopf in die Hände, machte die Augen zu und zitterte in Angst vor der unentrinnbaren Faust, die er beständig seinem Nacken nahe fühlte.

Der gute Finkenbein, da er allmählich ahnte, daß es bei dem Fabrikanten erheblich spuke, gab ihm nicht selten ein ermunterndes Wort oder klopfte ihm mit gutmütig tröstendem Lachen auf die Schulter.

„Du, Oberkommerzienrat, studier nicht so viel, du bist allweg gescheit genug, hast so viel reiche und gescheite Leut seinerzeit eingeseift, oder nicht? — Nicht brummen, Herr Millionär, ’s ist nicht bös gemeint. Ist das ein Spritzigtun — Mann Gottes, denk’ doch an den heiligen Vers über deiner Bettlade.“