Martha hatte es mit ihrem Verweise nicht schlimm gemeint und war nun erstaunt, als sie wahrnahm, daß Alfred eine Woche und länger ihr Haus mied. Er tat ihr ein wenig leid und sie hätte ihn gar gerne wiedergesehen. Als er aber acht und zehn Tage ausblieb und wirklich zu grollen schien, besann sie sich darauf, daß sie ihm das Recht zu einem so liebhabermäßigen Betragen niemals eingeräumt habe. Nun begann sie selber zu zürnen. Wenn er wiederkäme und den gnädig Versöhnten spielen würde, wollte sie ihm zeigen, wie sehr er sich getäuscht habe.

Indessen war sie selbst im Irrtum, denn Ladidels Ausbleiben hatte nicht Zorn und Trotz, sondern Schüchternheit und Furcht vor Marthas Strenge zur Ursache. Er wollte einige Zeit vergehen lassen, bis sie ihm seine damalige Zudringlichkeit vergeben und er selber die Dummheit vergessen und die Scham überwunden habe. In dieser Bußzeit spürte er deutlich, wie sehr er sich schon an den Umgang mit Martha gewöhnt hatte und wie sauer es ihn ankommen würde, auf die warme Nähe eines lieben Mädchens wieder zu verzichten. Das Studieren, das er zur Verstärkung seiner Buße und zum Kampf wider die lange Zeit betrieb, trug nicht dazu bei, ihn zu trösten und geduldiger zu machen. So hielt er es denn nicht länger als bis in die Mitte der zweiten Woche aus, rasierte sich eines Tages sorgfältig, schlang eine neue Binde um den reinen Hemdkragen und sprach bei den Weberschen vor, diesmal ohne Fritz, den er nicht zum Zeugen seiner Beschämtheit machen wollte.

Um nicht mit leeren Händen und lediglich als Bettler zu erscheinen, hatte er sich einen hübschen Plan ausgedacht. Es stand für die letzte Woche des September ein großes Fest- und Preisschießen bevor, worauf die ganze Stadt schon eifrig rüstete. Zu dieser Lustbarkeit gedachte Alfred Ladidel, der selber ein Liebhaber solcher Festfreuden war, die beiden Fräulein Weber einzuladen und hoffte damit eine hübsche Begründung seines Besuches wie auch gleich einen Stein im Brett bei Martha zu gewinnen.

Ein freundlicher oder auch nur milder Empfang hätte den Verliebten, der seit Tagen seiner Einsamkeit übersatt war, getröstet und zum treuen Diener gemacht. Nun hatte aber Martha, durch sein Ausbleiben, das sie für Trotz hielt, verletzt, sich hart und strenge gemacht. Sie grüßte kaum, als er die Stube betrat, überließ Empfang und Unterhaltung ihrer Schwester und ging, mit Abstauben beschäftigt, im Zimmer ab und zu, als wäre sie allein. Ladidel war sehr eingeschüchtert, machte ein betrübtes, demütiges Gesicht, und wagte erst nach einer Weile, da sein verlegenes Gespräch mit Meta versiegte, sich an die Beleidigte zu wenden und seine Einladung vorzubringen, von welcher er sich einen Umschwung und Marthas Versöhnung versprach.

Die aber war jetzt nimmer zu fangen. Alfreds Bestürzung und demütige Ergebenheit bestärkte nur ihren Beschluß, das Bürschlein diesmal in die Kur zu nehmen und ihm die Krallen zu stutzen. Sie hörte kühl zu, dankte kurz und höflich, lehnte die Einladung jedoch ab mit der Begründung, es stehe ihr nicht zu, mit jungen Herren Feste zu besuchen, und was ihre Schwester angehe, so sei diese verlobt und sei es Sache ihres Bräutigams, sie einzuladen und mitzunehmen, falls er dazu Lust habe.

Das alles brachte sie so frostig vor, und schien Alfreds guten Willen so wenig anzuerkennen, daß er erstaunt und ernstlich verletzt sich an Meta mit der Frage wandte, ob sie diese Meinung teile. Und da Meta, wenn schon höflicher, der Schwester recht gab, griff Ladidel nach seinem Hut, verbeugte sich kurz und ging davon wie ein Mann, der bedauert, an einer falschen Türe angeklopft zu haben, und nicht im Sinn hat wiederzukommen. Die alte Frau Weber war nicht da, Meta versuchte zwar ihn zurückzuhalten und ihm zuzureden, Martha aber hatte seine Verbeugung mit einem Nicken gleichmütig erwidert, und Alfred war es nicht anders zumute, als hätte sie ihm für immer abgewinkt. Er ging hinaus und schnell die Treppe hinab, und je schneller er lief und je weiter er wegkam, desto rascher verwandelten sich seine Bestürzung und Enttäuschung in Beleidigung und Zorn, da er eine solche Aufnahme seines redlichen Willens durchaus nicht verdient zu haben glaubte.

