In diesen Stunden wußte Veraguth nichts von Schwäche und Angst, nichts von Leid und Schuld und verfehltem Leben. Er war nicht froh noch traurig, von seinem Werk gebannt und aufgesogen atmete er die kalte Luft schöpferischer Einsamkeit und begehrte nichts von der Welt, die ihm versunken und vergessen war. Rasch und sicher, mit vor Anstrengung vorquellenden Augen, setzte er in kleinen, schneidigen Drückern die Farbe hin, trieb einen Schatten tiefer zurück, löste ein schwebendes Blatt, eine spielende Locke freier und weicher im Lichte auf. Dabei dachte er nicht im mindesten an das, was sein Bild ausdrückte. Das war erledigt, das war eine Idee, ein Einfall gewesen; jetzt ging es nicht um Bedeutungen, Gefühle und Gedanken, sondern um reine Wirklichkeit. Er hatte sogar den Ausdruck der Gesichter wieder abgeschwächt und nahezu ausgelöscht, es lag ihm nichts am Dichten und Erzählen, und die um ein Knie gebauschte Mantelfalte war ihm so wichtig und heilig wie die gesenkte Stirn und der geschlossene Mund. Auf dem Bilde sollte nichts zu sehen sein als drei Menschen in vollkommenster Gegenständlichkeit, jeder durch Raum und Luft den andern verbunden, jeder dennoch umflossen von der Einzigkeit, die jedes tiefgeschaute Gebilde aus der nebensächlichen Welt der Beziehungen losreißt und den Beschauer mit schauerndem Erstaunen über die schicksalhafte Notwendigkeit jeder Erscheinung erfüllt. So blicken uns aus Bildern toter Meister fremde Menschengestalten, deren Namen wir nicht wissen und nicht zu wissen begehren, überlebendig und rätselhaft wie Sinnbilder alles Seins entgegen.
Das Bild war weit gefördert und nahezu fertig. Das Vollenden der süßen Kindergestalt hatte er sich zum Schlusse aufbehalten, daran dachte er morgen oder übermorgen zu gehen.
Die Mittagszeit war überschritten, als der Maler Hunger verspürte und auf die Uhr sah. Er wusch sich eilig, kleidete sich um und ging ins Herrschaftshaus hinüber, wo er seine Frau ganz allein am Tische wartend fand.
„Wo sind die Buben?“ fragte er verwundert.
„Sie sind ausgefahren. War Albert denn nicht bei dir?“
Nun erst fiel ihm Alberts Besuch wieder ein. Zerstreut und etwas befangen begann er zu essen. Frau Adele beobachtete ihn, wie er unachtsam und müde die Speisen zerschnitt. Sie hatte ihn eigentlich nicht mehr zu Tische erwartet und es überraschte sie seinem überanstrengten Gesichte gegenüber eine Art von Mitleid. Sie schwieg und legte ihm vor, schenkte ihm Wein ins Glas, und er, eine unbestimmte Freundlichkeit erfühlend, nahm sich zusammen, ihr etwas Angenehmes zu sagen.
„Will Albert eigentlich Musiker werden?“ fragte er. „Ich glaube, er hat viel Talent.“
„Ja, er ist begabt. Aber ich weiß nicht, ob er zum Künstler passen würde. Zu wünschen scheint er es nicht. Er hat bis jetzt noch zu keinem Beruf besondere Lust und sein Ideal wäre eine Art von Gentleman, der gleichzeitig Sport und Studien, Geselligkeit und Kunst betriebe. Leben wird er davon schwerlich können, das werde ich ihm mit der Zeit klarmachen müssen. Einstweilen ist er ja fleißig und hat gute Manieren, da mag ich ihn nicht unnütz stören und unruhig machen. Wenn er seine Maturität gemacht hat, will er ohnehin zuerst Soldat werden. Später sieht man weiter.“
Der Maler schwieg. Er schälte eine Banane und roch befriedigt an der reifen, nahrhaft und mehlig duftenden Frucht.
„Wenn es dich nicht stört, möchte ich noch den Kaffee hier nehmen,“ sagte er schließlich.