Die Neuerungen in der Stadt gefielen ihm nicht übel. Er fand, es sei auch hier Arbeit und Bedürfnis gewachsen, wenn auch mit Maß, und sowohl die Gasanstalt wie das neue Volksschulhaus fand seine Billigung. Die Bevölkerung schien ihm, der dafür in der Welt ein Auge bekommen hatte, recht wohlerhalten, ob auch nicht mehr so ungemischt einheimisch wie vor Zeiten, da die Enkel von Zugewanderten noch durchaus für Fremde gegolten hatten. Die ansehnlicheren Geschäfte schienen alle noch in den Händen von ortsbürtigen Leuten zu sein, der Zuwachs aus Eindringlingen war nur unter der Arbeiterschaft deutlich zu spüren. Es mußte also das bürgerliche Leben von einstmals noch wohlerhalten fortbestehen, und es war zu hoffen, daß ein Heimkommender auch nach langer Abwesenheit sich bald zurechtfinden und wieder heimisch machen könne.

Kurz, dem einsam und beschäftigungslos gewordenen Manne kam die Heimat, die er sich nicht in den Zeiten der Fremde durch Heimweh und Erinnerungslust unnütz verklärt hatte, nun lieblich vor und atmete einen friedvoll wohligen Zauber, dem der im Gefühlswesen Unverdorbene und Ungeübte nicht widerstand. Als er zeitig am Abend in das Gasthaus zurückkehrte, war er in guter Stimmung und bereute nicht, diese Reise getan zu haben. Er nahm sich vor, zunächst einige Zeit hier zu bleiben und abzuwarten, und wenn dann die Befriedigung anhielte, sich am Ort niederzulassen. Es ließe sich dann, dachte er, selbständig oder im Anschluß an eine der Gerbersauer Fabriken mit der Zeit eine neue, erfreuliche Tätigkeit beginnen. Denn er glaubte doch schon jetzt zu spüren, daß ein beschauliches Rentenverzehren und Spazierengehen nicht seine Sache sein werde.

Das Bewußtsein, in der alten heimischen Stadt zu sein und doch von keinem einzigen Menschen erkannt und begrüßt zu werden, tat ihm gar nicht weh, wenn es auch wunderlich war, so wie in einer Maske zwischen lauter Schulfreunden, Jugendgenossen und Verwandten einherzugehen. Er genoß es mit schlauer Freude und mit dem Hintergedanken, daß er jetzt immer noch ohne alles Aufheben wieder verschwinden könnte, wenn es ihm einfiele. Dazu wußte er genau, daß das Begrüßen und Anstaunen und Ausfragen gar reichlich auf ihn warte; denn er kannte die hiesige Art noch wohl genug, um sich das alles recht gut vorausdenken zu können. Er hatte es damit nicht eilig, da ja nach einer so langen Zeit auch von den ehemaligen Freunden mehr Neugierde und freundliche Überraschung als Freundschaft und Teilnahme zu erwarten war.

