Alle standen entsetzt und hilflos, bis die Befehle der Pflegerin Ordnung schafften. Veraguth lag auf den Knien vor dem Bett und suchte zu verhindern, daß Pierre in seinen Zuckungen sich verletze. Trotzdem hieb sich der Kleine die rechte Hand an dem metallenen Bettrande blutig. Dann sank er zusammen, drehte sich um, daß er auf den Bauch zu liegen kam, verbiß sich schweigend ins Kissen und fing an, mit dem linken Bein taktmäßig auszuschlagen. Er hob das Bein, ließ es mit einer stampfenden Bewegung wieder fallen, ruhte einen Augenblick und begann dann dieselbe Bewegung von neuem, zehnmal, zwanzigmal, und immer weiter.

Die Frauen waren an der Arbeit, Umschläge vorzubereiten, Albert hatte man weggeschickt. Veraguth kniete noch immer und sah zu, wie mit unheimlicher Regelmäßigkeit unter der Decke das Bein sich hob, sich streckte und niederfiel. Da lag sein Kind, dessen Lächeln noch vor Stunden wie ein Sonnenschein gewesen war und dessen flehendes Liebesgestammel noch eben sein Herz bis in die letzte Tiefe gerührt und bezaubert hatte. Da lag es und war nichts als ein mechanisch zuckender Körper, ein armes hilfloses Bündel von Schmerz und Jammer.

„Wir sind bei dir,“ rief er verzweifelt. „Pierre, Kind, wir sind da und wollen dir helfen!“

Aber es gab keinen Weg mehr von seinen Lippen zur Seele des Knaben, und alles beschwörende Trösten und sinnlose Zärtlichkeitsgeflüster drang nicht mehr an die furchtbare Einsamkeit des Sterbenden. Der war weit weg in einer anderen Welt, er wanderte dürstend durch ein Höllental voll Pein und Todesnot, und vielleicht schrie er dort jetzt eben nach dem, der neben ihm auf seinen Knien lag und der gerne jede Qual gelitten hätte, um seinem Kinde zu helfen.

Jedermann wußte, daß dies das Ende war. Seit jenem ersten Schrei, der sie aufgeschreckt hatte und der so bitter voll von tiefem, tierischem Leid gewesen war, stand auf jeder Schwelle und in jedem Fenster des Hauses der Tod. Niemand sprach von ihm, aber alle hatten ihn erkannt, auch Albert und auch die Mägde unten, und selbst der Hund, der auf dem Kiesplatz unruhig im Regen hin und wider lief und zuweilen ängstlich winselte. Und ob man sich auch Mühe gab und Wasser kochte, Eis auflegte und emsig zu tun hatte, es war kein Kämpfen mehr, es war keine Hoffnung mehr dabei.

Pierre war nicht mehr bei Bewußtsein. Er zitterte am ganzen Leibe, als fröre er, zuweilen schrie er schwach und irr, und immer wieder, nach jeder erschöpften Pause, begann aufs neue das Bein zu schlagen und zu stampfen, taktmäßig wie von einem Uhrwerk getrieben.

So ging der Nachmittag hin, und der Abend, und schließlich die Nacht, und als in der ersten Frühe der kleine Kämpfer seine Kraft verbraucht hatte und sich dem Feind ergab, da blickten über sein Bett hinweg die Eltern sich aus übernächtigen Gesichtern wortlos an. Johann Veraguth legte seine Hand auf Pierres Herz und konnte keinen Schlag mehr fühlen, und er ließ die Hand auf der hageren Brust des Kindes liegen, bis sie kühl und bis sie kalt wurde.

Dann strich er sachte mit der Hand über Frau Adeles gefaltete Hände und sagte flüsternd: „Es ist zu Ende.“ Und während er seine Frau aus dem Zimmer führte und sie stützte und ihrem heiseren Schluchzen zuhörte, während er sie der Pflegerin überließ und an Alberts Tür horchte, ob er wach sei, während er zu Pierre zurückkehrte und den Toten besser bettete und zurechtlegte, fühlte er die Hälfte seines Lebens in sich abgestorben und zur Ruhe gekommen.

Gefaßt tat er das Notwendige, und schließlich überließ er den Toten der Pflegerin und legte sich zu einem kurzen, tiefen Schlafe nieder. Als das volle Tageslicht durch die Fenster seiner Kammer schien, wurde er wach, erhob sich sofort und ging an die letzte Arbeit, die er auf Roßhalde noch zu tun gesonnen war. Er ging in Pierres Schlafzimmer, zog alle Vorhänge weg und ließ den kühlen, herbstlichen Tag auf das kleine weiße Gesicht und die starren Händchen seines Lieblings scheinen. Dann setzte er sich zur Bettstatt, breitete einen Karton aus und zeichnete zum letztenmal die Züge, die er so oft studiert, die er seit ihrer zarten Werdezeit gekannt und geliebt hatte und die jetzt vom Tode gereift und vereinfacht, aber noch immer voll von unbegriffenem Leide waren.

Achtzehntes Kapitel