Ladidel sagte leise ja und senkte den Kopf.

»Es ist das Beste, Sie sagen es ihm selbst. Aber tun Sie es gewiß, und warten Sie damit nicht lang, denn schreiben muß ich ihm doch. Am besten fahren Sie gleich morgen nach Hause. Und jetzt adieu. Sehen Sie mir ins Gesicht! Und behalten Sie mich in gutem Andenken. Wenn Sie mir später einmal Bericht geben, wird es mich freuen. Nur jetzt den Kopf nicht ganz hängen lassen und keine neuen Dummheiten machen! – Adieu denn, und grüßen Sie den Herrn Vater von mir!«

Er gab dem Bestürzten die Hand, drückte ihm die seine kräftig und schob ihn, der noch reden und danken wollte, zur Tür.

Damit stand unser Freund auf der Gasse und konnte sehen, was weiter käme. Er hatte im Kontor nur ein paar schwarze Ärmelschoner zurückgelassen, an denen war ihm nichts gelegen, und er zog es vor, sich dort nimmer zu zeigen und sich das Abschiednehmen von den Kollegen zu ersparen. Allein so betrübt er war und so sehr ihm vor der Heimfahrt und dem Vater und der ganzen kommenden Zeit graute, auf dem Grund seiner Seele war er doch dankbar und beinahe vergnügt, der furchtbaren Angst vor Polizei und Schande ledig zu sein; und während er langsam durch die Straßen ging, schlich auch der Gedanke, daß er nun kein Examen mehr vor sich habe, als ein tröstlicher Lichtstrahl in sein Gemüt, das von den vielen Erlebnissen dieser Tage auszuruhen und aufzuatmen begehrte.

So begann ihm beim Dahinwandeln allmählich auch das ungewohnte Vergnügen, Werktags um diese Tageszeit frei durch die Stadt zu spazieren, recht wohl zu gefallen. Er blieb vor den Auslagen der Kaufleute stehen, betrachtete die Kutschenpferde, die an den Ecken warteten, schaute auch zum zartblauen Herbsthimmel hinan und genoß für eine Stunde ein unverhofftes Ferien- und Herrengefühl. Dann kehrten seine Gedanken in den alten engen Kreis zurück, und als er, schon wieder gedrückt und ziemlich mutlos, in der Nähe seiner Wohnung um eine Gassenecke bog, mußte ihm gerade eine hübsche junge Dame begegnen, die dem Fräulein Martha Weber ähnlich sah. Da fiel ihm alles wieder recht aufs Herz, seine mißglückten und lächerlichen Versuche auf dem Gebiete der Liebe zumal, und er mußte sich vorstellen, was wohl die Martha denken und sagen würde, wenn sie seine ganze Geschichte erführe. Erst jetzt fiel ihm ein, daß sein Fortgehen von hier ihn nicht nur von Amt und Zukunft, sondern auch aus der Nähe des geliebten Mädchens entführe. Und alles um diese Fanny.

Je mehr ihm das klar wurde, desto stärker ward sein Verlangen, nicht ohne einen Gruß an Martha fortzugehen. Schreiben mochte und durfte er ihr nicht, es blieb ihm nur der Weg durch Fritz Kleuber. Darum kehrte er, kurz vor dem Hause, um und suchte Kleuber in seiner Rasierstube auf.

Der gute Fritz hatte eine ehrliche Freude, ihn wieder zu sehen. Doch deutete Ladidel ihm nur in Kürze an, er müsse aus besonderen Gründen seine Stelle verlassen und wegreisen.

»Nein aber!« rief Fritz betrübt. »Da müssen wir aber wenigstens noch einmal zusammensein, wer weiß, wann man sich wieder sieht! Wann mußt du denn reisen?«

Alfred überlegte. »Morgen muß ich doch noch packen. Also übermorgen.«

»Dann mache ich mich morgen abend frei und komme zu dir, wenn dir's recht ist.«