„Vielleicht ist es so. Das ist der böse Punkt. Deine Meinung ist, ich solle auf den Knaben verzichten?“
„Ja, aber ja! Er kostet dich Jahre und Jahre des Kampfes mit deiner Frau, die ihn dir schwerlich lassen wird.“
„Das ist möglich. Aber sieh, Otto, er ist das letzte, was ich habe! Ich sitze zwischen lauter Trümmern, und wenn ich heute stürbe, so würden sich, außer dir, höchstens ein paar Zeitungsschreiber darüber aufregen. Ich bin ein armer Mann, aber ich habe dieses Kind, ich habe doch immer noch diesen kleinen lieben Kerl, für den ich leben und den ich liebhaben darf, für den ich leide und bei dem ich in guten Stunden mich vergesse. Du mußt dir das richtig vorstellen! Und das soll ich weggeben!“
„Es ist nicht leicht, Johann. Es ist eine verfluchte Sache! Aber ich weiß keinen anderen Weg. Schau, du weißt gar nicht mehr, wie es draußen in der Welt aussieht, du sitzest verbohrt und vergraben in deine Arbeit und in deine verunglückte Ehe. Tu den Schritt und wirf einmal alles weg, so wirst du plötzlich die Welt wieder mit hundert schönen Dingen auf dich warten sehen. Du hausest seit langem mit Toten zusammen und hast den Anschluß ans Leben verloren. Du hängst an Pierre, und er ist ja ein reizender Kerl, gewiß; aber das ist doch nicht entscheidend. Sei einmal ein wenig grausam und besinne dich, ob der Junge dich wirklich braucht!“
„Ob er mich braucht ...?“
„Ja. Was du ihm geben kannst, ist Liebe, Zärtlichkeit, Gefühl – das sind Dinge, von denen ein Kind meist weniger braucht, als wir Alten meinen. Und dafür wächst der Kleine in einem Hause auf, wo Vater und Mutter einander kaum mehr kennen, wo sie sogar seinetwegen eifersüchtig sind! Er wird nicht durch das gute Beispiel eines glücklichen, gesunden Hauses erzogen, er ist frühreif und wird ein Sonderling werden. – Und schließlich, verzeih, wird er eines Tages ja doch zwischen dir und der Mutter wählen müssen. Kannst du das nicht einsehen.“
„Vielleicht hast du recht. Du hast sogar bestimmt recht. Aber hier hört bei mir das Denken auf. Ich hänge an dem Kind und ich klammere mich an diese Liebe, weil ich seit langem keine andere Wärme und kein anderes Licht mehr kenne. Vielleicht wird er mich in ein paar Jahren im Stich lassen, vielleicht mich enttäuschen, vielleicht mich einmal hassen – wie Albert mich haßt, der als Vierzehnjähriger einmal mit einem Tischmesser nach mir geworfen hat. Aber es bleibt mir doch das, daß ich noch diese paar Jahre bei ihm sein und ihn lieben darf, daß ich seine kleinen Hände in meine nehmen und seine kleine helle Vogelstimme hören kann. Sage: muß ich das weggeben? Muß ich?“
Burkhardt zuckte schmerzlich die Achseln und runzelte die Stirn.
„Du mußt, Johann,“ sagte er dann sehr leise. „Ich glaube, du mußt. Es muß nicht heute sein, aber bald. Du mußt alles, was du hast, wegwerfen, und mußt dich von allem Vergangenen reinbaden, sonst wirst du nie mehr ganz hell und frei in die Welt blicken können. Tu, was du magst, und wenn du den Schritt nicht tun kannst, so bleib hier und lebe dies Leben weiter – ich gehöre zu dir, auch dann, und bin für dich da, das weißt du. Aber es täte mir leid.“
„Rate mir! Ich sehe lauter Dunkel vor mir.“