Freilich, wenn man von Italien heimreist, ist es immer so. Man pfeift auf Prinzipien und Vorurteile, lächelt nachsichtig, trägt die Hände in den Hosentaschen und kommt sich als durchtriebener Lebenskünstler vor. Man ist eine Weile im wohlig warmen Volksleben des Südens mitgeschwommen und denkt nun, das müsse zu Hause so weitergehen. Auch mir war es bei jeder Rückkehr aus Italien so gegangen und damals am meisten. Als ich nach Basel kam und dort das alte steife Leben unverjüngt und unveränderlich antraf, stieg ich von der Höhe meiner Heiterkeit eine Stufe um die andere kleinlaut und ärgerlich herab. Aber etwas von dem Erworbenen keimte doch weiter und seither trieb mein Schifflein durch klare und trübe Wasser nie mehr ohne wenigstens einen kleinen farbigen Wimpel frech und zutraulich flattern zu lassen.
Auch sonst hatten sich meine Anschauungen langsam verändert. Ich fühlte mich ohne großes Bedauern den Jugendjahren entwachsen und den Zeiten entgegenreifen, da man das eigene Leben als eine kurze Wegstrecke betrachten lernt und sich selbst als Wanderer, dessen Gänge und schließliches Verschwinden die Welt nicht groß erregen und beschäftigen. Man behält ein Lebensziel, einen Lieblingstraum im Auge, aber man kommt sich nimmer unentbehrlich vor und gönnt sich unterwegs des öfteren Muße, um ohne Gewissensbisse eine Tagesstrecke zu versäumen, sich ins Gras zu legen, einen Vers zu pfeifen und der lieben Gegenwart ohne Hintergedanken froh zu werden. Bisher war ich, ohne daß ich jemals zu Zarathustra gebetet hatte, doch eigentlich ein Herrenmensch gewesen und hatte es weder an Selbstverehrung noch an der Mißachtung geringerer Leute fehlen lassen. Nun sah ich allmählich immer besser, daß es keine festen Grenzen gibt und daß im Kreise der Kleinen, Bedrückten und Armen das Dasein nicht nur ebenso mannigfalt, sondern zumeist auch wärmer, wahrhaftiger und vorbildlicher ist als das der Begünstigten und Glänzenden.
Übrigens kam ich gerade rechtzeitig nach Basel zurück, um an der ersten Abendgesellschaft im Hause der inzwischen verheirateten Elisabeth teilzunehmen. Ich war vergnügt, noch frisch und braun von der Reise, und brachte eine Menge lustiger kleiner Erinnerungen mit. Die schöne Frau beliebte mich durch eine feine Vertraulichkeit auszuzeichnen und ich freute mich den ganzen Abend meines Glückes, das mir seinerzeit die Blamage einer verspäteten Werbung erspart hatte. Denn trotz meiner italienischen Erfahrung hatte ich immer noch ein leises Mißtrauen gegen die Frauen, als müßten sie an den hoffnungslosen Qualen der in sie verliebten Männer ihre grausame Freude haben. Zur lebhaftesten Veranschaulichung eines solchen entehrenden und peinlichen Zustandes diente mir eine kleine Erzählung aus dem Kinderschulleben, die ich einst aus dem Mund eines fünfjährigen Knaben vernommen hatte. In der Kinderschule, die er besuchte, herrschte folgender merkwürdige und symbolische Brauch. Hatte ein Knabe sich einer allzu starken Unart schuldig gemacht und es sollten ihm dafür die Höslein gespannt werden, so wurden sechs kleine Mädchen beordert, den Widerstrebenden in der zu jener Züchtigung erforderlichen peinlichen Lage auf der Bank festzuhalten. Da dies Festhaltendürfen als Hochgenuß und große Ehre galt, wurden nur jeweils die sechs artigsten Mädchen, die zeitweiligen Tugendausbünde, der grausamen Wonne teilhaftig. Die spaßige Kindergeschichte gab mir zu denken und hat sich sogar ein paar mal in meine Träume geschlichen, so daß ich wenigstens aus Traumerfahrung weiß, wie elend einem in solcher Lage ums Herz ist.
VII.
