„Ich helfe dir, Johann, du kannst mir glauben, ich helfe dir. Ich war ja ein Esel, ich war ja so blind und dumm! Sieh, es wird noch alles gut, verlaß dich drauf!“
Er erinnerte sich seltener Anlässe aus der Jugendzeit, bei welchen sein Freund in Zuständen großer Nervosität die Herrschaft über sich verloren hatte. Mit wunderlicher Deutlichkeit stand ein solches Erlebnis, das tief in seinem Gedächtnis geschlummert hatte, jetzt wieder vor ihm auf. Johann verkehrte damals mit einer hübschen Malschülerin, Otto hatte sich wegwerfend über sie ausgesprochen, und Veraguth hatte ihm in der heftigsten Weise die Freundschaft aufgesagt. Auch damals hatte der Maler sich an einer geringen Menge Weines unverhältnismäßig erhitzt, auch damals hatte er die roten Augen bekommen und die Gewalt über seine Stimme verloren. Es ergriff den Freund sonderbar, vergessene Züge einer scheinbar wolkenlosen Vergangenheit so seltsam wiederkehren zu sehen, und wieder wie damals erschreckte ihn der plötzlich enthüllte Abgrund von innerer Vereinsamung und seelischer Selbstpeinigung in Veraguths Leben. Das war ohne Zweifel jenes Geheimnis, von dem Johann je und je in Andeutungen gesprochen und das er in jedes großen Künstlers Seele verborgen vermutet hatte. Daher also kam diesem Manne der unheimlich unersättliche Drang, zu schaffen und die Welt zu jeder Stunde neu mit seinen Sinnen zu erfassen und zu überwältigen. Daher kam schließlich auch die sonderbare Traurigkeit, mit welcher häufig große Kunstwerke den stillen Beschauer erfüllen konnten.
Es war, als habe Otto seinen Freund bis zur Stunde nie ganz verstanden. Nun sah er tief in den dunkeln Brunnen, aus dem Johanns Seele sich mit Kräften und mit Leiden sättigte. Und zugleich empfand er einen tiefen, freudigen Trost darüber, daß er es war, der alte Freund, dem sich der Leidende eröffnet, den er angeklagt, den er um Hilfe gebeten hatte.
Veraguth schien nicht mehr zu wissen, was er gesagt hatte. Er ruhte besänftigt wie ein Kind, das sich ausgetobt hat, und schließlich sagte er mit klarer Stimme: „Du hast diesmal kein Glück mit mir. Es kommt alles nur davon her, daß ich in der letzten Zeit nicht meine tägliche Arbeit gehabt habe. Es ist eine Nervenverstimmung. Ich vertrage die guten Tage nicht.“
Und als Burkhardt ihn daran hindern wollte, die zweite Flasche zu öffnen, meinte er: „Ich könnte jetzt doch nicht schlafen. Weiß Gott, woher ich so nervös bin! Na, laß uns noch ein bißchen zechen, du warst doch früher darin nicht so spröde. – Ah, du meinst, wegen meiner Nerven! Ich werde sie schon wieder in Ordnung bringen, darin habe ich Erfahrung. Ich werde in der nächsten Zeit jeden Morgen um sechs an die Arbeit gehen und jeden Abend eine Stunde reiten.“
So blieben die Freunde bis gegen Mitternacht beieinander. Johann wühlte plaudernd in Erinnerungen der alten Zeit, Otto hörte zu und sah mit beinahe widerwilligem Vergnügen eine blanke, fröhlich spiegelnde Oberfläche sich beruhigt schließen, wo er eben noch in aufgerissene dunkle Gründe geblickt hatte.
Sechstes Kapitel
Andern Tages begegnete Burkhardt dem Maler mit Befangenheit. Er war darauf gefaßt, den Freund verwandelt und statt der gestrigen Erregtheit spöttische Kühle und abwehrende Scham zu finden. Statt dessen kam ihm Johann mit stillem Ernst entgegen.
„Also morgen reisest du,“ sagte er freundlich. „Es ist gut, und ich danke dir für alles. Übrigens habe ich das von gestern Abend nicht vergessen; wir haben noch miteinander zu reden.“
Zweifelnd ging Otto darauf ein.