Über dem allem wurde es Abend, das Schießen hatte ein Ende, und es begann da und dort ein Zechen in Hallen oder unter Bäumen. Während der Himmel noch in zartem Lichte schwamm und Türme und ferne Berge in der Herbstabendklarheit standen, glommen hier und dort schon Lichter und Laternen auf. Ladidel ging in seinem Rausche dahin und bedauerte das Sinken des Tages. Die solide Bürgerschaft eilte nun heimwärts zum Abendessen, müdgewordene Kinder ritten taumelnd auf den Schultern der Väter, die eleganten Wagen verschwanden. Dafür regten sich Lust und Übermut der Jugend, die sich auf Tanz und Wein freute, und wie es auf dem Platze und den Gassen leerer ward, tauchte da und dort und an jeder Ecke bald scheu, bald kühn ein Liebespaar auf, Arm in Arm und noch mit sonntäglichem Anstande, jedoch voll Ungeduld und Ahnung nächtlicher Lust.
Um diese Stunde begann die Fröhlichkeit und Selbstvergessenheit Ladidels sich zu verlieren wie das hinschwindende Tageslicht. Die Erinnerung an Trauer und Leid kehrte mählich wieder, vermischt mit einem ungelöschten Festdurst und Erlebensdrang. Ergriffen und traurig werdend strich der einsame Jüngling durch den warmen Abend. Es kicherte kein Liebespaar an ihm vorbei, dem er nicht nachsah, und als nun in einem Garten unter hohen schwarzen Kastanien mit lockender Pracht Reihen von roten Papierampeln aufglühten und aus eben diesem Garten her eine weiche, sehnliche Musik ertönte, da folgte er dem Ruf der heißen, flüsternden Geigen und trat ein. An langen Tischen aß und trank viel junges Volk, dahinter wartete ein großer Tanzplan erst halb erleuchtet. Der junge Mann nahm am leeren Ende eines Tisches Platz und verlangte, als ein Kellner zu ihm kam, Wein und Essen. Dann ruhte er aus, atmete die Gartenluft und horchte auf die Musik, aß ein weniges und trank langsam in kleinen Schlücken den ungewohnten Wein. Je länger er in die roten Lampen schaute, die Geigen spielen hörte und den Duft der Festnacht atmete, desto einsamer und elender kam er sich vor, und zugleich erschien ihm dieser Ort als eine Stätte seliger Lust, von deren Genuß nur er allein ausgeschlossen sei. Wohin er blickte, sah er rote Wangen und begierige Augen leuchten, junge Burschen in Sonntagskleidern mit kühnen und herrischen Blicken, Mädchen im Putz mit verlangenden Augen und tanzbereiten, unruhigen Füßen. Und er war noch nicht lange mit seinem Abendessen fertig, als die Musik mit erneuter Wucht und Süße anstimmte, der Tanzplatz von hundert Lichtern strahlte und Paar auf Paar in Eile und hastiger Begierde sich zum Tanze drängte.
Ladidel sog langsam an seinem Wein, um noch eine Weile dableiben zu können, und als der Wein doch schließlich zu Ende war, konnte er sich nicht entschließen, heimzugehen. Er ließ nochmals ein kleines Fläschlein kommen und saß und starrte und fiel in eine stachelnde Unruhe, als müsse allem zum Trotz an diesem Abend ihm ein Glück blühen und etwas vom Überfluß der Wonne auch für ihn abfallen. Und wenn es nicht geschah, so schrieb er sich in Leid und Trotz das Recht zu, wenigstens dem Fest und seinem Unglück zu Ehren den ersten Rausch seines Lebens zu trinken.
Zu diesem wäre es nun wohl trotzdem nicht gekommen, denn so schlimm er es meinte, seine Natur war klüger und hätte ihm nicht erlaubt, mehr als einen kindlichen Versuch nach dieser Seite hin zu tun. Es war auch keineswegs der Wein, der ihn verlockte, und den Rausch hatte er nimmer nötig, da Umtrieb und Lärm und Freudenschwall ihm den Kopf hinreichend erhitzt und verwirrt hatten. Aber der mäßige und zierliche Jüngling konnte soviel Übermut und Lustbarkeit, soviel Tanzmusik und den Anblick so vieler hübscher erhitzter Tänzerinnen nicht ertragen, ohne gleichfalls ein Verlangen nach Lust und Selbstvergessen und blühender Jugendtorheit zu verspüren. Und so stiegen, je heftiger rings um ihn die Freude tobte, sein Unglück sowohl wie sein Trostbedürfnis höher, und rissen den Unbeschützten zur Übertreibung und zum Rausche hin. Die Stunde war gekommen, da der Most seiner Jugend verderben oder sich Lust schaffen mußte.
Viertes Kapitel
Während Ladidel vor seinem Weinglas am Tische saß und mit heißen Augen in das Tanzgewühl blickte, vom roten Licht der Ampeln und vom raschen Takt der Musik bezaubert und seines Kummers bis zur Verzweiflung überdrüssig, hörte er plötzlich neben sich eine leise Stimme, die fragte: »Ganz allein?«
Schnell wandte er sich um und sah über die Lehne der Bank gebeugt ein hübsches Mädchen mit schwarzen Haaren, mit einem weißen linnenen Hütlein und einer roten leichten Bluse angetan. Sie lachte mit einem hellroten Munde, während ihr um die erhitzte Stirn und die dunkeln Augen ein paar lose Locken hingen. »Ganz allein?« fragte sie mitleidig und schelmisch, und er gab Antwort: »Ach ja, leider.« Da nahm sie sein Weinglas, fragte mit einem Blick um Erlaubnis, sagte Prosit und trank es in einem durstigen Zuge aus. Er sah dabei ihren schlanken Hals, der bräunlich aus dem roten leichten Stoff emporstieg, und indessen sie trank, fühlte er mit heftig klopfendem Herzen, daß sich hier ein Abenteuer anspinne. Er fühlte es nicht ohne Schrecken, aber er war allsofort entschlossen, dabei zu bleiben und alles gehen zu lassen, wie es wollte.
Und es ging vortrefflich. Um doch etwas zur Sache zu tun, schenkte Ladidel das leere Glas wieder voll und bot es dem Mädchen an. Aber sie schüttelte den Kopf und blickte rückwärts nach dem Tanzplatz, wo soeben eine neue Musik erscholl.
»Tanzen möcht ich,« sagte sie und sah dem Jüngling in die Augen, der augenblicklich aufstand, sich vor ihr verbeugte und seinen Namen nannte.
»Ladidel heißen Sie? Und mit dem Vornamen? Ich heiße Fanny.«