Indessen kam der Tag, da das Schützenfest eröffnet werden sollte. Es war ein Sonntag, und das Fest sollte die ganze Woche dauern. Die Stadt hallte von Gesang, Blechmusik, Böllerschießen und Freudenrufen wider, aus allen Straßen her kamen und sammelten sich Züge, Vereine aus dem ganzen Lande waren angekommen, und der Bahnhof wimmelte von Festbesuchern, die in Extrazügen gefahren kamen. Allenthalben schallte Musik, und die Ströme der Menschen und die Weisen der Musikkapellen trafen am Ende alle vor der Stadt am Schützenhause zusammen, wo das Volk seit dem Morgen zu Tausenden wartend stand. Schwarz drängte der Zug in dickem Fluß heran, schwer wankten die Fahnen darüber und stellten sich auf, bis ihrer wohl hundert waren, und eine Musikbande um die andere schwenkte rauschend auf den gewaltigen Platz. Auf alle diese Pracht schien mit noch fast sommerlicher Wärme eine heitere Sonntagssonne hernieder. Die Bannerträger hatten dicke Tropfen auf den geröteten Stirnen, die Festordner schrieen heiser und rannten wie Besessene umher, von der Menge gehänselt und durch Zurufe angefeuert; wer in der Nähe war und Zutritt fand, nahm die Gelegenheit wahr, schon um diese frühe Stunde an den wohlversehenen Trinkhallen einen frischen Trunk zu erkämpfen. Die Wirte riefen sich heiß, traktierten und befahlen einem Volk von Kellnern, Schenkmädchen, Knechten und Verkäuferinnen, fluchten und schwitzten und rechneten, in der Stille lachend, für diesen Glanztag einen Goldregen voraus.

Während dieses feierlichen Tumultes saß Ladidel in seiner Stube auf dem Bett und hatte noch nicht einmal Stiefel an, so wenig schien ihm an der Freude gelegen. Er trug sich jetzt, nach langen ermüdenden Nachtgedanken, mit dem Vorsatz, einen Brief an Martha zu schreiben. Er wollte sie bitten, ihm die Ursache ihres Zürnens zu nennen, ihr sein Unglück darstellen und ihr Herz bewegen, von dem er noch immer in leiser Ahnung sich einiger Anhänglichkeit und Freundschaft versah. Nun zog er aus der Tischlade sein Schreibzeug und einen feinen Briefbogen mit seinem Monogramm hervor, desgleichen ein blaues Kuvert, steckte eine gute neue Feder ins Rohr, machte sie mit der Zunge naß, prüfte die Tinte und schrieb alsdann in einer runden, elegant ausholenden Kanzleischrift zunächst die Adresse, an das wohlgeborne Fäulein Martha Weber in der Hirschgasse, zu eigenen Händen. Mittlerweile stimmte ihn das aus der Ferne herübertönende Geblase und Festgelärme elegisch und er fand es gut, seinen Brief mit der Schilderung dieser Stimmung anzufangen. So begann er mit Sorgfalt:

»Sehr geehrtes Fräulein!

Erlauben Sie mir, mich an Sie zu wenden. Es ist Sonntag morgen und die Musik spielt von ferne, weil das Schützenfest beginnt. Nur ich kann an demselben nicht teilnehmen und bleibe daheim.«

Er überlas die Zeilen, war zufrieden und besann sich weiter. Da fiel ihm noch manche schöne und treffende Wendung ein, mit welcher er seinen betrübten Zustand schildern konnte. Aber was dann? Es wurde ihm klar, daß dies alles nur insofern einen Wert und Sinn haben konnte, als es die Einleitung zu einer Liebeserklärung und Werbung wäre. Und wie konnte er dies wagen? Und je länger er sann, desto mehr ward ihm klar, daß es mit dem Briefe nicht gehe. Und was er auch dachte und ausfand, es hatte alles keinen Wert, solange er nicht sein Examen und damit die Berechtigung zur Werbung hatte. Nun hätte er dies ja wohl im Dunkeln lassen und die Zeit bis dahin als Wartezeit und kurzen Aufschub betrachten können; allein er wußte recht wohl, wie es um seine Aussichten im Examen stand, und konnte weder sich selber noch das Mädchen über diese Sorge wegtäuschen.

Also saß er wieder unschlüssig und verzweifelt, und wieder schien ihm alles, was Martha ihm Freundliches erwiesen und was er zu seinen Gunsten zu deuten hatte, jämmerlich ungewiß und gering. Eine Stunde verging und er kam nicht weiter. Das ganze Haus lag in tiefer Ruhe, da alles draußen war, und über die Dächer hinweg jubelte die ferne Musik und das Brausen der Glocken. Ladidel hing seiner Trauer nach und bedachte, wieviel Freude und Lust ihm heute verloren ging, und daß er kaum in langer Zeit, ja vielleicht niemals wieder Gelegenheit haben würde, eine so große und glänzende Festlichkeit zu sehen. Darüber überfiel ihn ein Mitleiden mit sich selber und ein unüberwindliches Trostbedürfnis, dem die Gitarre nicht zu genügen vermochte.

