Die Schreinersfrau kam oft und zeigte sich in kluger Weise teilnehmend und hülfsbereit. Der Schreiner blieb zu meinem großen Bedauern ganz aus.
„Was meinst du,“ fragte ich Boppi gelegentlich, „wird im Himmel auch ein Tapir sein?“
„O ja,“ sagte er und nickte noch dazu. „Es sind alle Arten Tiere dort, auch Gemsen.“
Die Weihnachtszeit kam und wir hatten eine kleine Feier an seinem Bett. Es trat starker Frost ein, es taute wieder, und Neuschnee fiel auf das Glatteis, aber ich merkte nichts von allem. Ich hörte, Elisabeth habe einen Knaben geboren, und ich vergaß es wieder. Es kam ein drolliger Brief von Frau Nardini; ich las ihn flüchtig durch und legte ihn beiseite. Meine Arbeiten erledigte ich im Galopp mit dem steten Bewußtsein, jede Stunde mir und dem Kranken zu stehlen. Dann lief ich gehetzt und ungeduldig ins Krankenhaus, und dort war eine heitere Stille und ich saß halbe Tage an Boppis Bett, von einem traumhaft tiefen Frieden umgeben.
Er hatte kurz vor dem Ende noch einige bessere Tage. Da war es merkwürdig, wie die kaum verflossene Zeit in seiner Erinnerung erloschen schien und er ganz in den früheren Jahren lebte. Zwei Tage lang sprach er von nichts als von seiner Mutter. Er konnte ja nicht lang reden, aber man sah auch in den stundenlangen Pausen, daß er an sie dachte.
„Ich habe dir viel zu wenig von ihr erzählt,“ klagte er, „du mußt nichts von dem vergessen, was sie betrifft, sonst gibt es bald niemand mehr, der von ihr weiß und ihr dankbar ist. Es wäre gut, Peter, wenn alle Leute so eine Mutter hätten. Sie hat mich nicht ins Armenhaus getan, als ich nimmer arbeiten konnte.“
Er lag und atmete mühselig. Eine Stunde verging, da fing er wieder an:
„Sie hat mich am liebsten gehabt von allen ihren Kindern und hat mich bei sich behalten, bis sie gestorben ist. Die Brüder sind ausgewandert und die Schwester hat den Schreiner geheiratet, aber ich bin zu Haus gesessen und so arm sie war, hat sie mich’s nie entgelten lassen. Du darfst meine Mutter nicht vergessen, Peter. Sie war ganz klein, vielleicht noch kleiner als ich. Wenn sie mir die Hand gab, war es gerade so, wie wenn sich ein winzig kleiner Vogel draufgesetzt hätte. Es langt ein Kindersarg für sie, hat der Nachbar Rütimann gesagt, wie sie gestorben ist.“
Auch für ihn hätte schier ein Kindersarg hingereicht. Er lag so verschwunden und klein in seinem sauberen Spitalbett, und seine Hände sahen nun wie kranke Frauenhände aus, lang, schmal, weiß und ein wenig gekrümmt. Als er aufhörte, von seiner Mutter zu träumen, kam ich an die Reihe. Er sprach von mir, als säße ich nicht dabei.
„Er ist ein Pechvogel, nun freilich, aber es hat ihm nichts geschadet. Seine Mutter ist zu früh gestorben.“