Und er breitete mit pastoraler Würde die Arme aus wie zum Segnen und sprach mit Salbung: „Kindlein, liebet euch untereinander!“

„Oder paß auf, wir fangen jetzt eine Sparkasse an und wenn sie voll ist, kaufen wir der Stadt ihren schäbigen Spittel ab und tun das Schild raus und machen die alte Sonne wieder auf, daß Öl in die kranke Maschine kommt. Was meinst?“

„Fünftausend Mark wenn wir hätten —“ fing Hürlin zu rechnen an, aber da lachten die anderen; er brach ab, seufzte und fiel in sein Brüten und Stieren zurück.

Während es vollends Winter wurde, sah man ihn stiller und ruheloser werden. Er hatte die Gewohnheit angenommen, tagaus tagein in der Stube hin und wieder zu traben, einmal grimmig, einmal angstvoll, ein andermal lauernd und tückisch. Sonst aber störte er niemand. Der Holdria leistete ihm häufig Gesellschaft, schloß sich in gleichem Tritt seinen Dauerläufen durchs Zimmer an und beantwortete nach Kräften die Blicke, Gestikulationen und Seufzer des unruhigen Wanderers, der beständig vor dem bösen Geiste auf der Flucht war, den er doch in sich trug. Wenn er sein Leben lang schwindelhafte Rollen geliebt und mit wechselndem Glücke gespielt hatte, so war er nun dazu verurteilt, ein verzweifelt trauriges Ende mit seinen hanswurstmäßigen Manieren durchspielen zu müssen. Er spielte denn auch miserabel und lächerlich genug, aber wenigstens war die Rolle echt und der frühere Poseur trat nun zum ersten Mal und nicht zu seinem Vorteil ohne Maske auf. Die Ahnung des Ewigen und der Durst nach dem Unaussprechlichen, der auch dieser Seele eingeboren und ein ganzes Leben lang vergessen und vernachlässigt worden war, fand nun, da er überquoll, nach keiner Seite hin seinen Ausdruck und gebärdete sich in Grimassen, Bewegungen und Tönen seltsamster Art absurd und lächerlich genug. Aber er war doch eine echte Kraft, und dieses sich selber nicht verstehende Sterbenwollen war gewiß seit Jahrzehnten die erste großartige und im höheren Sinn vernünftige Regung dieser geringen Seele.

Zu den Sprüngen und Kapriolen des aus dem Geleise Gekommenen gehörte es, daß er neuerdings mehrmals am Tage unter seine Bettstatt kroch, das alte Sonnenschild hervorholte und einen sehnsüchtig närrischen Kultus damit trieb, indem er es bald feierlich vor sich hertrug wie ein heiliges Schaustück, bald vor sich aufpflanzte und mit verzückten Augen betrachtete, bald wütend mit Fäusten schlug, um es dann sogleich wieder sorglich zu wiegen, zu liebkosen und endlich an seinen verborgenen Ort zurück zu bringen. Als er diese symbolischen Possen anfing, verlor er seinen Rest von Kredit bei den Sonnenbrüdern und wurde gleich seinem Freunde Holdria als völliger Narr behandelt und besprochen. Namentlich der Seiler sah ihn mit unverhohlener Verachtung an, hänselte und demütigte ihn wo er konnte und ärgerte sich, daß Hürlin das kaum zu merken schien.

Einmal nahm er ihm sein Sonnenschild und versteckte es in einer anderen Stube. Als Hürlin es holen wollte und nicht fand, irrte er eine Zeit im Haus umher, dann suchte er wiederholt am alten Orte danach, dann bedrohte er der Reihe nach alle Hausgenossen, den Stricker nicht ausgenommen, mit machtlos wütenden Reden und Lufthieben, und als alles das nichts half, setzte er sich an den Tisch, legte den Kopf in die Hände und brach in ein jammervolles Heulen aus, das eine halbe Stunde dauerte. Das war dem mitleidigen Finkenbein zu viel. Er gab dem zu Tod erschreckenden Seiler einen mächtigen Fausthieb und zwang ihn, das versteckte Kleinod sogleich herbeizubringen.

Der zähe Fabrikant hätte trotz seiner fast weiß gewordenen Haare noch manche Jahre leben können. Aber der Wille zum Sterben, der wenn auch unverstanden in ihm arbeitete, fand bald einen Ausweg und machte der unschönen tragischen Komödie ein erwünschtes Ende. In einer Dezembernacht konnte der alte Mann zufällig nicht schlafen. Im Bett aufsitzend gab er sich seinen öden Gedanken hin, stierte über die dunklen Wände hin und kam sich verlassener vor als je. In Langeweile, Angst und Trostlosigkeit stand er schließlich auf, ohne recht zu wissen was er tue, nestelte seinen hanfenen Hosenträger los und hängte sich damit geräuschlos an der Türangel auf. So fand ihn am Morgen der Holdria und der auf des Narren ängstliches Geschrei herübergekommene Hausvater. Das Gesicht war ein wenig bläulicher geworden, sonst war wenig daran zu entstellen gewesen.

Schrecken und Überraschung waren nicht klein, aber von sehr kurzer Dauer. Nur der Schwachsinnige flennte leise in seinen Kaffeetopf hinein, alle anderen wußten oder fühlten, daß dieses Ende des Fabrikanten nicht zur unrechten Zeit gekommen war, und daß es weder zur Klage noch zur Entrüstung hinreichende Veranlassung biete. Auch hatte ihn ja niemand lieb gehabt.

Natürlich stürzten sich auch ein paar Winkelredakteure auf den interessanten Fall und teilten in ihren Schundblättlein den Lesern nebst den nötigen moralischen Posthaltern die Tatsache mit, daß der einst nicht unbekannte Bankrotteur Karl Hürlin nunmehr verdientermaßen im Armenhaus als Selbstmörder geendet habe.

Wie seinerzeit der Finkenbein als vierter Gast in den Spittel gekommen war, hatte man in der Stadt einige Klagen darüber vernommen, daß das kaum gegründete Asyl sich so ungehörig rasch bevölkere. Nun war schon einer von den Überzähligen verschwunden. Und wenn es wahr ist, daß die Armenhäusler meistens merkwürdig gedeihen und zu hohen Jahren kommen, so ist es doch ebenso wahr, daß selten ein Loch bleibt wie es ist, sondern um sich fressen muß. So ging es auch hier; in der kaum erblühten Lumpenkolonie war nun einmal der Schwund ausgebrochen und wirkte weiter.