„Ich laufe täglich drei bis vier Stunden, in Ferienzeiten mindestens das doppelte.“

„Dann müssen Sie sich zwingen, unter Menschen zu gehen. Sie sind ja in Gefahr ernstlich menschenscheu zu werden.“

„Was liegt daran?“

„Es liegt viel daran. Je größer zur Zeit Ihre Unlust am Umgang ist, desto mehr müssen Sie sich zwingen Menschen zu sehen. Ihr Zustand ist noch kein Kranksein und scheint mir nicht bedenklich; wenn Sie aber nicht aufhören so passiv zu bummeln, könnten Sie schließlich doch einmal die Balance verlieren.“

Der Arzt war ein verständiger und wohlwollender Mann. Ich tat ihm leid. Er empfahl mich einem Gelehrten, in dessen Hause viel Verkehr und ein gewisses geistiges und literarisches Leben war. Ich ging hin. Man kannte meinen Namen, war liebenswürdig, fast herzlich, und ich kam öfters wieder.

Einmal kam ich an einem kalten Spätherbstabend hin. Ich fand einen jungen Historiker und ein sehr schlankes, dunkles Mädchen; sonst keine Gäste. Das Mädchen besorgte die Teemaschine, sprach viel und war spitzig gegen den Historiker. Nachher spielte sie ein wenig Klavier. Dann sagte sie mir, sie habe meine Satiren gelesen, aber gar nicht goutiert. Sie kam mir gescheit, aber ein wenig allzu gescheit vor, und ich ging bald nach Hause.

Inzwischen hatte man allmählich herausgebracht, ich säße viel in Kneipen herum und sei eigentlich ein heimlicher Säufer. Es wunderte mich kaum, denn der Klatsch blühte gerade in der akademischen Gesellschaft unter Männern und Frauen aufs üppigste. Meinem Verkehr schadete die beschämende Entdeckung gar nicht, machte mich vielmehr begehrt, denn man war gerade für die Temperenz begeistert, Herren und Damen gehörten den Komitees der Mäßigkeitsvereine an und freuten sich jedes Sünders, der ihnen in die Hände fiel. Eines Tages erfolgte der erste höfliche Angriff. Es ward mir die Schmach des Wirtshauslebens, der Fluch des Alkoholismus und all das vom sanitären, ethischen und sozialen Standpunkt zu betrachten nahe gelegt und ich wurde eingeladen einer Vereinsfeierlichkeit beizuwohnen. Ich war maßlos erstaunt, denn von allen solchen Vereinen und Bestrebungen hatte ich bisher kaum eine Ahnung gehabt. Die Vereinssitzung, mit Musik und religiösem Anstrich, war peinlich komisch und ich verhehlte diesen Eindruck nicht. Wochenlang wurde mir mit aufdringlicher Liebenswürdigkeit zugesetzt, die Sache wurde mir äußerst langweilig und eines Abends, da man mir wieder dasselbe Lied vorsang und sehnlich auf meine Bekehrung hoffte, ward ich desperat und bat mir energisch aus, man möge mich nun mit dem Geplärre verschonen. Das junge Mädchen war wieder da. Sie hörte mir aufmerksam zu und sagte dann ganz herzlich: „Bravo!“ Ich war aber zu verstimmt, um darauf zu achten.

Mit desto größerem Vergnügen sah ich ein kleines drolliges Mißgeschick mit an, das bei einer gewaltigen Abstinentenfestlichkeit passierte. Der große Verein samt zahllosen Gästen tafelte und tagte in seinem Hause, Reden wurden gehalten, Freundschaften geschlossen und Chöre gesungen und der Fortschritt der guten Sache mit großem Hosianna gefeiert. Einem als Fahnenträger angestellten Dienstmann dauerten die alkoholfreien Reden zu lange, er drückte sich in eine nahe Schenke, und als der feierliche Fest- und Demonstrationszug durch die Straßen seinen Anfang nahm, genossen schadenfrohe Sünder das ergötzliche Schauspiel, an der Spitze der begeisterten Scharen einen fröhlich betrunkenen Anführer und in seinen Armen die Fahne des blauen Kreuzes gleich einem schiffbrüchigen Mastbaum schwanken zu sehen.

Der besoffene Dienstmann wurde entfernt; nicht entfernt aber wurde das Gewimmel menschlichster Eitelkeiten, Eifersüchteleien und Intriguen, das sich innerhalb der einzelnen Konkurrenzvereine und Komissionen erhoben hatte und zu immer freudigerer Blüte gedieh. Die Bewegung spaltete sich, ein paar Ehrgeizige wollten allen Ruhm für sich haben und schimpften über jeden nicht in ihrem Namen bekehrten Säufer; edle und selbstlose Mitarbeiter, an denen es nicht fehlte, wurden schnöde mißbraucht und in Bälde hatten Näherstehende Gelegenheit zu sehen, wie auch hier unter idealer Etikette allerlei unsaubere Menschlichkeiten zum Himmel stanken. Alle diese Komödien erfuhr ich so nebenher durch dritte Leute, hatte mein stilles Wohlgefallen daran und dachte mir auf mancher nächtlichen Heimkehr von Trinkereien: Seht, wir Wilde sind doch bessere Menschen.

In meiner kleinen, hoch und frei gelegenen Stube über dem Rhein studierte und grübelte ich viel. Ich war trostlos, daß das Leben so an mir ablief, daß kein starker Strom mich mitriß, keine heftige Leidenschaft oder Teilnahme mich erhitzte und dem dumpfen Traum entzog. Zwar arbeitete ich, neben dem täglich Notwendigen, an den Vorbereitungen zu einem Werk, welches das Leben der ersten Minoriten darstellen sollte; doch war dies kein Schaffen, nur ein stetes bescheidenes Sammeln und genügte dem Trieb meiner Sehnsucht nicht. Ich begann, indem ich mich an Zürich, Berlin und Paris erinnerte, mir die wesentlichen Wünsche, Leidenschaften und Ideale der Zeitgenossen klar zu machen. Einer arbeitete daran, die bisherigen Möbel, Tapeten und Kostüme abzuschaffen und die Menschen an freiere, schönere Umgebungen zu gewöhnen. Ein anderer war bemüht, den Häckelschen Monismus in populären Schriften und Vorträgen zu verbreiten. Andere hielten es für erstrebenswert, den ewigen Weltfrieden herbeizuführen. Und wieder einer kämpfte für die darbenden unteren Stände, oder sammelte und redete dafür, daß Theater und Museen für’s Volk gebaut und geöffnet würden. Und hier in Basel wurde der Alkohol bekämpft.