Er sah wohl, daß es ein Augenblick war, der keine Unaufrichtigkeit erlaube. Darum sagte er kurz und ohne Ton: Ja.
Sie wiegte den Kopf hin und her, als müsse sie stark nachsinnen und könne nicht damit fertig werden. Was sie aber nun sagte, kam aus keinem Nachdenken und Überlegen, sondern floß ganz unbewußt aus der trüben, trostlosen Bedrängtheit der Stunde, aus einer mutlosen Müdigkeit und vor allem aus einem dunkeln Bedürfnis, irgend etwas gutzumachen und irgend jemandem, der dafür noch erreichbar wäre, Gutes zu erweisen.
„Ja,“ sagte sie, „ich habe es mir so gedacht. Aber höre, Johann, Pierre darf nicht sterben! Es darf nicht alles und alles jetzt auf einmal zusammenbrechen! Und weißt du – ich möchte dir das noch sagen: Wenn er wieder gesund wird, sollst du ihn haben. Hörst du? Er soll bei dir bleiben.“
Veraguth verstand nicht sofort. Nur langsam wurde ihm klar, was sie gesagt habe, und daß nun das, worum er mit ihr gestritten und um dessentwillen er Jahre und Jahre gezögert und gelitten hatte – daß das ihm nun, wo es zu spät war, zugesprochen werde.
Es kam ihm unsäglich sinnlos vor, nicht nur daß er jetzt plötzlich haben sollte, was sie ihm so lange versagt hatte, sondern noch mehr, daß Pierre just in dem Augenblicke ihm gehören solle, wo er dem Tod verfallen war. Nun würde er ihm also doppelt sterben! Es war verrückt, es war um zu lachen! Es war so grotesk und widersinnig, daß er wirklich nahe daran war, in ein bitteres Gelächter auszubrechen.
Aber sie meinte es ohne Zweifel ernst. Sie glaubte offenbar noch nicht ganz daran, daß Pierre sterben müsse. Es war gütig, es war ein ungeheures Opfer von ihr, das sie in der schmerzvollen Verwirrung des Augenblicks aus irgendeiner dunkeln guten Regung bringen wollte. Er sah, wie sie litt, wie sie bleich war und sich mit Mühe aufrecht hielt. Er durfte nicht zeigen, daß er ihr Opfer, ihre seltsame verspätete Großmut wie eine tödliche Verhöhnung empfand.
Sie begann schon mit Befremdung auf ein Wort von ihm zu warten. Warum sagte er nichts? Glaubte er ihr nicht? Oder war er ihr so fremd geworden, daß er nichts von ihr annehmen wollte, auch nicht dieses größte Opfer, das sie ihm bringen konnte?
Schon begann ihr Gesicht vor Enttäuschung zu zucken, da fand er die Herrschaft über sich wieder. Er nahm ihre Hand, bückte sich und berührte sie leicht mit kühlen Lippen, und sagte: „Ich danke dir.“
Da kam ihm ein Gedanke, und mit wärmerem Ton fügte er hinzu: „Nun will ich aber auch für Pierre sorgen dürfen. Laß mich die Nacht bei ihm wachen!“
„Wir werden abwechseln,“ sagte sie mit Entschiedenheit.