„Großer Junge,“ sagte sie begütigend, „du mußt Geduld mit ihm haben. Vielleicht war er nicht ganz wohl, er hat auch heut früh fast nichts gegessen. Das kommt bei allen Kindern zuweilen vor, bei dir war’s auch einmal so. Ein bißchen Magenkatarrh oder eine Nacht mit schlechten Träumen ist meistens schuld daran, und Pierre ist freilich etwas zart und empfindlich. Und dann, versteh, ist er vielleicht auch ein wenig eifersüchtig. Du mußt bedenken, er hat mich sonst immer ganz für sich, und jetzt bist du da und er muß mit dir teilen.“

„Wenn ich doch Ferien habe! Das muß er doch wahrhaftig begreifen, er ist ja nicht dumm!“

„Er ist ein kleines Kind, Albert, und du mußt schon der Gescheitere sein.“

Es tropfte noch von den frisch metallen glitzernden Blättern. Sie gingen den gelben Rosen nach, die Albert besonders liebte. Er bog die Kronen der Bäumchen auseinander und die Mutter schnitt mit der Gartenschere die Blumen ab, die noch etwas nüchtern und verregnet herabhingen.

„War ich eigentlich Pierre ähnlich, als ich in seinem Alter war?“ fragte Albert nachdenklich.

Frau Adele besann sich. Sie ließ die Hand mit der Schere sinken, sah dem Sohn in die Augen und schloß dann die ihren, um sein Knabenbildnis in sich wachzurufen.

„Du warst ihm äußerlich ziemlich ähnlich, bis auf die Augen, und du warst weniger dünn und schlank, das Wachsen kam bei dir etwas später.“

„Und sonst? Ich meine innerlich?“

„Nun, Launen hast du auch gehabt, mein Junge. Aber ich glaube, du warst doch beständiger, du hast deine Spiele und Arbeiten nicht so rasch gewechselt wie Pierre. Er ist auch überschwenglicher, als du warst, er ist weniger im Gleichgewicht.“

Albert nahm der Mutter die Schere aus der Hand und beugte sich suchend über einen Rosenstrauch.