„Pierre hat mehr von Papa,“ sagte er leise. „Du, Mutter, das ist so merkwürdig, wie in den Kindern sich die Eigenschaften ihrer Eltern und Vorfahren wiederholen und vermischen! Meine Freunde sagen, jeder Mensch habe schon als kleines Kind alles in sich, was sein ganzes Leben bestimmt, und man könne gar nichts dagegen tun, einfach gar nichts. Wenn zum Beispiel einer die Anlage zum Dieb oder Mörder in sich hat, so hilft alles nichts, er muß und muß ein Verbrecher werden. Es ist eigentlich furchtbar. Du glaubst doch auch daran? Es ist vollkommen wissenschaftlich.“

„Das ist mir einerlei,“ lächelte Frau Adele. „Wenn jemand ein Verbrecher geworden ist und Menschen umgebracht hat, so kann die Wissenschaft vielleicht nachweisen, daß das schon immer in ihm gesteckt hat. Aber ich zweifle gar nicht daran, daß es sehr viele rechtschaffene Leute gibt, die von Eltern und Voreltern her Böses genug geerbt haben und doch gut bleiben, und das kann die Wissenschaft nicht gut untersuchen. Eine gute Erziehung und ein guter Wille ist mir sicherer als alle Vererbungen. Was recht und anständig ist, das wissen wir und können es lernen, und daran muß man sich halten. Was man aber etwa von vorväterlichen Geheimnissen in sich hat, das weiß niemand genau und es ist besser, damit nicht viel zu rechnen.“

Albert wußte, daß seine Mama sich auf dialektische Dispute niemals einlasse, und sein Wesen gab ihrer einfachen Denkart eigentlich instinktmäßig recht. Doch spürte er wohl, daß damit das gefährliche Thema keineswegs erledigt sei, und er hätte nun gerne etwas Gründliches über jene Lehre von der Kausalität gesagt, die ihm aus den Reden einiger Freunde immer so sehr eingeleuchtet hatte. Doch besann er sich vergebens auf feste, klare, stichhaltige Sätze, auch fühlte er – im Gegensatz zu jenen Freunden, die er doch bewunderte – sich eigentlich viel mehr für eine moralische oder auch ästhetische Betrachtung der Dinge begabt als für die wissenschaftlich vorurteilslose, zu der er sich unter seinen Studiengenossen bekannte. So ließ er denn diese Dinge auf sich beruhen und ging den Rosen nach.

Unterdessen war Pierre, der sich wirklich nicht wohl fühlte und am Morgen weit später als sonst und ohne Lebensfreude erwacht war, so lange im Kinderzimmer bei seinen Spielsachen geblieben, bis es ihm langweilig wurde. Es war ihm ziemlich elend zumute und ihm schien, es müsse heute schon etwas Besonderes geschehen und sich einfinden, damit dieser geschmacklose Tag erträglich und ein bißchen hübsch werde.

Unruhig zwischen Erwartung und Mißtrauen ging er aus dem Hause und in den Lindengarten, auf der Suche nach irgend etwas Neuem, nach irgendeinem Fund oder Abenteuer. Sein Magen war öde, das kannte er aus früheren Erfahrungen, und sein Kopf war müde und schwer, wie er ihn noch nie gefühlt hatte, und am liebsten hätte er sich an der Mutter Knie geflüchtet und geheult. Allein das ging nicht, solange der stolze, große Bruder da war, der ihn ohnehin immer fühlen ließ, daß er noch ein kleiner Bub sei.

Wenn es nur der Mutter eingefallen wäre, von sich aus etwas zu tun, ihm zu rufen und ihm ein Spiel vorzuschlagen und nett mit ihm zu sein. Aber die war jetzt natürlich wieder mit Albert gegangen. Pierre fühlte, es war heute ein Unglückstag und wenig zu hoffen.

Er schlenderte unentschlossen und mißmutig die Kieswege entlang, den welken Stiel einer Lindenblüte zwischen den Zähnen und die Hände in den Taschen. Es war frisch und feucht im morgendlichen Garten, und der Stiel schmeckte bitter. Er spie ihn aus und blieb verdrießlich stehen. Nichts wollte ihm einfallen, er mochte heute nicht Prinz noch Räuber, nicht Fuhrmann noch Baumeister sein.

Mit gerunzelter Stirne schaute er am Boden umher, stocherte mit den Schuhspitzen im Kies und schleuderte eine graue schleimige Wegschnecke mit dem Fuß weit fort ins nasse Gras. Es wollte nichts zu ihm sprechen, kein Vogel noch Schmetterling, nichts wollte ihn anlachen und ihn zur Fröhlichkeit verführen. Alles schwieg, alles sah alltäglich, hoffnungslos und schäbig aus. Er versuchte am nächsten Strauch eine kleine hellrote Johannisbeertraube; sie schmeckte kalt und sauer. Man sollte sich hinlegen und schlafen, dachte er, so lange schlafen, bis alles wieder neu und schön und lustig aussähe. Es hatte ja keinen Sinn, da herumzugehen und sich zu plagen und auf Dinge zu warten, die doch nicht kommen wollten. Wie schön könnte es sein, wenn zum Beispiel etwa ein Krieg ausgebrochen wäre und eine Menge Soldaten zu Pferde auf der Straße herankämen, oder wenn irgendwo ein Haus in Flammen stände oder eine große Überschwemmung wäre. Ach, diese Sachen standen alle nur in den Bilderbüchern, in Wirklichkeit bekam man sie nie vor Augen und vielleicht gab es sie gar nicht.

Seufzend schlenderte der Knabe weiter, das hübsche, zarte Gesicht erloschen und voll Kummer. Als er jenseits der hohen Spalierwand die Stimme Alberts und der Mutter hörte, überfiel ihn Eifersucht und Widerwillen so stark, daß er Tränen in die Augen bekam. Er kehrte um und ging ganz leise, um nicht gehört und angerufen zu werden. Er wollte jetzt niemand Rede stehen, er wollte von niemand zum Reden und Aufmerken und Artigsein genötigt werden. Es ging ihm schlecht, jämmerlich schlecht, und niemand kümmerte sich um ihn, so wollte er wenigstens die Vereinsamung und Trauer auskosten und sich richtig elend fühlen.

Er dachte auch an den lieben Gott, den er zu Zeiten sehr schätzte, und einen Augenblick brachte der Gedanke einen fernen Schimmer von Trost und Wärme, aber das sank schnell wieder unter. Wahrscheinlich war es mit dem lieben Gott auch nichts. Und doch hätte er gerade jetzt so sehr jemand gebraucht, auf den ein Verlaß war und von dem man sich etwas Hübsches und Tröstliches versprechen durfte.