Darum tat er gegen Mittag das, was er durchaus nicht hatte tun wollen. Er zog seine Stiefel an und verließ das Haus, und während er nur hin und wider zu wandeln meinte und bald wieder daheim sein und an den Brief und an sein Elend denken wollte, zogen ihn Musik und Lärm und Festzauber von Gasse zu Gasse wie der Magnetberg ein Schiff, und unversehens stand er bei dem Schützenhaus. Da wachte er auf und schämte sich seiner Schwäche und meinte seine Trauer verraten zu haben, doch währte alles dies nur Augenblicke, denn die Menge trieb und toste betäubend, und Ladidel war nicht der Mann, in diesem Jubel fest zu bleiben oder wieder zu gehen. Auf sein Gemüt wirkten, wie bei einem Kinde und wie beim niederen Volk, Umgebung und Ton und Luft zerstreuend und erregend, der Taumel so vieler zog ihn mit und nahm ihn wie eine mächtige Wolke von sich selber und allem kaum Gewesenen hinweg in ein verzaubertes Reich des Feiertags und der besinnungslosen Lust.

Ladidel trieb ohne Ziel und ohne Willen umher, von der Menge mitgenommen, und sah und hörte und roch und atmete so viel Fremdes, Erregendes ein, daß ihm wohlig schwindelte. Ungefragt erfuhr er alles, was der Menge wichtig war und wissenswert erschien, daß das Schießen erst am Nachmittag beginnen sollte, dagegen die Festtafel bald anhebe, daß nach Tische vielleicht der König herauskommen werde, um sich das auch zu besehen, ferner wieviel und welcherlei Preise bereitlägen und wer sie gestiftet habe, was der Eintritt zur Halle und was ein Gedeck an der Festtafel koste. Dazwischen rauschte aus Trompeten und Hörnern da und dort und überall feurige Musik, und in Pausen drang von der Ferne her, wo das Tafeln begonnen hatte, eindringlich und süß die weichere Musik von Geigen und Flöten. Außerdem geschah auf Schritt und Tritt in der Menge des Volkes viel Sonderbares, Erheiterndes und Erschreckendes, es wurden Pferde scheu, Kinder fielen um und schrien, ein vorzeitig Betrunkener sang unbekümmert, als wäre er allein, sein Lied und schien über sein eigenes Taumeln und Entrücktsein überaus belustigt und vergnügt. Händler zogen rufend umher, mit Orangen und Zuckerwaren, mit Luftballonen für die Kinder, mit Backwerk und mit künstlichen Blumensträußchen für die Hüte der Burschen, abseits drehte sich unter heftiger Orgelmusik ein Karussell. Hier hatte ein Hausierer laute Händel mit einem Käufer, der nicht zahlen wollte, dort führte ein Polizeidiener ein verlaufenes Büblein an der Hand.

Dieses heftige Leben sog der betäubte Ladidel in sich und fühlte sich beglückt, an einem solchen Treiben teilzunehmen und Dinge mit Augen zu sehen, von denen man noch lange im ganzen Lande reden würde. Es war ihm wichtig, zu hören, um welche Stunde man den König erwarte, und als es ihm gelungen war, in die Nähe der Ehrenhalle zu dringen, wo die Tafel auf einer fahnengeschmückten Höhe stattfand, schaute er mit Bewunderung und Verehrung den Oberbürgermeister, die Stadtvorstände, den Oberamtmann und andre Würdenträger mit Orden und Abzeichen zumitten des Ehrentisches sitzen und speisen und weißen Wein aus geschliffenen Gläsern trinken. Flüsternd nannte man die Namen der Männer, und wer etwas Weiteres über sie wußte oder gar schon mit ihnen zu tun gehabt hatte, fand dankbare Zuhörer. Ein bekannter Fabrikant und Millionär wurde erkannt und besprochen, dann der Sohn eines Ministers, und schließlich wollte man in einem jungen Manne oben an der Tafel einen Prinzen erkennen. Daß das alles vor seinen Augen vor sich ging und soviel Glanz zu schauen ihm vergönnt war, machte einen jeden glücklich. Auch der kleine Ladidel staunte und bewunderte und fühlte sich groß und bedeutend als Zuschauer solcher Dinge; er sah ferne Tage voraus, da er Leuten, die weniger glücklich waren und nicht hatten dabei sein können, die ganze Herrlichkeit genau beschreiben würde.

Das Mittagessen vergaß er ganz, und als er nach einigen Stunden Hunger verspürte, setzte er sich in das Zelt eines Zuckerbäckers und verzehrte ein paar Stücke Kuchen. Dann eilte er, um ja nichts zu versäumen, wieder ins Gewühl, und war so glücklich, den König zu sehen, wenn auch nur von hinten. Nun erkaufte er sich den Eintritt zu den Schießständen, und wenn er auch vom Schießwesen nichts verstand, sah er doch mit Vergnügen und Spannung den Schützen zu, ließ sich einige berühmte Helden zeigen und betrachtete mit Ehrfurcht das Mienenspiel und Augenzwinkern der Schießenden. Alsdann suchte er das Karussell auf und sah ihm eine Weile zu, wandelte unter den Bäumen in der frohen Menschenflut, kaufte eine Ansichtskarte mit dem Bildnis des Königs und dem Landeswappen, hörte alsdann lange Zeit einem Marktschreier zu, der seine Waren fleißig ausrief und einen Witz um den andern machte, und weidete seine Augen am Anblick der geputzten Volksscharen. Errötend entwich er von der Bude eines Photographen, dessen Frau ihn zum Eintritt eingeladen und unter dem Gelächter der Umstehenden einen entzückenden jungen Don Juan genannt hatte. Und immer wieder blieb er stehen, um einer Musik zuzuhören, bekannte Melodien mitzusummen und sein Stöcklein im Takt dazu zu schwingen.