„Nein, Otto, daran habe ich nie gedacht. Ich habe nie daran gedacht, daß ein Richter mit seiner Weisheit das wieder gutmachen könne, was ich verfehlt und versäumt habe. Es ist mir damit nicht gedient. Da meine persönliche Macht nicht ausreichte, meine Frau zum Verzicht auf den Jungen zu bewegen, blieb mir nichts übrig als zu warten, für wen Pierre selbst sich später einmal entscheiden werde.“
„Es handelt sich ja einzig um Pierre. Wenn der nicht da wäre, wärest du ohne Zweifel längst von deiner Frau geschieden und hättest doch noch ein Glück in der Welt gefunden oder wenigstens ein klares, vernünftiges, freies Leben. Statt dessen bist du in einem Wirrwarr von Kompromissen, Opfern und kleinen Notbehelfen eingeklemmt, in denen ein Mensch wie du ersticken muß.“
Veraguth blickte unruhig und stürzte hastig ein Glas Wein hinunter.
„Du redest immer von Ersticken und Zugrundegehen! Du siehst doch, ich lebe und arbeite, und der Teufel soll mich holen, wenn ich mich unterkriegen lasse.“
Otto achtete nicht auf seine Gereiztheit. Mit leiser Eindringlichkeit fuhr er fort: „Verzeih, das stimmt nicht ganz. Du bist ein Mensch mit ungewöhnlichen Kräften, sonst hättest du diese Zustände überhaupt nicht solange ausgehalten. Wieviel sie dir geschadet und dich gealtert haben, spürst du selber, und es ist eine unnütze Eitelkeit, wenn du das vor mir nicht wahrhaben willst. Ich glaube meinen eigenen Augen mehr als dir, und ich sehe, daß es dir miserabel geht. Deine Arbeit hält dich aufrecht, aber sie ist dir mehr Betäubung als Freude. Die Hälfte von deiner schönen Kraft verbrauchst du in Entbehrung und in kleinen täglichen Widerständen. Was bestenfalls dabei herauskommt, ist nicht Glück, sondern höchstens Resignation. Und dazu, mein Junge, bist du mir zu gut.“
„Resignation? Das mag sein. Es geht auch andern so. Wer ist glücklich?“
„Glücklich ist, wer hofft!“ rief Burkhardt nachdrücklich. „Was hast du zu hoffen? Nicht einmal äußere Erfolge, Ehren und Geld; von dem allen hast du mehr als genug. Mensch, du weißt ja gar nimmer, was Leben und Freude ist! Du bist zufrieden, weil du nimmer hoffst! Ich begreife das, meinetwegen, aber es ist ein scheußlicher Zustand, Johann, es ist ein übles Geschwür, und wer so eines hat und es nicht aufschneiden mag, der ist ein Feigling.“
Er war warm geworden und ging in heftiger Bewegung auf und ab, und während er mit gespannten Kräften seinen Plan verfolgte, sah ihn aus der Tiefe der Erinnerung Veraguths Knabengesicht an und es schwebte ihm das Bild einer Szene vor, da er einst ähnlich wie heut mit ihm gestritten hatte. Aufblickend sah er des Freundes Gesicht, er saß zusammengesunken und blickte vor sich nieder. Nichts von den Zügen des Knabenkopfes war mehr vorhanden. Da saß er, den er mit Absicht einen Feigling geheißen, an dessen einst so peinliche Empfindlichkeit er gerührt hatte, und wehrte sich nicht.
Er rief nur in bitterer Schwäche: „Nur zu! Du brauchst mich nicht zu schonen. Du hast gesehen, in was für einem Käfig ich lebe, nun kannst du ja ohne Sorge mit dem Stock hereindeuten und mir meine Schande vorhalten. Bitte, fahr fort! Ich wehre mich nicht, ich werde nicht einmal böse.“
Otto blieb vor ihm stehen. Er tat ihm so leid, aber er bezwang sich und sagte scharf: „Du sollst aber böse werden! Du sollst mich hinauswerfen und mir die Freundschaft aufsagen, oder du sollst zugeben, daß ich recht habe.“