„Ich natürlich, Papa.“
„Meinetwegen, nimm Pierre mit! Aber im Einspänner, mit dem Braunen. Und daß er nicht zuviel Haber kriegt!“
„Ach, ich wäre viel lieber zweispännig gefahren!“
„Tut mir leid. Allein magst du fahren, wie du willst; aber wenn der Kleine dabei ist, nur mit dem Braunen.“
Etwas enttäuscht zog Albert sich zurück. Zu andern Zeiten hätte er getrotzt oder weiter gebeten, aber er sah, der Maler war schon wieder ganz bei seiner Arbeit, und hier im Atelier und in der Atmosphäre seiner Bilder imponierte ihm trotz aller inneren Gegenwehr der Vater doch jedesmal so sehr, daß er ihm gegenüber, dessen Autorität er sonst nicht anerkannte, sich erbärmlich knabenhaft und schwach fühlte.
Der Maler war alsbald wieder mitten in seiner Arbeit, die Unterbrechung war vergessen und die Außenwelt verweht. Mit streng konzentriertem Blick verglich er die Fläche der Leinwand mit dem lebendigen Bilde in seinem Innern. Er fühlte die Musik des Lichtes, wie sein tönender Strom sich verteilte und wiederfand, wie es an Widerständen ermüdete, wie es aufgetrunken ward und unbesiegbar auf jeder empfänglichen Fläche neu triumphierte, wie es in den Farben mit wählerischer, doch unfehlbarer Laune in peinlichster Empfindlichkeit spielte, in tausend Brechungen unzerstört und in tausend spielerischen Irrgängen untrüglich seinem eingeborenen Gesetze treu. Und er kostete in tiefen Zügen die herbe Luft der Kunst, die strenge Freude des Schöpfers, der sich selber bis zur Grenze der Vernichtung hergeben muß, der das heilige Glück der Freiheit nur im eisernen Bändigen jeder Willkür finden und die Augenblicke der Erfüllung nur im asketischen Gehorsam gegen das Wahrhaftigkeitsgefühl erleben kann.
Es war seltsam und betrübend, doch nicht seltsamer und trauriger als alles Menschengeschick: dieser beherrschte Künstler, dem nur aus tiefster Wahrhaftigkeit und aus unerbittlich klarer Konzentration zu arbeiten möglich schien, dieser selbe Mann, in dessen Werkstatt keine Laune und keine Unsicherheit Raum gewann, er war in seinem Leben ein Dilettant und gescheiterter Glücksucher gewesen, und er, der keine mißglückte Tafel oder Leinwand aus den Händen gab, litt tief unter der dunkeln Last ungezählter mißglückter Tage und Jahre, mißglückter Liebes- und Lebensversuche.
Ihm kam es nicht zum Bewußtsein. Er hatte seit langem das Bedürfnis verloren, sein Leben klar vor sich auszubreiten. Er hatte gelitten und sich gegen das Leid gewehrt, in Empörung und in Resignation, und er hatte damit geendet, die Dinge ihren Weg gehen zu lassen und sich nur seine Arbeit zu erhalten. Und es war seiner zähen Natur gelungen, seine Künstlerschaft beinahe um das reicher und tiefer und glühender zu machen, was sein Leben an Reichtum, Tiefe und Wärme verlor. Einsam und geharnischt saß er nun wie ein Verzauberter, eingesponnen in seinen Künstlerwillen und rücksichtslosen Fleiß, und sein Wesen war gesund und eigenwillig genug, die Armut dieses Daseins nicht zu sehen und nicht anerkennen zu wollen.
So war es bis vor kurzem gewesen, bis der Freundesbesuch ihn aufgerüttelt hatte. Seither umgab den Einsamen eine beängstigende Ahnung von Gefahr und Schicksalsnähe, er fühlte Kämpfe und Prüfungen auf sich warten, in denen nicht seine Kunst und nicht sein Fleiß ihn retten konnten. Sein beschädigtes Menschentum witterte Sturm und fand keine Wurzeln und Kräfte in sich, ihn auszuhalten. Und nur langsam wollte seine vereinsamte Seele sich an den Gedanken gewöhnen, es müsse nun nächstens der Kelch verschuldeten Leides bis zur Hefe ausgetrunken werden.
Im Kampf wider diese drohenden Ahnungen und in der Scheu vor klaren Gedanken oder gar Entschlüssen zog sich des Malers ganze Natur, als sei es vielleicht zum letzten Male, nochmals in einer ungeheuren Anstrengung zusammen wie ein verfolgtes Tier zum rettenden Sprunge, und so schuf Johann Veraguth in diesen Tagen der inneren Beängstigung mit einem verzweifelten Zusammenraffen eines seiner größten und schönsten Werke, das spielende Kind zwischen den gebeugten leidvollen Gestalten der Eltern. Vom selben Boden getragen, von derselben Luft umflossen und vom selben Licht beschienen hauchten die Figuren des Mannes und Weibes Tod und bitterste Kühle aus, indessen goldig und frohlockend in ihrer Mitte das Kind selig wie im eigenen Lichte leuchtete. Und wenn später, seinem eigenen bescheidenen Urteil entgegen, einige Bewunderer den Maler dennoch zu den wirklich Großen rechneten, so taten sie es vor allem dieses Bildes wegen, das so schmerzlich voll von Seele war, obwohl es nichts zu sein begehrte als ein vollkommenes Stück Handwerk.