Das behaglich erwartungsvolle Inkognito des alten Weltfahrers nahm denn auch bald sein Ende. Nach dem Abendessen brachte der Schwanenwirt seinem Gaste das Logierbuch und ersuchte ihn höflich, die Rubriken unter Nummer soundso auszufüllen. Er tat es weniger, weil es unbedingt notwendig war, als weil er selber es satt hatte, sich über Herkunft und Rang des Fremdlings den Kopf zu zerbrechen. Und der Gast nahm das dicke Buch, las eine Weile die Namen vormaliger Gäste durch, nahm dann dem wartenden Wirte die eingetauchte Feder aus der Hand und schrieb mit kräftigen, deutlichen Buchstaben, alle Fächlein gewissenhaft ausfüllend. Der Wirt sagte Dank, streute Sand auf und entfernte sich mit dem Folianten wie mit einer Beute, um vor der Türe sofort seine Neugierde zu stillen. Er las: Schlotterbeck, August – aus Rußland – auf Geschäftsreisen. Und wenn er auch die Herkunft und Geschichte des Mannes nicht kannte, so schien der Name Schlotterbeck doch auf einen Gerbersauer hinzudeuten. In die Gaststube zurückkehrend, fing der Wirt mit dem Fremden ein vorsichtiges und respektvolles Gespräch an. Er begann mit dem Gedeihen und Wachstum der hiesigen Stadt, kam auf Straßenverbesserungen und neue Eisenbahnanschlüsse zu sprechen, berührte die Stadtpolitik, äußerte sich über die letztjährige Dividende der Wollspinnerei-Aktiengesellschaft und schloß nach einem Viertelstündchen mit der harmlosen Frage, ob der Herr nicht Verwandte am Orte habe. Darauf antwortete Schlotterbeck gelassen, ja, er habe Verwandte hier und gedenke etwa noch bei ihnen vorzusprechen, fragte aber nach keinem und zeigte so wenig Neugier, daß das Gespräch bald versiegend dahinschwankte und in sich selbst versank, und der Wirt mit Höflichkeit sich zurückziehen mußte. Der Gast trank einen guten Wein mit Maß und Genuß, las unberührt von den Gesprächen des Nachbartisches eine Zeitung und suchte früh seine Schlafstube auf.

Inzwischen taten der Eintrag ins Fremdenbuch und die Unterhaltung mit dem Schwanenwirt in aller Stille ihre Wirkung, und während August Schlotterbeck ahnungslos und zufrieden in dem guten, auf heimische Art geschichteten Wirtsbette den ersten Schlaf und Traum im Vaterlande tat, machte sein Name und das Gerücht von seiner Ankunft manche Leute munter und gesprächig und einen sogar schlaflos. Dieser war Augusts leiblicher Vetter und nächster Verwandter, der Kaufmann Lukas Pfrommer an der Spitalgasse. Eigentlich war er Buchbinder und hatte früher als Handwerksbursche ein paar Jahre lang in deutschen Landen das Handwerk gegrüßt, alsdann in Gerbersau eine bescheidene Werkstätte eröffnet und lange Zeit den Schulkindern ihre ruinierten Fibeln wieder geflickt und der Frau Amtsrichter halbjährlich die Gartenlaube eingebunden, auch Schreibhefte hergestellt und Haussegen eingerahmt, vom Untergang bedrohte Holzschnitte durch Hinterkleben und Aufziehen der Welt erhalten und den Kanzleien graue und grüne Aktendeckel, Mappen und Kartonbände geliefert. Dabei hatte er unmerklich etwas erspart und hinter sich gebracht, jedenfalls keine Sorgen gehabt. Alsdann hatten die Zeiten sich verändert, die kleinen Handwerker hatten fast alle irgend ein Schaufenster und Ladengeschäft angefangen, die größeren waren Fabrikanten geworden. Da hatte auch Pfrommer die Vorderwand seines Häusleins durchschlagen und ein Schaufenster eingesetzt, sein Erspartes von der Bank genommen und einen Papier- und Galanteriewarenladen eröffnet, wo seine Frau den Verkauf betrieb und Haushalt und Kinder drüber zu kurz kommen ließ, indessen der Mann weiter in seiner Werkstatt schaffte. Doch war der Laden jetzt die Hauptsache, wenigstens vor den Leuten, und wenn er nicht mehr einbrachte, als das Handwerk, so kostete er doch mehr und machte mehr Sorgen. So war Pfrommer Kaufmann geworden. Mit der Zeit gewöhnte er sich an diese geachtete und stattlichere Stellung, zeigte sich in den Straßen nimmer in der grünen Schürze, sondern stets im guten Rock, lernte mit Kredit und Hypotheken arbeiten und konnte sich zwar in Ehren halten, hatte die Ehre aber weit teurer als früher. Die Vorräte an unverkäuflich gewordenen Neujahrskarten, Bildchen, Albumen, an abgelegenen Zigarren und im Schaufenster verbleichtem Trödelkram wuchsen langsam, doch sicher und kamen ihm nicht selten im Traume vor. Und seine Frau, eine geborene Pfisterer aus der oberen Vorstadt, die früher ein lustiges und erfreuliches Weibchen gewesen war, verwandelte sich durch das Empfehlen und Schöntun im Laden sowie später durch die Sorgen und Rechenkünste allmählich in eine unruhige Sorgerin, der das seßhaft gewordene süße Ladenlächeln gar nimmer in das altgewordene Gesicht paßte. Es war keine Not im Hause, und Herr Pfrommer galt in seiner Heimat für einen ansehnlichen Vertreter des guten Bürgerstandes, aber ihm selber war es in den bescheidenen Handwerkszeiten, in die er doch jetzt nimmer zurückgekehrt wäre, bedeutend wohler gewesen und besser gegangen als in der neuen Pracht.

