In Basel fand ich einen Brief aus Assisi für mich daliegen. Er war von Frau Annunziata Nardini, und voll erfreulicher Nachrichten. Sie hatte nun doch einen zweiten Mann gefunden! Übrigens tue ich besser, ihn unverändert mitzuteilen.

Hochgeehrter und sehr lieber Herr Peter!

Erlauben Sie Ihrer treuen Freundin die Freiheit, Ihnen einen Brief zu schreiben. Es hat Gott gefallen mir ein großes Glück zu bescheren, und ich möchte Sie auf den zwölften Oktober zu meiner Hochzeit einladen. Er heißt Menotti und hat zwar wenig Geld, doch liebt er mich sehr und hat schon früher mit Früchten gehandelt. Er ist hübsch, aber nicht so groß und schön wie Sie, Herr Peter. Er wird auf der Piazza Obst verkaufen, während ich im Laden bleibe. Auch die schöne Marietta vom Nachbar wird heiraten, jedoch nur einen Maurer aus der Fremde.

Ich habe jeden Tag an Sie gedacht und vielen Leuten von Ihnen erzählt. Ich habe Sie sehr lieb und auch den Heiligen, welchem ich vier Kerzen zu Ihrem Andenken gestiftet habe. Auch Menotti wird sehr froh sein, wenn Sie zur Hochzeit kommen. Wenn er unfreundlich gegen Sie sein sollte, werde ich es ihm verbieten. Leider hat sich gezeigt, daß der kleine Mattheo Spinelli wirklich, wie ich stets gesagt habe, ein Bösewicht ist. Er hat mir oft Citronen gestohlen. Jetzt ist er hinweggebracht worden, weil er seinem Vater, dem Bäcker, zwölf Lire stahl und weil er den Hund des Bettlers Giangiacomo vergiftet hat.

Ich wünsche Ihnen den Segen Gottes und des Heiligen. Ich habe große Sehnsucht nach Ihnen.

Ihre untertänige und treue Freundin
Annunziata Nardini

Nachschrift.

Unsere Ernte war mäßig. Die Trauben standen sehr schlecht, auch Birnen gab es nicht genug, aber die Limonen waren sehr reichlich, nur mußten wir sie zu billig verkaufen. In Spello geschah ein schreckliches Unglück. Ein junger Mensch hat seinen Bruder mit einer Harke erschlagen, man weiß nicht weshalb, aber gewiß ist er eifersüchtig auf ihn gewesen, obwohl es sein eigener Bruder war.

Leider konnte ich der verlockenden Einladung nicht folgen. Ich schrieb meinen Glückwunsch und stellte meinen Besuch aufs nächste Frühjahr in Aussicht. Dann ging ich mit dem Brief und mit einem mitgebrachten Nürnberger Geschenk für die Kinder zu meinem Schreinermeister.

Dort fand ich eine unerwartete große Veränderung. Abseits vom Tisch, gegen das Fenster hin, hockte eine groteske, schiefe Menschengestalt in einem Stuhl, der wie ein Kindersessel mit einer Brustwehr versehen war. Es war Boppi, der Bruder der Meistersfrau, ein armer halb gelähmter Verwachsener, für welchen nach dem kürzlich erfolgten Tod seiner alten Mutter nirgends sich ein Plätzchen gefunden hatte. Widerstrebend hatte ihn der Schreiner einstweilen zu sich genommen und die beständige Gegenwart des kranken Krüppels lag wie ein Schrecken auf dem gestörten Hauswesen. Man hatte sich noch nicht an ihn gewöhnt; den Kindern graute vor ihm, die Mutter war mitleidig, verlegen und gedrückt, der Vater offenbar verstimmt.