Veraguth stand hinter der Hecke und hörte zu, er betrachtete das ruhige, ernsthafte Gesicht seiner Frau und das schöne, frühreif zarte seines Lieblings, und sein Herz versteinerte sich bei dem Gedanken an die Sommer, in denen sein erster Sohn noch solch ein Kind gewesen war. Den hatte er verloren, und die Mutter auch. Aber diesen Kleinen wollte er nicht verlieren, ihn nicht. Er wollte ihn als Dieb hinterm Zaun belauschen, er wollte ihn locken und an sich ziehen, und wenn auch dieser Knabe sich von ihm abwenden würde, dann wollte er nicht mehr leben.

Leise zog er sich über den grasigen Weg zurück und ging unter den Bäumen davon.

„Das Bummeln ist nichts für mich,“ dachte er ärgerlich und machte sich hart. Er ging an seine Arbeit zurück und fand denn auch, die Unlust überwindend und einer jahrelang gepflegten Übung gehorchend, die gespannte Arbeitsstimmung wieder, die sich keine Nebenwege erlaubt und alle Kräfte nur auf das augenblicklich Gewollte richtet.

Er war drüben zu Tische erwartet und kleidete sich gegen Mittag sorgfältig um. Rasiert, gebürstet und im blauen Sommeranzug sah er zwar nicht jünger, doch frischer und elastischer aus als im verwahrlosten Atelierkleid. Er griff nach dem Strohhut und wollte eben die Türe öffnen, als sie ihm entgegen sich auftat und Pierre hereinkam.

Veraguth bückte sich zu dem Knabenkopf hinab und küßte ihn auf die Stirn.

„Wie geht’s, Pierre? War der Lehrer brav?“

„O ja, er ist nur so langweilig. Wenn er eine Geschichte erzählt, ist es gar nicht zum Lustigsein, sondern auch bloß eine Lektion, und am Schluß kommt immer, daß gute Kinder sich soundso benehmen müssen. – Hast du gemalt, Papa?“

„Ja, an den Fischen, weißt du. Das ist bald fertig, und morgen darfst du es sehen.“

Er nahm des Knaben Hand und ging mit ihm hinaus. Nichts in der Welt tat ihm so wohl und rührte alle versunkene Güte und hilflose Zartheit so in ihm auf wie das Gefühl, neben dem Jungen zu gehen, den Schritt seinen kleinen Schritten anzupassen und die leichte, zutrauliche Kinderhand in seiner zu fühlen.

Als sie den Park verließen und unter den dünnen Hängebirken hin über die Wiese gingen, blickte der Kleine sich um und fragte: „Papa, haben denn die Schmetterlinge vor dir Angst?“