„Herr Veraguth!“ rief er halblaut.

Der Maler war noch erreichbar. Feindselig fragend blickte er über die Schulter zurück, genau wie ein Ermüdeter, der dem Einschlummern nahe war und nochmals angerufen wird.

„Es sind Briefe da.“

Damit ging Robert hinaus. Veraguth drückte nervös ein Häufchen Kobaltblau auf die Palette, warf die Tube auf den kleinen blechbeschlagenen Maltisch, begann zu mischen, fühlte sich aber durch die Mahnung des Dieners gestört, so daß er ärgerlich die Palette weglegte und die Briefe an sich nahm.

Es waren die üblichen Geschäftssachen, die Aufforderung, sich an einer Ausstellung zu beteiligen, die Bitte einer Zeitungsredaktion um Mitteilung von Daten aus seinem Leben, eine Rechnung – aber da fuhr der Anblick einer wohlbekannten Handschrift ihm wie ein süßer Schauder in die Seele, er nahm den Brief an sich und las mit Genuß seinen eigenen Namen und jedes Wort der Adresse, wohlig in die Beobachtung der freien, eigenwillig charaktervollen Schriftzüge vertieft. Dann bemühte er sich, den Poststempel zu lesen. Die Briefmarke war italienisch, es konnte nur Neapel oder Genua sein, und dann war also der Freund schon in Europa, schon ganz nahe, und konnte in wenigen Tagen hier sein.

Mit Rührung öffnete er den Brief und sah mit Befriedigung die kleinen schnurgeraden Zeilen in ihrer strengen Ordnung stehen. Wenn er sich recht besann, so waren seit fünf, sechs Jahren diese seltenen Briefe des ausländischen Freundes die einzigen reinen Freuden gewesen, die er gehabt hatte, die einzigen außer der Arbeit und außer den Stunden des Umgangs mit dem kleinen Pierre. Und wie jedesmal, so befiel ihn auch jetzt mitten in der frohen Erwartung ein unklares, peinliches Gefühl von Beschämung, indem die Verarmung und Lieblosigkeit seines Lebens ihm ins Bewußtsein trat. Langsam las er:

Neapel, 2. Juni nachts.

Lieber Johann!

Wie gewöhnlich sind ein Mundvoll Chianti mit fetten Makkaroni und das Gebrüll einiger Hausierer vor der Schenke die ersten Zeichen der europäischen Kultur, der ich mich wieder nähere. Hier in Neapel ist seit fünf Jahren nichts verändert, weit weniger als in Singapore oder Schanghai, und ich nehme es als ein gutes Zeichen dafür, daß ich auch daheim alles in Ordnung finden soll. Übermorgen kommen wir nach Genua, da holt mein Neffe mich ab und ich fahre mit ihm zu den Verwandten, wo mich diesmal keine überwallenden Sympathien erwarten, denn ich habe in den letzten vier Jahren, ehrlich gerechnet, keine zehn Taler verdient. Ich rechne für die ersten Ansprüche der Familie vier, fünf Tage, dann Geschäftliches in Holland, sagen wir wieder fünf, sechs Tage, so daß ich etwa am 16. oder so zu Dir kommen könnte. Das wirst Du telegraphisch erfahren. Ich möchte mindestens zehn oder vierzehn Tage bei Dir bleiben, weißt Du, und Dich in der Arbeit stören. Du bist schauderhaft berühmt geworden und wenn das, was Du vor etwa zwanzig Jahren über Erfolg und Berühmtheiten zu sagen pflegtest, nur halbwegs richtig war, mußt Du inzwischen bedeutend verkalkt und vertrottelt sein. Ich will Dir auch Bilder abkaufen, und meine obige Klage über die schlechten Geschäfte ist ein Versuch, auf Deine Preise zu drücken.

Man wird älter, Johann. Es war meine zwölfte Fahrt durchs Rote Meer, und zum erstenmal habe ich unter der Hitze gelitten. Wir hatten 46 Grad.