Einen geringen Trost gewährte ihm der Gedanke, daß er sich in dieser Sache männlich und stolz gezeigt habe. Zorn und Trauer überwogen jedoch, grimmig lief er nach Hause, und als am Abend Fritz Kleuber ihn besuchen wollte, ließ er ihn an der Türe klopfen und wieder gehen, ohne sich zu zeigen. Die Bücher sahen ihn ermahnend an, die Gitarre hing an der Wand, aber er ließ alles liegen und hängen, ging aus und trieb sich den Abend in den Gassen herum, bis er müde war. Dabei fiel ihm alles ein, was er je Böses über die Falschheit und Wandelbarkeit der Weiber hatte sagen hören, und was ihm früher als ein leeres und scheelsüchtiges Geschwätz erschienen war. Jetzt begriff er alles, fand auch die bittersten Worte zutreffend, wenn nicht zu milde, und hätte wohl ein Gedicht mit kräftigen Sprüchen solcher Art zusammengestellt, wenn es ihm nicht doch zu elend ums Herz gewesen wäre.

Es vergingen einige Tage, und Alfred hoffte beständig, gegen seinen Stolz und Willen, es möchte etwas geschehen, ein Brieflein oder eine Botschaft durch Fritz kommen, denn nachdem der erste Groll vertan war, schien ihm eine Versöhnung doch nicht ganz außer der Möglichkeit, und sein Herz wandte sich über alle Gründe hinweg stetig zu dem bösen Mädchen zurück. Allein es geschah nichts und es kam niemand. Das große Schützenfest jedoch rückte näher, und ob es dem betrübten Ladidel gefiel oder nicht, er mußte tagaus tagein sehen und hören, wie jedermann sich bereitmachte, die glänzenden Tage zu feiern. Es wurden Bäume errichtet und Girlanden geflochten, Häuser mit Tannenzweigen geschmückt und Torbögen mit Inschriften, die große Festhalle am Wasen war fertig und ließ schon Fahnen flattern, und dazu tat der Herbst seine schönste Bläue auf, stieg die Sonne aus den leichten Morgennebeln täglich klarer und festlicher empor.

Obwohl Ladidel sich wochenlang auf das Fest gefreut hatte, und obwohl ihm und seinen Kollegen ein freier Tag oder gar zwei bevorstanden, verschloß er sich doch der Freude gewaltsam und hatte fest im Sinn, die Festlichkeiten mit keinem Auge zu betrachten und in den Tagen der allgemeinen Fröhlichkeit desto trotziger bei seinem Schmerz zu bleiben. Mit Bitterkeit sah er Fahnen und Laubgewinde, hörte da und dort in den Gassen hinter offenen Fenstern die Musikkapellen Proben halten und die Mädchen bei der Arbeit singen, und je mehr die Stadt von Erwartung und Vorfreude scholl und tönte, desto feindseliger ging er in dem Getümmel seinen finstern Weg, das Herz voll Bitternis und grimmiger Entsagung. In der Schreibstube hatten die Kollegen schon seit einiger Zeit von nichts als dem Fest mehr gesprochen und Pläne ausgeheckt, wie sie der Herrlichkeit recht schlau und gründlich froh werden wollen. Zuweilen gelang es Ladidel, den Unbefangenen zu spielen und so zu tun, als freue auch er sich und habe seine Absichten und Pläne; meistens aber saß er schweigend an seinem Pult und trug einen wilden Fleiß zur Schau. Dabei brannte ihm die Seele nicht nur um Martha und den Verdruß mit ihr, sondern mehr und mehr auch um die große Festlichkeit, auf die er so lang und freudig gewartet hatte und von der er nun nichts haben sollte.

Seine letzte Hoffnung fiel dahin, als Kleuber ihn aufsuchte, wenige Tage vor dem Beginn des Festes. Dieser machte ein betrübtes Gesicht und erzählte, er wisse gar nicht, was den Mädchen zu Kopf gestiegen sei, sie hätten seine Einladung zum Fest abgelehnt und erklärt, in ihren Verhältnissen könne man keine Lustbarkeiten mitmachen. Nun machte er Alfred den Vorschlag, mit ihm zusammen sich frohe Festtage zu schaffen, wenn auch in aller Bescheidenheit, denn wenn er auch nicht gesonnen sei, auf alles zu verzichten, so wisse er doch, was er seinem Stande als Bräutigam schulde. Immerhin geschähe es den spröden Jungfern ganz recht, wenn er nun eben ohne sie den einen oder andern Taler draufgehen lasse. Allein Ladidel widerstand auch dieser Versuchung. Er dankte freundlich, erklärte aber, er sei nicht recht wohl und wolle auch die freie Zeit dazu benutzen, um in seinen Studien weiterzukommen. Von diesen Studien hatte er seinem Freunde früher so viel erzählt und so viele Kunstausdrücke und Fremdwörter dabei aufgewendet, daß Fritz nun in tiefem Respekt keine Einwände wagte und traurig wieder ging. Aber als er fort war, langte Alfred die Gitarre herab, stimmte und präludierte, räusperte sich und sang in seinem Leide das Lied: »Wie die Blümlein draußen zittern.« Und als der Refrain zum zweiten Male wiederkehrte: »O bleib bei mir und geh nicht fort, mein Herz ist ja dein Heimatort!«, da überschlug ihm die Stimme und er ließ den Kopf über die Gitarre sinken und seine Tränen über die Saiten laufen. Erst eine Stunde später, als er schon im Bette lag, fiel ihm ein, daß das Instrument leiden könnte, und er stand auf, um es abzuwischen, aber die Tropfen waren schon im trocknen Holz verronnen.