Aber da sah ich plötzlich in scharfer Erinnerung einen längst vergangenen und vergessenen Tag — einen frühen Sommermorgen, daheim in den Bergen, und sah mich an einem Bette knieen und darauf lag meine Mutter und litt den Tod.
Ich erschrak und schämte mich, daß ich so lange jenes Morgens nicht mehr hatte denken können. Die dummen Mordgedanken waren vorbei. Denn ich glaube, daß kein ernster und nicht völlig entgleister Mensch fähig ist, sich das Leben zu nehmen, wenn er je einmal das Erlöschen eines gesunden und guten Lebens angesehen hat. Ich sah meine Mutter wieder sterben. Ich sah wieder auf ihrem Gesicht die stille, ernste Arbeit des Todes, der es adelte. Er sah herb aus, der Tod, aber so mächtig und auch gütig wie ein behutsamer Vater, der ein irregegangenes Kind heimholt.
Ich wußte plötzlich wieder, daß der Tod unser kluger und guter Bruder ist, der die rechte Stunde weiß und dessen wir mit Zuversicht gewärtig sein dürfen. Und ich begann auch zu verstehen, daß das Leid und die Enttäuschungen und die Schwermut nicht da sind, um uns verdrossen und wertlos und würdelos zu machen, sondern um uns zu reifen und zu verklären.
Acht Tage später waren meine Kisten nach Basel abgeschickt und ich wanderte zu Fuß durch ein schönes Stück Südfrankreich und fühlte von Tag zu Tag die unseligen Pariser Zeiten, deren Erinnerung mich wie ein Gestank verfolgte, verblassen und zu Nebel werden. Ich wohnte einer cour d’amour bei. Ich übernachtete in Schlössern, in Mühlen, in Scheunen, und trank mit den dunkeln, gesprächigen Burschen ihren warmen, sonnigen Wein.
Abgerissen, mager, braungebrannt und im Innern verändert kam ich nach zwei Monaten in Basel an. Es war meine erste so große Wanderung, die erste von vielen. Zwischen Locarno und Verona, zwischen Basel und Brieg, zwischen Florenz und Perugia sind wenig Orte, durch die ich nicht zwei und dreimal mit staubigen Stiefeln gepilgert bin — hinter Träumen her, von denen noch keiner sich erfüllt hat.
In Basel mietete ich eine Vorstadtbude, packte meine Habe aus und begann zu arbeiten; es freute mich in einer stillen Stadt zu leben, wo kein Mensch mich kannte. Die Beziehungen zu einigen Zeitungen und Revuen waren noch im Gang und ich hatte zu arbeiten und zu leben. Die ersten Wochen waren gut und ruhig, dann kam allmählich die alte Traurigkeit wieder, blieb tagelang, wochenlang, und verging auch bei der Arbeit nicht. Wer nicht an sich selber gespürt hat, was Schwermut ist, versteht das nicht. Wie soll ich es beschreiben? Ich hatte das Gefühl einer schauerlichen Einsamkeit. Zwischen mir und den Menschen und dem Leben der Stadt, der Plätze, Häuser und Straßen war fortwährend eine breite Kluft. Es geschah ein großes Unglück, es standen wichtige Dinge in den Zeitungen — mich ging es nichts an. Es wurden Feste gefeiert, Tote begraben, Märkte abgehalten, Konzerte gegeben — wozu? wofür? Ich lief hinaus, ich trieb mich in Wäldern, auf Hügeln und Landstraßen herum, und um mich her schwiegen Wiesen, Bäume, Äcker in klagloser Trauer, sahen mich stumm und flehentlich an und hatten das Verlangen mir etwas zu sagen, mir entgegen zu kommen, mich zu begrüßen. Aber sie lagen da und konnten nichts sagen, und ich begriff ihr Leiden und litt es mit, denn ich konnte sie nicht erlösen.
Ich ging zu einem Arzt, brachte ihm ausführliche Aufzeichnungen, versuchte ihm mein Leiden zu beschreiben. Er las, fragte, untersuchte mich.
„Sie sind beneidenswert gesund,“ lobte er dann, „körperlich fehlt Ihnen nichts. Suchen Sie sich durch Lektüre oder Musik zu erheitern.“
„Ich lese von Berufs wegen tagtäglich eine Menge neue Sachen.“
„Jedenfalls sollten Sie sich auch einige Bewegung im Freien gönnen.“