„Inzwischen war Albert ein paar Jahre alt geworden. Wir hatten ihn beide sehr lieb, die Gespräche über ihn und die Sorgen um ihn hielten uns beisammen. Erst als er sieben oder acht Jahre alt war, begann ich eifersüchtig zu werden und um ihn zu kämpfen – genau so, wie ich jetzt mit ihr um Pierre kämpfe! Ich sah plötzlich, daß der kleine Junge mir unentbehrlich lieb geworden war, und ich habe mehrere Jahre lang mit beständiger Angst zugesehen, wie er ganz langsam kühler gegen mich wurde und mehr und mehr zur Mutter hielt.

Da wurde er bedenklich krank, und in jener Zeit der Sorge um das Kind sank alles andere für eine Weile unter und wir lebten eine Zeitlang so einmütig wie nie zuvor. Aus dieser Zeit stammt Pierre.

Seit der kleine Pierre auf der Welt ist, hat er alles besessen, was ich an Liebe irgend geben konnte. Ich ließ mir Adele wieder entgleiten, ich ließ es geschehen, daß Albert nach seiner Genesung sich immer enger an meine Frau schloß, daß er ihr Vertrauter gegen mich und allmählich mein Feind wurde, bis ich ihn aus dem Hause entfernen mußte. Ich hatte auf alles verzichtet, ich war ganz arm und anspruchslos geworden, ich hatte mir auch das Schelten und Herrschen im Hause abgewöhnt und hatte nichts dagegen, im eigenen Haus nur ein geduldeter Gast zu sein. Ich wollte nichts für mich retten als meinen kleinen Pierre, und als das Zusammenleben mit Albert und der ganze Zustand im Hause unerträglich geworden war, da habe ich Adele die Scheidung angeboten.

Ich wollte Pierre bei mir behalten. Alles andere konnte sie haben: sie konnte mit Albert zusammen bleiben, sie konnte die Roßhalde behalten und die Hälfte von meinen Einnahmen, meinetwegen auch mehr. Aber sie wollte nicht. Sie wollte gerne in die Scheidung willigen und nur das Notwendigste von mir annehmen, sich aber nicht von Pierre trennen. Das war unser letzter Streit. Noch einmal versuchte ich alles, um mir meinen Rest von Glück zu retten; ich bat und versprach, ich habe mich gebückt und gedemütigt, ich habe gedroht und geweint und schließlich getobt, aber alles vergebens. Sie willigte sogar darein, daß Albert weggegeben werde. Es zeigte sich plötzlich, daß diese stille, geduldige Frau keinen Finger breit nachzugeben gesonnen war; sie fühlte ihre Macht sehr deutlich und war mir überlegen. Damals haßte ich sie geradezu, und etwas davon ist immer hängen geblieben.

Da ließ ich den Maurer kommen und habe mir die kleine Wohnung hier angebaut, und hier wohne ich seither und alles ist so, wie du es gesehen hast.“

Burkhardt hatte nachdenklich zugehört und ihn nie unterbrochen, auch nicht in Augenblicken, wo Veraguth es zu erwarten, ja zu wünschen schien.

„Ich freue mich,“ sagte er vorsichtig, „daß du selber alles so klar siehst. Es ist alles ungefähr so, wie ich mir’s gedacht hatte. Laß uns noch ein Wort darüber reden, es geht jetzt in einem hin! Seit ich hier bin, habe ich ja ebenso auf diese Stunde gewartet wie du. Nimm an, du hättest ein unangenehmes Geschwür, das dich quält und dessen du dich ein wenig schämst. Ich kenne es jetzt und dir ist schon wohler, daß du es nimmer zu verheimlichen brauchst. Aber wir müssen damit nicht zufrieden sein, wir müssen zusehen, ob wir das Ding nicht aufschneiden und heilen können.“

Der Maler sah ihn an, schüttelte schwerfällig den Kopf und lächelte: „Heilen? So etwas heilt nimmer. Aber schneide ruhig zu!“

Burkhardt nickte. Er wollte zuschneiden, gewiß, er wollte diese Stunde nicht leer vorüber lassen.

„In deiner Erzählung ist eines mir unklar geblieben,“ sagte er nachdenklich. „Du sagst, du habest dich Pierres wegen nicht von deiner Frau scheiden lassen. Es ist die Frage, ob du sie nicht dazu hättest zwingen können, dir Pierre zu lassen. Wärt ihr vom Gericht geschieden worden, so hätte man dir doch wohl eines der Kinder zusprechen müssen. Hast du denn daran nie gedacht?“