Frau Nardini aber fuhr mir mit ihrer weichen, runden Hand vorsichtig übers Haar und sagte: „Poverino!“
Ein anderes Mädchen schenkte mir eine große Birne und da ich sie bat, den ersten Biß darein zu tun, tat sie es und sah mich dabei ernsthaft an. Als ich aber auch die anderen beißen lassen wollte, litt sie es nicht. „Nein, essen Sie selbst! Ich habe sie Ihnen geschenkt, weil Sie uns Ihr Unglück erzählt haben.“
„Aber Sie werden nun gewiß eine andere lieben,“ sagte ein brauner Weinbauer.
„O, Sie lieben immer noch diese böse Erminia?“
„Ich liebe jetzt den heiligen Franz und er hat mich gelehrt, alle Menschen liebzuhaben, euch und die Leute von Perugia und auch alle diese Kinder hier, und sogar den Geliebten der Erminia.“
Eine gewisse Verwicklung und Gefahr kam in dies idyllische Dasein, als ich entdeckte, daß die gute Signora Nardini von dem sehnlichen Wunsch beseelt war, ich möchte endgültig dableiben und sie heiraten. Die kleine Affäre bildete mich zum listigen Diplomaten aus, denn es war keineswegs leicht, diese Träume zu zerstören, ohne die Harmonie zu verderben und die behagliche Freundschaft zu verscherzen. Auch mußte ich an die Rückreise denken. Wäre nicht der Traum meiner zukünftigen Dichtung und die drohende Ebbe meiner Kasse gewesen, so wäre ich dortgeblieben. Ich hätte vielleicht auch, gerade der Ebbe wegen, die Nardini geheiratet. Doch nein, was mich abhielt, war mein noch nicht vernarbter Schmerz um Elisabeth und das Verlangen sie wiederzusehen.
Die runde Witwe fügte sich wider Erwarten leidlich ins Unabänderliche und ließ mich ihre Enttäuschung nicht entgelten. Als ich abreiste, fiel mir vielleicht der Abschied viel schwerer als ihr. Ich verließ viel mehr als ich je in der Heimat verlassen hatte, und nie war mir bei einer Abreise die Hand so herzlich und von so vielen lieben Menschen gedrückt worden. Die Leute gaben mir Früchte, Wein, süßen Schnaps, Brot und eine Wurst mit in den Wagen und ich hatte das ungewohnte Gefühl von Freunden zu scheiden, denen es nicht einerlei war, ob ich ging oder blieb. Frau Annunziata Nardini aber gab mir beim Scheiden einen Kuß auf beide Wangen und hatte Tränen in den Augen.
Früher hatte ich geglaubt, es müsse ein besonderer Genuß sein geliebt zu werden, ohne selbst zu lieben. Ich hatte jetzt erfahren, wie peinlich eine solche sich darbietende Liebe ist, die man nicht erwidern kann. Und doch war ich ein wenig stolz darauf, daß eine fremde Frau mich liebte und zum Manne wünschte.
Schon diese kleine Eitelkeit bedeutete ein Stück Genesung für mich. Frau Nardini tat mir leid und doch wünschte ich die Sache nicht ungeschehen. Auch sah ich allmählich immer mehr ein, daß das Glück mit der Erfüllung äußerer Wünsche wenig zu tun habe und daß die Leiden verliebter Jünglinge, so peinlich sie seien, aller Tragik entbehren. Es tat ja weh, daß ich Elisabeth nicht haben konnte. Aber mein Leben, meine Freiheit, Arbeit und Denkweise blieb mir unverkürzt, und aus der Ferne liebhaben konnte ich sie ja nach wie vor, so viel ich wollte. Diese Gedankengänge und noch mehr die naive Heiterkeit meines Daseins in den umbrischen Monaten waren mir überaus heilsam gewesen. Von jeher hatte ich ein Auge für alles Lächerliche und Schnurrige gehabt und mir nur die Freude daran selber durch Ironie verdorben. Nun ging mir allmählich der Blick für den Humor des Lebens auf und es schien mir immer möglicher und leichter, mich mit meinen Sternen zu versöhnen und mir von der Tafel des Lebens noch den einen oder anderen schönen Bissen zu gönnen.