»Ja,« sagte er nachdenklich, »ich dachte damals in der schlimmsten Zeit daran, mich vielleicht an euch hier zu wenden. Nun, es ist schließlich auch so gegangen. Es wäre auch dumm gewesen. Wer wird einem so entfernten Verwandten, den man kaum mehr kennt, noch Geld in die Pleite nachwerfen.«

»Ja du mein Gott, – Pleite, sagst du?«

»Nun ja, es hätte so kommen können. Wie gesagt, ich fand dann anderwärts Hilfe ...«

»Das war wirklich nicht recht von dir! Sieh, wir sind ja arme Teufel und brauchen unser bißchen nötig genug; aber daß wir dich gerade hätten stecken lassen, nein, es ist nicht recht von dir, daß du das hast meinen können.«

»Na, tröste dich, es ist ja besser so. Wie geht's denn deiner Frau?«

»Danke, gut. Ich Esel, fast hätte ich's in der Freude vergessen, ich soll dich ja zum Mittagessen einladen. Du kommst doch?«

»Gut. Danke schön. Ich hab' unterwegs eine Kleinigkeit für die Kinder eingekauft, das könntest du gerade mit nehmen und deine Frau einstweilen von mir grüßen.«

Damit wurde er ihn los. Der Buchbinder zog erfreut mit einem Paketchen nach Hause, und da der Inhalt sich als recht nobel erwies, nahm seine Meinung von des Vetters Geschäften wieder einen Aufschwung. Dieser war indessen froh, den gesprächigen Mann für eine Weile vom Hals zu haben, und begab sich aufs Rathaus, um seinen Paß vorzulegen und sich zu einem hiesigen Aufenthalt für unbestimmte Zeit anzumelden.

Es hätte dieser Anmeldung nicht bedurft, um Schlotterbecks Heimkehr in der Stadt bekannt zu machen. Dies geschah ohne sein Bemühen durch eine geheimnisvolle drahtlose Telegraphie, so daß er jetzt auf Schritt und Tritt angerufen, begrüßt oder zumindest angeschaut und durch Lüftung der Hüte bewillkommnet wurde. Man wußte schon gar viel von ihm, namentlich aber nahm sein Barvermögen in der Leute Mund schnell einen fürstlichen Umfang an. Einige verwechselten beim Weiterberichten in der Eile Chicago mit San Franzisko und Rußland mit der Türkei, nur das mit unbekannten Geschäften erworbene Vermögen blieb ein fester Glaubenssatz, und in den nächsten Tagen wimmelte es in Gerbersau von Lesarten, die zwischen einer halben und zehn Millionen und zwischen den Erwerbsarten vom Kriegslieferanten bis zum Sklavenhändler je nach Temperament und Phantasie der Erzähler auf und nieder spielten. Man erinnerte sich des längstverstorbenen alten Weißgerbers Schlotterbeck und der Jugendgeschichte seines Sohnes, es fanden sich solche, die ihn als Lehrling und als Schulbuben und als Konfirmanden noch im Gedächtnis hatten, und eine verstorbene Fabrikantenfrau wurde zu seiner unglücklichen Jugendliebe ernannt.

Er selber bekam, da es ihn nicht interessierte, wenig von diesen Historien zu hören. An jenem Tage, da er bei seinem Vetter zu Tisch geladen war, hatte ihn vor dessen Frau und Kindern ein unüberwindliches Grauen erfaßt, so übel maskiert war ihm die Spekulation auf den Erbvetter entgegengetreten. Er hatte um des Friedens willen dem Verwandten, der viel zu klagen gewußt hatte, ein mäßiges Darlehn gewährt, zugleich aber war er sehr kühl und wortkarg geworden und hatte sich für weitere Einladungen einstweilen im voraus freundlich bedankt. Die Frau war enttäuscht und gekränkt, doch ward im Hause Pfrommer von dem Vetter vor Zeugen nur ehrerbietig geredet.