Dieser Mann, Schlotterbecks Vetter, hatte gestern Abend gegen neun Uhr, als er mit der Zeitung bei der Lampe saß, zu seiner großen Überraschung einen Besuch des Schwanenwirtes erhalten. Er hatte ihn erstaunt empfangen, jener aber hatte nicht Platz nehmen wollen, sondern erklärt, er müsse sofort zu seinen Gästen zurück, unter denen er übrigens den Herrn Pfrommer in letzter Zeit leider nur selten habe sehen dürfen. Aber er sei der Meinung, unter Mitbürgern und Nachbarn sei ein kleiner Liebesdienst selbstverständlich und Ehrensache, darum wolle er ihm in allem Vertrauen mitteilen, daß bei ihm seit heute ein fremder Herr logiere, mit wohlhabenden Manieren, der sich Schlotterbeck schreibe und aus Rußland zu kommen vorgebe. Da war Lukas Pfrommer aufgesprungen und hatte wie bei einem Hausbrand der Frau gerufen, die schon im Bette war, nach Stiefeln, Stock und Sonntagshut gekeucht und sich sogar in aller Eile noch die Hände gewaschen, um dann im Laufschritt hinter dem Wirte her in den Schwanen zu eilen. Dort hatte er aber den russischen Vetter nicht mehr im Gastzimmer angetroffen, und ihn in der Schlafstube aufzusuchen wagte er doch nicht, denn er mußte sich sagen, wenn der Vetter extra seinetwegen die große Reise getan hätte, so hätte er ihn wohl schon bei sich gesehen. So trank er denn erregt und halb enttäuscht einen halben Liter Heilbronner zu sechzig, um dem Wirte eine Ehre anzutun, lauschte auf die Unterhaltung einiger Stammgäste und hütete sich, etwas von dem eigentlichen Zwecke seines Hierseins zu verraten.

Am Morgen war Schlotterbeck kaum in den Kleidern und zum Kaffee heruntergekommen, als ein älterer Mann von kleinem Wuchs, der offenbar schon eine gute Weile bei seinem Gläschen Kirschengeist gewartet hatte, sich seinem Tische in Befangenheit näherte und ihn mit einem recht schüchternen Kompliment begrüßte. Schlotterbeck sagte guten Morgen und fuhr fort, sein Butterbrot mit herrlichem Honig zu bestreichen; der Besucher aber blieb stehen, sah ein wenig zu und räusperte sich wie ein Redner, ohne doch etwas Deutsches herauszubringen. Erst als ihn der Fremde fragend anblickte, entschloß er sich, mit einem zweiten Kompliment an den Tisch heranzutreten und mit seinen Eröffnungen zu beginnen.

»Mein Name ist Lukas Pfrommer«, sagte er und schaute den Rußländer erwartungsvoll an.

»So«, sagte dieser, ohne sich aufzuregen. »Sind Sie Buchbinder, wenn ich fragen darf?«

»Ja, Kaufmann und Buchbinder, an der Spitalgasse. Sind Sie – –«