Vor meiner Schriftstellerei hatte ich nach wie vor selber keinen Respekt. Ich konnte von meiner Arbeit leben, kleine Ersparnisse zurücklegen und gelegentlich auch meinem Vater etwas Geld senden. Er trug es freudig ins Wirtshaus, sang dort mein Lob in allen Tonarten und dachte sogar daran, mir einen Gegendienst zu leisten. Ich hatte ihm nämlich einmal gesagt, daß ich mein Brot zumeist durch Zeitungsartikel verdiene. Er hielt mich für einen Redakteur oder Berichterstatter wie die ländlichen Bezirksblätter sie haben, und nun diktierte er dreimal väterliche Briefe an mich, in welchen er mir Ereignisse mitteilte, die ihm wichtig schienen und von denen er glaubte, sie würden mir Stoff geben und Geld einbringen. Einmal war es ein Scheunenbrand, dann der Absturz zweier Bergtouristen und das dritte mal das Ergebnis einer Schulzenwahl. Diese Mitteilungen waren schon in einen grotesk tönenden Zeitungsstil gebracht und machten mir wirkliche Freude, denn es waren doch Zeichen einer freundlichen Verbindung zwischen ihm und mir und seit Jahren die ersten Briefe, die ich aus der Heimat erhielt. Sie erquickten mich auch als ungewollte Verhöhnung meiner Schreiberei; denn ich besprach Monat für Monat manches Buch, dessen Erscheinen hinter jenen ländlichen Ereignissen an Wichtigkeit und Folgen weit zurückstand.
Es erschienen damals gerade zwei Bücher von Verfassern, die ich als extravagante lyrische Jünglinge seinerzeit in Zürich gekannt hatte. Der eine lebte nun in Berlin und wußte viel Schmutziges aus Cafés und Bordellen der Großstadt zu schildern. Der zweite hatte sich in der Umgebung von München eine luxuriöse Einsiedelei erbaut und taumelte zwischen neurasthenischen Selbstbetrachtungen und spiritistischen Anregungen verächtlich und hoffnungslos hin und her. Ich mußte die Bücher besprechen und machte mich natürlich über beide harmlos lustig. Vom Neurastheniker kam nur ein verachtungsvoller Brief in wahrhaft fürstlichem Stil. Der Berliner aber machte in einer Zeitschrift Skandal, fand sich in seinem ernsten Wollen verkannt, stützte sich auf Zola und machte aus meiner verständnislosen Kritik nicht nur mir, sondern dem eingebildeten und prosaischen Geist der Schweizer überhaupt einen Vorwurf. Der Mann hatte damals in Zürich vielleicht die einzige einigermaßen gesunde und würdige Zeit seines Literatenlebens gehabt.
Nun war ich nie ein sonderlicher Patriot gewesen, aber das war mir doch etwas zu stark berlinert, und ich erwiderte dem Unzufriedenen mit einer langen Epistel, in der ich mit meiner Geringschätzung der aufgeblasenen Großstadtmoderne nicht gerade hinterm Berge hielt.
Diese Zänkerei tat mir wohl und nötigte mich, wieder einmal über meine Auffassung des modernen Kulturlebens nachzudenken. Die Arbeit war mühsam und langwierig und förderte wenig erquickliche Resultate zu Tag. Mein Büchlein verliert nichts, wenn ich darüber schweige.
Zugleich aber zwangen mich diese Betrachtungen, über mich selbst und mein lang geplantes Lebenswerk eindringlicher nachzudenken.
Ich hatte, wie man weiß, den Wunsch, in einer größeren Dichtung den heutigen Menschen das großzügige, stumme Leben der Natur nahe zu bringen und lieb zu machen. Ich wollte sie lehren, auf den Herzschlag der Erde zu hören, am Leben des Ganzen teilzunehmen und im Drang ihrer kleinen Geschicke nicht zu vergessen, daß wir nicht Götter und von uns selbst geschaffen, sondern Kinder und Teile der Erde und des kosmischen Ganzen sind. Ich wollte daran erinnern, daß gleich den Liedern der Dichter und gleich den Träumen unsrer Nächte auch Ströme, Meere, ziehende Wolken und Stürme Symbole und Träger der Sehnsucht sind, welche zwischen Himmel und Erde ihre Flügel ausspannt und deren Ziel die zweifellose Gewißheit vom Bürgerrecht und von der Unsterblichkeit alles Lebenden ist. Der innerste Kern jedes Wesens ist dieser Rechte sicher, ist Gottes Kind und ruht ohne Angst im Schoß der Ewigkeit. Alles Schlechte, Kranke, Verdorbene aber, das wir in uns tragen, widerspricht und glaubt an den Tod.